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07. Mai 2010, 15:32 Uhr

Ursachensuche an US-Börse

Wie es zum Kurs-Chaos kommen konnte

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War es die Angst vor einem Flächenbrand in Europa, menschliches Versagen oder eine Computerpanne? Nach dem dramatischen Kurssturz an der Wall Street suchen Börsianer nach der Ursache. SPIEGEL ONLINE zeigt die wahrscheinlichsten Szenarien - und analysiert, welche Folgen das Chaos hat.

Hamburg - Einen Tag nach dem Börsen-Crash in den USA steht die Wall Street unter Schock. Einen solch dramatischen Kursverfall haben die Händler noch nicht erlebt: "Es hat sich angefühlt, als wenn wir die Kontrolle verloren hätten", sagt Jack Albin von der Harris Private Bank in Chicago. Ein anderer Börsianer sagt, er habe das Gefühl, den Handel hätten "einfach die Maschinen übernommen". Was bloß ist passiert?

Die New York Stock Exchange am Donnerstag um 14.40 Uhr Ortszeit: Der wichtigste Index der US-Börse, der Dow Jones , dümpelt um die Marke von 10.800 Punkten herum. Doch dann die dramatische Wende: In weniger als einer halben Stunde stürzt der Index um fast tausend Punkte ab. Er durchbricht dabei die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Zählern. In Punkten gemessen ist dies der stärkste Kursrutsch in der Geschichte der Wall Street.

Später fängt sich der Index zwar wieder, aber Börsianer weltweit sind alarmiert. Und so fallen einen halben Tag später auf der anderen Seite der Erdkugel ebenfalls die Kurse: Der deutsche Aktienindex Dax sackt am Freitagmittag auf den tiefsten Stand seit Anfang März ab, und auch an den Börsenplätzen in London und Paris geht es abwärts. Ebenso in New York, wo der Dow am Nachmittag europäischer Zeit erneut mit Abschlägen startet. An den internationalen Handelsplätzen geht die Angst um, dass sich der Crash wiederholen könnte - denn niemand weiß bisher, was den Absturz auslöste.

War es die Furcht vor einem europäischen Flächenbrand durch die Griechenland-Krise, die die Händler zu Panikverkäufen verleitete? Oder ein dummer Tippfehler eines ungeschickten Börsianers?

SPIEGEL ONLINE geht den Fragen nach und analysiert, wie es zu dem Crash kommen konnte. Welche Lehren müssen aus dem Kurssturz gezogen werden? Und wie groß ist die Gefahr, dass das amerikanische Börsen-Desaster auch in Europa eintritt?

Wie konnte es zu dem Vorfall kommen?

Der Börsen-Crash aus dem Nichts ist Nährboden für wilde Spekulationen. Kaum hatten sich die US-Märkte am Donnerstag von ihrem rasanten Absturz leicht erholt, machten die ersten Gerüchte und Mutmaßungen die Runde.

In einer ersten Reaktion schoben Börsianer die Schuld auf die Haushaltskrise in Griechenland. An den Märkten werde befürchtet, dass das Athener Schuldenproblem auf weitere Staaten Europas übergreifen könne, also ein Flächenbrand eintrete, hieß es.

Für diese Theorie spricht, dass es am Donnerstag an der Börse den größten Ausschlag nach unten in dem Moment gegeben hat, als Händler auf den laufenden TV-Bildschirmen Aufzeichnungen von den Zusammenstößen in Athen sahen.

Doch für Johannes Reich, Börsenexperte beim Bankhaus Metzler, ist diese Erklärung zu lapidar. "Die Krise in Griechenland reicht nicht aus, um einen solch rasanten Kurssturz in den USA zu provozieren."

Reichs Einwand lässt sich dadurch bestätigen, dass bestimmte Werte am Donnerstag radikal verloren. Unter den großen Werten traf es am heftigsten die Aktien von Procter & Gamble , die bis zu 35 Prozent nachgaben, den Verlust aber sogleich wieder aufholten. Betroffen waren zudem die Titel von Boston Beer mit einem Minus von zeitweilig 100 Prozent - von 47,98 Dollar auf 0,00 Dollar - sowie Exelon mit 99 Prozent. Reich folgert: "Der Crash dürfte auf eine Verkettung von Fehlern zurückzuführen sein."

Dazu könnte eine Computerpanne zählen. Denn wenn ein bestimmter Börsenwert innerhalb kurzer Zeit zu schnell abrutscht, müssen die Rechenmaschinen den Vorgang normalerweise stoppen. Doch dieser Automatismus muss dieses Mal versagt haben. "Das war wie eine Apokalypse für den computergesteuerten Handel", sagt Stefan de Schutter vom Wertpapierhandelsunternehmen Alpha. Doch Experte Reich meint: "Auch das kann den Verlauf des Absturzes nur verstärkt, aber nicht ausgelöst haben."

Auslöser könnte hingegen ein "fat finger trade" gewesen sein, also ein Tippfehler eines Händlers, den ein Wall-Street-Beobachter als Ursache in Umlauf brachte. Dieser "fat finger" soll bei einem Aktienverkauf statt "Millionen" das Wort "Milliarden" in sein System eingetippt und damit das Chaos ausgelöst haben.

Angeblich weist die Spur zur Citigroup als Übeltäter. Die Großbank weist dies jedoch zurück und sagt, sie sei genauso ratlos wie der Rest der Finanzwelt. Auch die Börsenbetreiber schlossen Pannen in ihren Systemen aus.

