Verluste der Deutschen Bank: Wo die Milliarden geblieben sind

Von manager-magazin.de-Redakteur Martin Hintze

Bei ihrer ersten Bilanzpräsentation muss die Doppelspitze der Deutschen Bank einen Milliardenverlust im vierten Quartal erklären. Ein näherer Blick auf die Ursachen zeigt: Bankgeschäfte sind vor allem zu einem juristischen Großrisiko geworden.

Co-Chefs der Deutschen Bank Anshu Jain (r.) und Jürgen Fitschen: "Wir haben geliefert" Zur Großansicht
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Co-Chefs der Deutschen Bank Anshu Jain (r.) und Jürgen Fitschen: "Wir haben geliefert"

Hamburg - Der Schock sitzt tief, als kurz nach sieben Uhr am Donnerstagmorgen die ersten Eilmeldungen über die Schirme flackern: 2,2 Milliarden Euro Verlust meldete die Deutsche Bank Chart zeigen im vierten Quartal - zehn Mal so viel wie die düstersten Vorhersagen. So reichte es im Gesamtjahr nur zu einem Mini-Gewinn von 700 Millionen Euro. Es ist das schlechteste Ergebnis seit dem Krisenjahr 2008.

Mit einem derartigen Desaster hatte kein Analyst gerechnet. Schuld sind vor allem die Kosten des Konzernumbaus, Abschreibungen und Rechtsstreitigkeiten. Die erste Reaktion eines Händlers fällt eindeutig aus: "Das Ergebnis ist sehr enttäuschend. Die Zahlen sind deutlich schlechter als erwartet, vor allem die Höhe der Abschreibungen war überraschend."

Gegen acht Uhr telefoniert die Führungsspitze von Deutschlands größtem Bankhaus mit Analysten. Die Botschaft der Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen: Der Milliardenverlust im Schlussquartal ist schmerzhaft, aber nötig, um die Kapitalausstattung der Bank zu stärken. "Der Kapitalaufbau ist unsere Top-Priorität", macht Jain klar.

Und tatsächlich: Die harte Kernkapitalquote liegt nun bei acht Prozent. Selbst zugetraut hatte sich die Bank nur 7,2 Prozent, ein Jahr zuvor waren es weniger als sechs Prozent. Immer wieder hatten Analysten moniert, dass die Deutsche Bank ihren internationalen Konkurrenten bei der Erfüllung der strengeren Kapitalanforderungen hinterherhinke. "Das Echo von Kunden, Regulatoren und Kapitalmarktteilnehmern war einstimmig. Wir haben zugehört und wir haben geliefert", sagte Jain.

Anleger erleichtert - trotz miserabler Bilanz

Die Erhöhung der Kernkapitalquote entspricht einer Kapitalerhöhung von mindestens acht Milliarden Euro - ohne dass die Bank ihre Aktionäre zur Kasse bitten musste. Die Nachricht sorgte prompt für Erleichterung an der Börse: Die Aktie legte am Donnerstag gegen den Trend zwischenzeitlich um bis zu drei Prozent zu. "Dass es keine Kapitalerhöhung gibt, ist die wichtigste Botschaft des Tages", sagte Guido Hoymann, Analyst beim Bankhaus Metzler.

Um 10 Uhr tritt das Führungsduo in Frankfurt Seite an Seite vor die Kameras. Auf dem Podium wird viel Englisch gesprochen, die Dolmetscher kommen bei Jains Ausführungen - an seinem Deutsch arbeitet er noch - kaum hinterher. In Sachen Kapitalerhöhung muss er allerdings relativieren: "Plan A bleibt eine Kapitalstärkung aus eigener Kraft, ich kann aber in einer unsicheren Welt nichts ausschließen." Es bleibt nicht der einzige offene Punkt.

Vor allem die Rechtsstreitigkeiten dürften den deutschen Branchenprimus noch lange beschäftigen. Das Institut ist nicht nur in den Skandal um Zinsmanipulationen verstrickt, es wird in den USA auch in vielen Fällen wegen fauler Hypothekenpapiere verklagt.

In Deutschland machte die Bank zuletzt Schlagzeilen, als Ermittler eine Großrazzia im Zuge der Ermittlungen wegen Steuerbetrugs beim CO2-Handel starteten. Die Bilder vom Besuch der Fahnder, die mit Mannschaftswagen der Polizei vor der Zentrale der Deutschen Bank vorfuhren, gingen um die Welt. Fitschen macht sich keine Illusionen: "Wir werden auch im Jahr 2013 mit weiteren Entwicklungen in diesen und anderen Angelegenheiten konfrontiert werden."

In den Rückstellungen in Höhe von knapp vier Milliarden Euro - davon allein eine Milliarde Euro im vierten Quartal - ist Finanzkreisen zufolge auch ein Vergleich mit den Erben des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch einkalkuliert. Ob das ausreicht, ist jedoch fraglich. Die Rechtsrisiken belaufen sich auf geschätzte bis zu zehn Milliarden Euro. Allein der Kirch-Streit könnte 2,5 Milliarden Euro verschlingen. Dazu kommt die Libor-Affäre (bis zu 2,5 Milliarden Euro), der Komplex Sal. Oppenheim (etwa 500 Millionen Euro), Umsatzsteuerbetrug (etwa 500 Millionen Euro), Subprime-Klagen in den USA (zwei bis vier Milliarden Dollar) sowie weitere Risiken wie Geschäfte mit Iran, Zinswetten und mutmaßliche Bilanztricks (bis zu zwei Milliarden Dollar).

