Ursula Piëch: Volkswagen-Patriarchin in Ausbildung

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Ferdinand Piëch regelt seine Nachfolge: Seine Ehefrau Ursula soll an diesem Donnerstag in den Aufsichtsrat von Volkswagen aufsteigen. Die selbstbewusste Frau dürfte in dem wichtigen Gremium für einen neuen Ton sorgen - und könnte eines Tages sogar in die Rolle der VW-Patriarchin schlüpfen.

Ursula Piëch: Vorbereitung aufs Patriarchenamt Fotos
DPA

Berlin - Mit der ruhigen Zweisamkeit von einst ist es längst vorbei. Wenn Ferdinand Piëch und seine Frau Ursula auf den Automessen dieser Welt Autos anschauen gehen, folgt dem Ehepaar regelmäßig ein ganzer Tross von Adjutanten und Neugierigen. Sie registrieren jeden Blick und jede Geste, während der geniale Autokonstrukteur einen Sitz inspiziert, Schalter drückt oder mit der Hand über eine Armlehne streift. Ursula sorgt derweil dafür, dass die Zaungäste gebührenden Abstand halten.

Auf dem Autosalon Anfang März in Genf dirigiert die 55-Jährige mit sicherem Instinkt den Schutzschirm um ihren Mann. Ein kurzer Blick, die Augenbrauen für einen Moment zusammengezogen, die Schultern angespannt - schon schiebt ein beflissener Begleiter den vorwitzigen Mann beiseite, der nach vorne drängt. Der junge Journalist unternimmt einen zweiten Versuch, Piëch anzusprechen, doch der hört gar nicht hin. Seine Frau überspielt die Irritation schnell mit ihrem strahlenden Lächeln. Sekunden später ist der Vorfall vergessen.

Bemerkenswert ist die kleine Episode trotzdem - denn sie wirft ein Schlaglicht auf die Autorität, die Ursula Piëch inzwischen besitzt. Laute Worte braucht sie nicht, um ihren Stab auf Trab zu bringen, schon die kleinste Regung genügt. Wer mit so sparsamer Geste regiert, der besitzt wirklich Macht. Und nicht nur ihre Mitarbeiter begegnen ihr mit Respekt, auch Manager und Politiker suchen bei offiziellen Anlässen regelmäßig ihre Nähe. Sie lacht gerne, aber es klingt weder anbiedernd noch defensiv. Ihren Gesprächspartnern begegnet sie mit großer Herzlichkeit, aber ihre Körperhaltung verrät, wer der Chef im Ring ist - auch wenn sie, anders als der VW-Patriarch, ihre Worte nicht wie Pfeile verwendet. Wenn sie freimütig erklärt, ihr Mann arbeite und sie halte ihm den Rücken frei, klingt das eher wie Koketterie.

Gralshüter der Corporate Governance widersprechen

Der Rolle der einflussreichen Kommunikatorin im Hintergrund ist sie eigentlich längst entwachsen, deshalb scheint der jetzt geplante Schritt nur logisch: Ursula soll aus dem Schatten ihres Mannes treten und Mitglied im Aufsichtsrat von Volkswagen Chart zeigen werden: Die "Kindergärtnerin und Horterzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht (derzeit kein ausgeübter Beruf)", so die offizielle Beschreibung in der Einladung zur diesjährigen Hauptversammlung am Donnerstag, soll TUI-Chef Michael Frenzel ablösen und auf diese Weise den Einfluss der Familie bei Volkswagen sichern. Sie wird mit Piëch gemeinsam tagen, denn der will noch eine Amtszeit als Chefaufseher draufsatteln.

Die Abstimmung gilt nur noch als Formsache. Zusammen mit dem Großinvestor Katar besitzt die Porsche/Piëch-Sippe die Stimmenmehrheit in der Hauptversammlung. Spannend wird allenfalls, wie die Aktionäre den Schritt kommentieren.

Widerspruch dürfte jedoch nur von den Gralshütern der Corporate Governance zu erwarten sein, die solche familiären Verquickungen in einem börsennotierten Unternehmen für nicht statthaft halten. Bei VW selbst halten sich die Gegner sorgsam bedeckt - wenn es überhaupt welche gibt. In der Ära Piëch hat der Konzern schließlich eine beeindruckende Dynamik entwickelt, nie war das Ansehen der Wolfsburger höher. Umso lauter loben daher die Fürsprecher den Plan, darunter Martin Winterkorn, der kongeniale Vollstrecker der piëchschen Visionen: "Sie ist eine kompetente und unternehmerisch denkende Frau." Oder Betriebsratschef Bernd Osterloh: "Frau Piëch ist eine Unternehmerin mit hoher sozialer Kompetenz."

Die Komplimente kommen nicht von ungefähr. Immerhin hat Ursula Piëch eine Jahrzehnte lange Lehrzeit an der Seite ihres Mannes absolviert und kennt die Beziehungsgeflechte in dem weitverzweigten Weltkonzern wie niemand sonst. Sie kann auf die Loyalität der sorgfältig ausgewählten Piëch-Parteigänger zählen und auf ihren eigenen Instinkt: "Gerade Schleimer erkennt sie schnell", zitiert das "Handelsblatt" einen ihrer Vertrauten.

Springer und Schaeffler als Vorbild?

