Wirtschaft


US-Geheimdepeschen: Amerikaner lästern über Chaos-Konzern Gazprom

Von Gregor Peter Schmitz

Gazprom sollte Russland wieder zur Supermacht machen, Manager träumten vom "wertvollsten Unternehmen der Welt". Doch Geheimberichte aus Moskaus US-Botschaft zeichnen ein anderes Bild: Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und korrupt.

Gazprom-Zentrale in Moskau: Private Konten und schmutzige Geschäfte?Zur Großansicht
dpa

Gazprom-Zentrale in Moskau: Private Konten und schmutzige Geschäfte?

Hamburg - Die US-Diplomaten saßen mit einem hochrangigen Gazprom-Vertreter zusammen, endlich, leicht sind die nicht zu erwischen. Also kamen sie gleich zur Sache: Was eigentlich die Geschäftsziele des gigantischen Energieunternehmens seien?

Der Gazprom-Mann gab sich offen. Zunächst einmal, soll er US-Depeschen zufolge doziert haben, müsse sein Konzern die Gasversorgung der Verbraucher und Firmen daheim sicherstellen. Danach gäbe es noch "soziale Verpflichtungen" zu erfüllen, etwa Wohltätigkeitsprojekte im ganzen Land.

Die US-Vertreter hakten nach. Müsse nicht auch Ziel eines Unternehmens sein, seinen Wert für die Aktionäre oder den Marktanteil zu maximieren? Ja, das schon. Aber dem Russen fiel noch ein Punkt ein, und der klang eher nach politischen Ambitionen als nach kühlem Geschäftsmodell: "Maximale Kontrolle über die globalen Energieressourcen", so zitieren ihn die Amerikaner, wolle der Konzern anstreben.

"Gazprom-Vertreter beschreibt die Firma als sozialistischen Monopolisten", berichten die US-Entsandten nach dem Treffen im September 2008 in einem Kabelbericht an Washington.

"Ungeheuer reich, aber ineffizient"

So ist der Tenor vieler geheimer US-Botschaftsberichte über das russische Vorzeige-Unternehmen - und er deckt sich mit kritischen amerikanischen Einschätzungen zur überbordenden Bürokratie und einem mafiaähnlichen politischen System in Russland.

Besonders pointiert fallen die Urteile zu Gazprom aus, das die Russen selbst gern als beste Waffe im Kampf um die verlorene Weltmachtrolle feiern. Noch im Mai 2008 versprach Konzernchef Alexej Miller, Gazprom werde bald das "wertvollste Unternehmen der Welt sein", mit einem Marktwert von einer Billion Dollar. Doch schon knapp ein Jahr später war der Wert in Folge der weltweiten Wirtschaftskrise auf 75 Milliarden geplumpst.

"Gazprom ist so", resümieren die Amerikaner, "wie man sich ein staatliches Monopol vorstellt, das auf ungeheurem Reichtum sitzt." Sie halten den Konzern für "ineffizient, von der Politik bestimmt und korrupt". Akribisch beugen sich die Diplomaten über die Geschäftsfelder des Energiegiganten, dem die gefallenen Gaspreise zu schaffen machten.

Die Nachfrage nach Gas fällt

Ihre Ergebnisse sind ernüchternd, in einem Bericht aus dem Jahr 2009 heißt es: "Weit entfernt von seinen Ambitionen, die 'wertvollste Firma der Welt' zu werden, hat sich Gazproms Schicksal im vorigen Jahr dramatisch umgekehrt. Der Marktwert der Firma, die Produktion und Verkäufe sind alle seit Beginn der Wirtschaftskrise eingebrochen." Die deutlich reduzierten Einnahmen zwängen die Firma zu Einschnitten bei Investitionen, aller politischen Rhetorik zum Trotz.

Die Probleme seien langfristiger Natur, nicht nur krisenbedingt, betonen die US-Diplomaten. Denn die Nachfrage nach Gas falle in Deutschland und Europa, weil dort die industrielle Produktion effektiver geworden sei.

In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion winkten ebenfalls kaum neue Absatzmärkte, die Ukraine etwa habe gerade den Ankauf von Gas um die Hälfte reduziert, steht in einer Botschaftsdepesche. Und neue Märkte, wie die USA, von denen Konzernchef Miller gerne schwärmt? "Immer mehr gesättigt", außerdem steige dort die heimische Produktion.

Das größte Problem bleibt nach dem Urteil der US-Diplomaten aber die Organisation des verzweigten Unternehmens selbst. "Gazprom ist keine wettbewerbsfähige Weltfirma", heißt es in einer Einschätzung, obwohl es die weltgrößten Gasreserven besitze. "Gazprom ist Nachfolger des sowjetischen Gasministeriums, und so operiert es auch noch."

