Paris - In einem Brief an die französische Regierung hat sich der Chef des US-Reifenherstellers Titan, Maurice M. Taylor, über die Arbeitsmoral der Franzosen lustig gemacht. Taylor lehnte in seinem Brief die Übernahme des angeschlagenen Reifenwerks von Goodyear in Nordfrankreich mit der Begründung ab, die "sogenannten Arbeiter" in dem Werk würden höchstens "drei Stunden" pro Tag arbeiten. Der Brief ging an Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg, der Titan gebeten hatte, eine solche Übernahme zu prüfen.
Über das Goodyear-Werk im nordfranzösischen Amiens, das von der Schließung bedroht ist, schrieb der Titan-Chef: "Ich habe diese Fabrik mehrfach besucht. Die französischen Arbeitnehmer bekommen hohe Löhne, arbeiten aber nur drei Stunden. Sie haben eine Stunde für ihre Pausen und für ihr Mittagessen, diskutieren drei Stunden lang und arbeiten drei Stunden." Er habe das auch den Gewerkschaften gesagt. Die hätten ihm geantwortet: "So ist das in Frankreich!"
Industrieminister Montebourg wollte den Brief, der auf den 8. Februar datiert ist, nicht kommentieren. "Ich will französischen Interessen nicht schaden", sagte er nur knapp. Der Sozialist hatte am Dienstagabend einen großen Auftritt in Paris, bei dem er seine Kampagne "Made in France" für innovative, wettbewerbsfähige Unternehmen seines Landes startete.
Allein auf der Bühne, mit dem Mikrofon in der Hand, ohne Krawatte, rief Montebourg vor rund 600 Gästen: "Wir müssen eine dritte industrielle Revolution vorbereiten." Seine Präsentation, welcher der Song "Eye of the Tiger" aus dem Film Rocky III voranging, wurde in Frankreich mit den legendären Auftritten des inzwischen verstorbenen einstigen Apple-Chefs Steve Jobs verglichen. Im Laufe dieses Jahres will der Minister insgesamt acht solcher Konferenzen zu seinem Lieblingsthema "Made in France" abhalten.
Die Gewerkschaften hingegen machen aus ihrer Empörung über den Titan-Brief keinen Hehl. Als eine "totale Beleidigung" wies der Vertreter der Gewerkschaft CGT bei Goodyear in Amiens-Nord, Mickaël Wamen, die Äußerungen zur Arbeitsmoral in seinem Werk zurück. Der Titan-Chef sei "näher an einer psychiatrischen Anstalt als in der Lage, die Zügel eines multinationalen Unternehmens in der Hand halten zu können", sagte er dem Sender Europe 1 am Mittwoch. Der US-Reifenhersteller Goodyear, der in anderen Ländern mit Titan zusammenarbeitet oder Werke an Titan verkauft hat, hatte Ende Januar angekündigt, das Werk in Amiens-Nord mit seinen 1173 Arbeitsplätzen zu schließen.
nck/AFP
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