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Müllers Memo: Die Große Destabilisierung

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Krieg, Unruhen, Krisen: Binnen weniger Wochen hat sich die Großwetterlage erheblich eingetrübt. Die Welt scheint gefangen in einer Problemspirale aus wirtschaftlicher Stagnation und politischen Spannungen - allerlei Horrorszenarien inklusive.

Kaufhaus Printemps in Paris: Viele Franzosen zweifeln am System Zur Großansicht
REUTERS

Kaufhaus Printemps in Paris: Viele Franzosen zweifeln am System

Unruhige Zeiten: Die islamistischen Terrortruppen des IS morden scheinbar unaufhaltsam weiter, unterwerfen immer größere Teile Syriens und des Irak. Der Konflikt mit Russland um die Ostukraine kann jederzeit eskalieren.

Der Eurozone droht ein Rückfall in die Rezession, womöglich gar in eine Deflation nach japanischem Vorbild (neue Daten zur Preisentwicklung im Euroraum werden am Freitag veröffentlicht). Italiens Wirtschaft schrumpft seit Jahren. Viele Franzosen verlieren angesichts der langen Stagnation den Mut und würden am liebsten nicht nur die Regierung, sondern gleich das ganze System abschaffen. Sogar im bislang robusten Deutschland trübt sich die Stimmung ein, wie der Ifo-Indikator am Montag und der GfK-Konsumklimaindex am Mittwoch zeigen dürften.

Währenddessen dreht sich in Israel die Gewaltspirale immer weiter.

Die rekordhohe private Verschuldung in vielen Schwellenländern hat das Zeug, sich in einer weiteren veritablen Finanzkrise zu entladen, wie kürzlich der indische Notenbank-Chef Raghuram Rajan gewarnt hat. Gerade China leidet unter den Exzessen der vergangenen Jahre. Die USA erleben die schlimmsten Rassenunruhen seit Jahrzehnten. Japan findet trotz übergroßer Geldspritzen nicht zurück auf den Wachstumspfad. Großbritannien, Spanien und Belgien drohen sich entlang ethnischer Grenzen auseinanderzudividieren.

Die Liste ließe sich verlängern.

Schlaglichter, die derzeit die Nachrichtenlage prägen. All die scheinbar unzusammenhängenden Krisensymptome lassen sich zu Horrorszenarien verdichten - ein reicher Fundus für Apokalyptiker.

Welches Label passt?

Schon seltsam: Gerade anderthalb Jahrzehnte ist es her, dass sich der Westen angekommen wähnte in einem ökonomischen Nirvana namens New Economy: Wachstum und Wohlstand durch technologische Innovation und die Befriedung der Welt durch fortschreitende Verbürgerlichung. Diese Erzählung erwies sich zwar als allzu optimistisch. Sie wurde abgelöst durch ein neues Label: die Große Beruhigung ("great moderation") der Weltwirtschaft, die trotz des "Kriegs gegen Terror" ohne große Schwankungen immer weiter gedeihen sollte.

Der Crash von 2008 zerstörte diese Hoffnungen und führte in die Große Rezession, die zwar formal vorbei ist, deren Folgen uns aber bis heute beschäftigen.

Und was jetzt? Welches Label passt auf unsere Epoche? Große Stagnation, hat Larry Summers, US-Ökonom und früherer Finanzminister, vorgeschlagen. Andere sprechen von der Großen Enttäuschung, weil optimistische Wirtschaftsprognosen immer wieder an einer tristeren Realität zerschellen. Angelsächsische Ökonomen fürchten eine Große Deflation, die immer weitere Teile der Weltwirtschaft befällt, weshalb immer noch mehr Liquidität in die Märkte gepumpt werden müsse (was allerdings kaum echtes Wachstum schaffen, sondern nur die nächste Börsenparty mit Flüssigem versorgen dürfte).

Mir scheinen all diese Zuschreibungen zu schwach. Große Destabilisierung trifft die gegenwärtige Konstellation besser. Was als wirtschaftlicher Abschwung begann, hat sich längst zu einer schleichenden Zersetzung ausgeweitet.