Unklar bleibt ebenfalls, ob der zweite große Verlustbringer des vierten Quartals, die Abschreibungen von 1,9 Milliarden Euro auf Geschäfts-, Firmen- und andere immaterielle Vermögenswerte, eine einmalige Angelegenheit bleibt. Dahinter verbergen sich Abschreibungen für Geschäfte, die vor dem Jahr 2003 zugekauft wurden, wie die US-Investmentbank Bankers Trust und die US-Fondsgesellschaft Scudder, aber auch Wertberichtigungen für ein Casino in Las Vegas und den US-Hafenbetreiber Maher Terminals.

Investmentbanking erfüllt die Erwartungen nicht

Das Führungsduo verbucht die Verluste als Großreinemachen. "Man kann jetzt nur hoffen, dass alles, was in der Bilanz aufgeräumt werden musste, nun erledigt ist und das Geldhaus im neuen Quartal neu durchstarten kann", sagt ein Händler.

Eine Prognose für 2013 wollte die Deutsche Bank nicht abgeben. Immerhin: Das konjunkturelle Umfeld schätzt das Institut inzwischen wieder besser ein, das Schlimmste der Euro-Schuldenkrise sieht sie überstanden. Die Aktionäre sollen mit einer stabilen Dividende von 75 Cent je Aktie bei der Stange gehalten werden.

Die Investmentbank (CB&S), in guten Zeiten Gewinnbringer Nummer eins, lieferte im vierten Quartal nicht. Hier schlugen auch Abschreibungen auf Wertpapiere durch: Vor Steuern stand ein Verlust von 548 Millionen Euro. Die Vermögensverwaltung, die gerade zum neuen Bereich Asset and Wealth Management (AWM) umgebaut wird, rutschte ebenfalls ins Minus. Hier lag der Vorsteuerverlust bei 260 Millionen Euro. Nur das Privatkundengeschäft rund um die Postbank schaffte im Schlussquartal einen Gewinn, er war mit 287 Millionen Euro aber ebenfalls rückläufig. Grund dafür ist auch das Niedrigzinsumfeld, das derzeit allen Banken zu schaffen macht.

Im Laufe der Pressekonferenz betonen Jain und Fitschen immer wieder, dass das Thema Kulturwandel weiter ganz oben auf der Agenda stehe. Boni-Exzesse, die jahrelang für falsche Anreize gerade bei den hochbezahlten Investmentbankern gesorgt hatten, soll es nicht mehr geben. Der Bonus-Pool für 2012 schrumpfte um zwölf Prozent auf 3,2 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank setze auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell und wolle ihren Kunden dienen: "Wer sich nicht vorbehaltlos zu diesen Werten bekennen kann, der ist bei der Deutschen Bank am falschen Ort", machte Fitschen klar.

Bis 2015 will die Deutsche Bank jährlich 4,5 Milliarden Euro sparen. Der Jobabbau ist in vollem Gang: Im Investmentbanking sind 1350 der geplanten 1500 Stellen weg, in der schwächelnden Vermögensverwaltung wurden 600 Jobs gestrichen. Hier geht der Abbau in großen Schritten weiter, etwa bei der Privatbank Sal. Oppenheim, die deutlich verkleinert werden soll.

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insgesamt 38 Beiträge
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1.
pefete 31.01.2013
Top Job, Sepp
2. Versagerbonus
DrSnow 31.01.2013
Ein Jahresbonus von durchschnittlich fast 32.000 Euro pro Mitarbeiter weltweit kann man nicht gerade als besonders bescheiden bezeichnen, insbesondere bei solch lausigen Zahlen.
3. Ist doch normal ...
JaguarCat 31.01.2013
... dass der neue Chef erstmal das Großreinemachen der Bilanz durchführt. Ein schlechtes erstes Quartal wird immer noch dem alten Chef angelastet, dessen "Leichen im Keller" nun der neue Chef ausgebuddelt und entsorgt hat. Von da an geht es dann leichter wieder aufwärts. Jag
4. Mini-Gewinn?
thomas.b 31.01.2013
Ich verstehe nicht, wie man bei 700 Mio Gewinn von einem Desaster sprechen kann.
5.
ZeroQ 31.01.2013
Zitat von thomas.bIch verstehe nicht, wie man bei 700 Mio Gewinn von einem Desaster sprechen kann.
Tja, da sehen Sie mal wie realitätsfern so mancher schon geworden ist, Nun ja, im Verhältnis zu den Gewinnen in den letzten Jahren ist das schon ein "Desaster".Aber m.E. sollte man diesen Menschenmal an ihrem Körper zeigen was ein Desaster sein. Ob da dann etwas anders gedacht wird bezweifle ich. Seit der letzten "Finanzkrise" hat ja auch bei den meisten kein Umdenken stattgefunden. Auch wenn man das gerne nach Außen kuntut.
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