Keiner will es also gewesen sein. Die staatliche Börsenaufsicht SEC sieht sich daher gezwungen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie hat nun Ermittlungen der "ungewöhnlichen Handelsaktivitäten" eingeleitet.

Lassen sich die Wertverluste rückgängig machen?

Der Absturz des Dow Jones vom Donnerstag zeichnet sich nur als schnöder Knick in der Verlaufskurve ab. Doch hinter den paar Hundert Punkten, die der Index verlor, verbergen sich gigantische Summen Geld. Für einige Händler dürfte der Crash daher ein Finanzfiasko sein. Selbst wenn der Dow Jones sich am Donnerstagabend wieder ein wenig fangen konnte - er schloss bei rund 10.520 Zählern und einem Minus von 350 Punkten - ist der Schaden groß.

Ohne die Ursache für den Absturz zu kennen, kündigten die beiden Börsenbetreiber NYSE und Nasdaq deshalb an, alle Transaktionen von besonders stark betroffenen Werten rückgängig zu machen. Konkret betrifft das den Handel am Donnerstag zwischen 14.40 und 15 Uhr sowie Aktien, die mehr als 60 Prozent verloren haben. Allein an der Technologiebörse Nasdaq sind davon mehrere hundert Titel betroffen. Die Entscheidung sei mit den anderen Handelsplattformanbietern abgestimmt, hieß es.

Doch Johannes Reich, Aktienexperte vom Bankhaus Metzler, bezweifelt, dass die Ankündigungen der Börsenbetreiber umsetzbar sind. "Das dürfte nicht ganz trivial sein", sagt er. Denn zunächst einmal müssten die NYSE und die Nasdaq über weitreichende Hoheitsrechte verfügen, um ihre Versprechen halten zu können. Daneben gäbe es so viele Verästelungen im Börsenhandel, dass sich womöglich gar nicht auseinanderhalten lasse, bei welcher Tranche die entsprechenden Verluste aufgetreten seien.

Und noch einen anderen Aspekt bringt Reich ins Gespräch: "Was ist, wenn einige gar nicht wollen, dass die Verluste rückgängig gemacht werden?" Das könnte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn Anleger einen bestimmten Grenzwert zum automatischen Verkauf ihrer Papiere festgelegt haben - und nun mit dem freigewordenen Geld rechnen.

Welche Konsequenzen hat das Chaos?

Für die Wall Street war das Chaos am Donnerstag eine Katastrophe. Der gute Ruf der größten Börse der Welt steht auf dem Spiel. Die Börsenbetreiber NYSE und Nasdaq suchen daher gemeinsam mit der Börsenaufsicht SEC nach der Ursache des Problems, um einen ähnlichen Vorfall in Zukunft zu verhindern.

Doch während die NYSE und Nasdaq eine Computerpanne kategorisch ausschließen, fordert die Politik bereits Konsequenzen. Geradezu reflexartig verlangten US-Demokraten unmittelbar nach dem Crash schärfere Kontrollen für den elektronischen Handel. Es sei wieder die Gefahr deutlich geworden, dass "Hochgeschwindigkeits-Computer falsche Geschäfte generieren und am Markt Chaos erzeugen", erklärte Senator Edward Kaufman. Der "Kampf der Algorithmen" sei für die Börsenaufsicht SEC nicht ansatzweise zu durchschauen und müsse daher "bald in einen sinnvollen Regulierungsrahmen eingebettet werden".

Auch deutsche Experten sehen einen Zwang zum Handeln: "Wir müssen Regeln finden, wie wir mit der zunehmenden Abhängigkeit vom computergesteuerten Handel umgehen", sagte Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim.

Die Experten räumen allerdings ein, dass es schwer sei, sinnvolle Regeln zu finden. Ein möglicher Weg sei es beispielsweise, dass der computergestützte Handel gekennzeichnet wird und sich Teilnehmer auch offenbaren müssen. Dies wird momentan etwa in den sogenannten Dark Pools umgangen. Dort bleiben Käufer und Verkäufer von großen Wertpapierpaketen anonym. Zudem werden keine Details der Aufträge veröffentlicht.

Ein komplettes Verbot des elektronischen Handels halten die Fachleute allerdings weder für sinnvoll noch für durchsetzbar. Denn die Computersysteme machten die Märkte effizienter. "Das Rad kann hier nicht ganz zurückgedreht werden", sagt Burghof.

Ist ein solcher Crash auch in Europa möglich?

Der Börsenabsturz an der Wall Street zeigt: Es bedarf keines eigenen Crashs in Europa, um die Märkte in Frankfurt, Paris oder London in Unruhe zu versetzen. Die Kurse fallen auch dann, wenn sich der Brandherd in Übersee befindet.

Trotzdem bleibt die Frage, ob an der Frankfurter Börse Ähnliches passieren kann wie am Donnerstag in New York. "Eindeutig ja", sagt Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums. Denn auch in Deutschland funktioniert der Computerhandel ähnlich wie in den USA.

Voraussetzung sei allerdings, dass sich eine Reihe unglücklicher Vorfälle ereigne, betont Gerke. Eine Computerpanne allein reiche bei weitem nicht aus. "Es muss schon eine labile Stimmung an den Märkten herrschen, damit solche Vorfälle eine Kettenreaktion auslösen können."

Gerke warnt jedoch: "Wer an der Börse handelt, muss immer damit rechnen und es akzeptieren, dass es einen unerwarteten Börsen-Crash wie in den USA jederzeit geben kann."

Mit Material von AFP und dpa

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