Ökonomische Stagnation, die zuerst den Westen befallen hat und nun auch die Schwellenländer plagt, höhlt das Vertrauen in staatliche Institutionen aus. Magere Zeiten und hohe Arbeitslosigkeit lassen nationalistische (von Schottland und Katalonien bis Russland) und fundamentalistische Bewegungen (in diversen arabischen Ländern) erstarken. Verteilungskonflikte lähmen ganze Gesellschaften. Wo ausgegrenzte Minderheiten keine Perspektive mehr für sich sehen, steigt die Gewaltbereitschaft, die teils sogar exportiert wird, wie die vielen aus Europa stammenden IS-Terroristen belegen.

Drei Ziele im Blick

Zwar ist ökonomische Stagnation kein unausweichliches Schicksal. Aber die Wechselwirkungen zwischen einer dauerhaft schwächlichen Wirtschaft, sozialen Spannungen und politischen Verwerfungen sind in der Tat beunruhigend. Und je länger die Ära der Stagnation andauert, desto weiter werden gesellschaftlicher Zusammenhalt und Glaubwürdigkeit politischer Institutionen unterminiert, wodurch die wirtschaftliche Dynamik zusätzlich gebremst wird. Ein gefährlicher Krisenzirkel.

Wohin die Große Destabilisierung führt, ist aus heutiger Sicht nicht vorhersagbar. Vielleicht zieht sie ohne große Verwerfungen vorbei und mündet in eine neue Phase blühender Innovationen. Vielleicht führt sie zu nationaler Abschottung. Vielleicht führt sie in chaotische, blutige Auseinandersetzungen.

Künftige Historikergenerationen werden Zusammenhänge und Wechselwirkungen der heutigen Ereignisse besser erkennen können. In der Gegenwart sollten sich die Eliten in Politik und Wirtschaft vor allem auf drei prioritäre Ziele verpflichten: erstens klare Ausrichtung auf echtes, innovationsgetriebenes Wachstum (nicht auf konjunkturpolitische Strohfeuer), zweitens eine kluge Verteilungspolitik, sodass der Fortschritt möglichst allen zugutekommt, drittens unnötige Konflikte innerhalb des westlichen Lagers vermeiden (wie bei der Besetzung von EU-Spitzenjobs, die beim EU-Sondergipfel am Samstag wieder auf der Agenda steht).


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

München - Vorwarnung - Der Ifo-Geschäftsklima-Index gibt Auskunft darüber, ob die Laune deutscher Manager weiter gesunken ist - wichtiges Datum für den weiteren Konjunkturverlauf.

Dienstag

Minsk - Immerhin: Sie reden - Gipfeltreffen der Eurasischen Zollunion mit den Präsidenten Putin (Russland) und Poroschenko (Ukraine) sowie den Brüsseler Gesandten Ashton (Außen), de Gucht (Handel) und Oettinger (Energie).

Mittwoch

Nürnberg/Paris/Rom - Stimmungstests - Neues zum deutschen GfK-Konsumklima-Index sowie zum Geschäftsklima in der französischen und der italienischen Wirtschaft

Herzogenaurach - Mobilitätswirtschaft - Der Autozulieferer Schaeffler präsentiert Geschäftszahlen vom zweiten Quartal.

Donnerstag

Nürnberg - Bröckelnde Rekorde? - Deutsche Arbeitsmarktdaten für August

Wiesbaden - Preisfrage - Vorläufige Schätzung der deutschen Inflationsrate im August

Freitag

Brüssel - Deflationsgefahr - Die EU-Kommission veröffentlicht neue Zahlen zur Inflation in der Eurozone - wichtige Informationen für die EZB-Ratssitzung am 4. September.

Gütersloh - RTL und sonst? - Medienmulti Bertelsmann berichtet vom ersten Halbjahr.