Ihre Lehrzeit begann im Grunde bereits vor 30 Jahren. Als Kindermädchen heuerte die damals 25-jährige Ursula Plasser in Piëchs Haushalt an. Zwei Jahre später heiratete sie den aufstrebenden Automanager. Und steht ihm seitdem zur Seite, zunächst wohl in der Rolle der fürsorglichen Hausfrau, später zunehmend als Ratgeberin. Sie hat einen anderen, weniger ingenieursgetriebenen Blick auf Autos, und Piëch weiß, wie wichtig diese Perspektive ist. Das fast blinde Vertrauen, das ihr der Alte, wie er im VW-Konzern genannt wird, entgegenbringt, hat ihr eine einzigartige - wenn auch indirekte - Machtfülle über das Milliardenunternehmen beschert.

Auch innerhalb der Familie hat sie sich Meriten erworben. Sie gilt als Mittlerin zwischen den Stämmen Piëch und Porsche, die seit Jahrzehnten in inniger Rivalität verbunden sind und sich mit Misstrauen begegnen. Als in der Übernahmeschlacht um VW plötzlich die Existenz Porsches auf dem Spiel stand, war sie es, die Brücken baute und die Düpierten besänftigte. Auf diese Weise trug sie dazu bei, dass die Sippe wieder eine gemeinsame Linie fand.

Doch reicht ihr Talent, um auch die Fäden in dem komplizierten Geflecht Volkswagen zu steuern, das nicht wenige Experten ohnehin für beinahe unregierbar halten? Kann Ursula Piëch eines Tages womöglich die Nachfolge ihres Mannes antreten und die Familiendynastie fortsetzen?

Nicht wenige halten das für möglich. "Sie wäre nicht die erste, die das schafft, man denke nur an Friede Springer oder Marie-Luise Schaeffler", sagt etwa Peter May, Gründer der auf Familienunternehmen spezialisierten Beratungsgesellschaft Intes. Anders als die Patriarchen, die sie beerbten, hätten sie weniger Probleme, sich Manager an die Seite zu stellen, die einen Teil der Aufgaben übernähmen.

Im Falle VW stünde natürlich schon ein Spitzenmanager bereit: Vorstandschef Martin Winterkorn, Aufsichtsratschef in spe, wenn sich der Alte eines Tages zurückzieht. Zwar weigert sich Piëch beharrlich, das Ende seiner aktiven Laufbahn in den Blick zu nehmen, aber er bestellt immerhin schon sein Haus. Vor zwei Jahren bereits brachte er sein Vermögen in zwei Privatstiftungen ein, um sicherzustellen, dass seine zwölf Kinder ihre Anteile nicht einfach an Dritte verkaufen, und setzte seine Frau als Statthalterin ein.

Doch anders als in reinen Familienunternehmen bräuchte Ursula Piëch Verbündete, um ihre Machtposition zu festigen. Nach der Verschmelzung von VW und Porsche besitzt die Sippe nur noch rund 35 Prozent der Stammaktien, Piëchs Anteil wäre einstellig. Das Land Niedersachsen und Katar hätten mit jeweils 20 Prozent ein gehöriges Mitspracherecht.

Doch auch die Großaktionäre haben kein Interesse daran, den Zusammenhalt des Konzerns zu gefährden. Und Ursula Piëch wäre ein Garant dafür, dass der Geist des Alten noch eine Weile durch die Werkshallen weht, selbst wenn die Ansagen nicht mehr so streng sind wie einst. Womöglich wäre genau das ja sogar gut für VW. "Vielleicht setzt ein liberalerer Führungsstil ja noch einmal Kreativität frei - wer weiß?", sagt May.

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1.
bartholomew_simpson 19.04.2012
Die wohlwollende Hofberichterstattung über Fugen-Ferdl´s Familie hilft leider auch nicht über die aktuellen Qualitätsprobleme bei den VW-Motoren hinweg.
2.
bartholomew_simpson 19.04.2012
Die wohlwollende Hofberichterstattung über Fugen-Ferdl´s Familie hilft auch nicht über die aktuellen Qualitätsprobleme bei den VW-Motoren hinweg.
3.
dongerdo 19.04.2012
Zitat von sysopDPAFerdinand Piëch regelt seine Nachfolge: Seine Ehefrau Ursula soll in den Aufsichtsrat von Volkswagen aufsteigen. Die selbstbewusste Frau dürfte in dem wichtigen Gremium für einen neuen Ton sorgen - und könnte eines Tages sogar in die Rolle der VW-Patriarchin schlüpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828303,00.html
Ich finde den Ausdruck "Sippe" ein wenig unpassend - man kann von den Piechs/Porsches ja halten was man will, aber der Erfolg gibt ihnen Recht. Wenn in dem Artikel dann mehrfach auf die "Sippe" verwiesen wird bekommt das ganze einen doch etwas schäbigen Unterton....
4. ...
e-ding 19.04.2012
Zitat von sysopDPAFerdinand Piëch regelt seine Nachfolge: Seine Ehefrau Ursula soll in den Aufsichtsrat von Volkswagen aufsteigen. Die selbstbewusste Frau dürfte in dem wichtigen Gremium für einen neuen Ton sorgen - und könnte eines Tages sogar in die Rolle der VW-Patriarchin schlüpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828303,00.html
Und ich dachte immer, dass nur Männer Patriarchen sein können, Matriarchin trifft's wohl eher.
5.
tororosoba 19.04.2012
Zitat von sysopDPAFerdinand Piëch regelt seine Nachfolge: Seine Ehefrau Ursula soll in den Aufsichtsrat von Volkswagen aufsteigen. Die selbstbewusste Frau dürfte in dem wichtigen Gremium für einen neuen Ton sorgen - und könnte eines Tages sogar in die Rolle der VW-Patriarchin schlüpfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,828303,00.html
Patriarchin? Merkwürdiges Wort. Man sagt ja auch nicht Väterin, sondern Mutter. Matriarchin würde besser passen.
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