Samstag

Brüssel - Posten & Positionen - Sondergipfel zur Besetzung von EU-Spitzenämtern

Sonntag

Dresden - Abschied von der FDP - Landtagswahlen in Sachsen: Die AfD dürfte endgültig die FDP als wirtschaftsliberale Partei ablösen.

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Müllers Memo
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1.
pepe_sargnagel 25.08.2014
"Ökonomische Stagnation, die zuerst den Westen befallen hat und nun auch die Schwellenländer plagt, höhlt das Vertrauen in staatliche Institutionen aus." Warum? Dieser Mechanismus ist mir noch unklar. Gibt es dann mehr Korruption oder wieso sinkt das Vertrauen? Hier in Deutschland rufen alle nach dem Staat, weil manche ungeniert Kosten sozialisieren und die Gewinne privatisieren. Aber hat man da nicht den Bock zum Gärtner gemacht? Nun sehe ich einen möglichen Destabilisierungsmechanismus. Aber dieser ist weder unumkehrbar noch "gottgegeben". Man darf sich auch mal das Programm "Europa 2020" (http://ec.europa.eu/europe2020/europe-2020-in-a-nutshell/index_de.htm) durchlesen. Das liest sich wie ein Sammelsurium kluger und weiser Sprüche. Nur klare Handlungsempfehlungen oder klare Strategien für eine Umsetzung werden geschickt vermieden. Warum? Natürlich ist es schwierig, aber wer klare Handlungsversprechen abgibt wird daran gemessen - wer viel redet und nichts sagt wird von den Medien auch nicht bewertet. Insofern sollten die Medien evtl. die "Versprechen" härter bewerten als die klaren Zielsetzungen. Das könnte dazu führen, dass auch wieder visionär gehandelt wird statt nur reaktionär irgendwelche Probleme gelindert werden. Aber insgesamt ist dem Schluss zuzustimmen: "Künftige Historikergenerationen werden Zusammenhänge und Wechselwirkungen der heutigen Ereignisse besser erkennen können. " Wir können eben die Zukunft nicht exakt vorhersehen. Zugegebenermaßen wäre das auch sehr langweilig und sehr demotivierend. Wer würde dann noch Fehler machen aus denen man klug würde oder neue "bessere Wege" durch Zufall finden? Wir würden wahrscheinlich Stillstand erleben, weil ja nichts unveorhergesehenes "erfunden" werden dürfte.
2. Wenn nur noch Gier nach Geld und Macht
huberwin 25.08.2014
delt bestimmt, dann sind diese Krisen natürlich die Folge. Welche Bedürfnisse hat ein Mensch sollte die Leitlinie allen handelns sein. Stattdessen machtgeile Menschen und gierige Profitjäger die das handeln bestimmen.
3. positiv sehen
RocknRolli 25.08.2014
die zunehmende Unzufriedenheit hinsichtlich der Verteilung von Wohlstand in den westlichen Ländern sehe ich positiv, denn sie politisiert hoffentlich die Bürger wieder. Das wiederum führt zu Veränderungen aus der Mitte der Gesellschaft. Derzeit rechnen wir uns unser BSP (ohnehin eine wertlose absolute Zahl) und somit die Wachstumsraten doch nur schön durch Finanztransaktionen, die nur dem oberen Prozent zugute kommen.
4.
egoneiermann 25.08.2014
Journalisten fühlen sich nur wohl, wenn sie schlechte Nachrichten verkünden können, das muss irgendwie eine Berufskrankheit sein. Kenne ich von meiner schreibenden Schwester, die kann auch nicht sagen, die nächsten Tage wird es schön, weil das ja langweilig ist, sondern nächste Woche kommt der Temperatursturz. Erstaunlicherweise interessiert dies die Masse der Leser nicht wirklich, ich denke nicht mal bei der Bild. Also solche Worthülsen, wie "droht eine Rezession" einfach stecken lassen, wenn es soweit ist, werden wir es schon merken.
5. Welches Label passt?
separator 25.08.2014
Ende des Pax Americana würde wohl am besten passen.
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Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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