Spitzenmanager zeigt Vorliebe für Eishockey

Die Anzeichen dafür sind nicht zu übersehen. Von einem Informanten haben die Amerikaner erfahren, dass der Partner einer internationalen Buchhaltungsfirma volle zwei Jahre aufwenden musste, um sich einen Überblick über Gazproms weit verzweigte Beteiligungen zu verschaffen. Teile des Imperiums sind etwa eine von Russlands größten Banken, eine wichtige russische Medienfirma und ein Baukonzern.

Wortlaut: Die wichtigsten Depeschen zu Gazprom
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Experten schätzen, die Firma müsse zudem allein fünf bis acht Milliarden Dollar jedes Jahr aufwenden, um ihre veraltete Infrastruktur in Schuss zu halten - mit steigenden Kosten in der Zukunft. Ein prominenter westlicher Ölmanager berichtet den Amerikanern, dass ein Bohrloch, das in Kanada in zehn Tagen gebohrt werden könne, in Russland doppelt so lange brauche.

Die Treffen mit Top-Firmenvertretern wie Vizekonzernchef Alexander Medwedew verliefen ebenfalls ernüchternd. Der Eishockeyfan beschwerte sich im Gespräch mit US-Diplomaten darüber, dass es noch immer keine Kooperation zwischen der russischen und der amerikanischen Eishockeyliga gebe - und wetterte mit Vorliebe gegen Nachbarn Ukraine, der den Gaskrieg gegen Russland angezettelt habe.

Daher fällt das Fazit der Amerikaner verheerend aus: "Gazprom muss für die Interessen seiner politischen Herren handeln, selbst wenn das auf Kosten guter Geschäftsentscheidungen geht." Der Konzern habe für "viele private Konten" und "schmutzige Geschäfte" Kapital bereitzustellen. Konkrete Belege hierfür bleiben die bekannt gewordenen US-Depeschen jedoch schuldig. Gazprom selbst hat sich gegen Korruptionsvorwürfe stets verwahrt.

Ohnehin aber fließe das Gazprom-Geld nicht mehr wie gewohnt, schreiben die Amerikaner. "Bedauerlicherweise für Gazprom und die russische Regierung", heißt es in einem Kabelbericht, "werden die massiven Umsätze und Profite aus dem Jahr 2008 so bald nicht zurückkommen." Gazprom dürfte eine große Firma bleiben, aber mit schrumpfendem wirtschaftlichem Einfluss.

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insgesamt 112 Beiträge
w.-d.w 05.01.2011
Wer einmal mit kritischem Blick durch die USA reist, wird schnell feststellen, dass das Land trotz aller (vorwiegend aus Deutschland geklauter) Hochtechnologie in der Breite doch eine ziemlich rückständige Infrastruktur hat. [...]
Zitat von sysopGazprom sollte Russland wieder zur Supermacht machen, Manager träumten vom "wertvollsten Unternehmen der Welt". Doch Geheimberichte aus Moskaus US-Botschaft zeichnen ein anderes Bild: Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und*korrupt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,737635,00.html
Wer einmal mit kritischem Blick durch die USA reist, wird schnell feststellen, dass das Land trotz aller (vorwiegend aus Deutschland geklauter) Hochtechnologie in der Breite doch eine ziemlich rückständige Infrastruktur hat. Man könnte auch sagen, es ist ein gigantischer Sanierungsfall.
Spiegeleii 05.01.2011
Amerikaner sind eben das Licht der Welt. Alle anderen sind korrupt und chaotisch. Wenn BP mal ein paar Millionen Liter Öl ins Meer bläst ist das nicht chaotisch, es ist eigentlich nichtmal wirklich passiert. Der Russe ist [...]
Amerikaner sind eben das Licht der Welt. Alle anderen sind korrupt und chaotisch. Wenn BP mal ein paar Millionen Liter Öl ins Meer bläst ist das nicht chaotisch, es ist eigentlich nichtmal wirklich passiert. Der Russe ist korrupt und dumm, genau wie der Chinese oder Iraner(Iraner sind zusätzlich noch verblendet und böse). Wenn Chinesen den Euro stützen dann steht da immer knallharte Interessenpolitik hinter, ganz anders als wenn westliche Unternehmen investieren. Die machen das in ihrem christlich jüdischen Selbstverständnis nur als Dienst am Menschen. Egal ob Goldman Sachs griechische Bilanzen frisiert oder Monsanto den Haitianern Genmais unterjubelt in ihrer Not, das dient alles der Völkerverständigung und dem Frieden.
endbenutzer 05.01.2011
Zitat: "..Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und korrupt..." Klar! In den USA gibt es so etwas natürlich nicht...
Zitat: "..Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und korrupt..." Klar! In den USA gibt es so etwas natürlich nicht...
Ineffizienter Konzern ? Chaotisch Organisiert? Sieht so aus das Gazprom nicht nach US McKennzieÜberallSystem geführt wir und die Amis mal Probleme damit haben was zu durchschauen und zu erfahren. Na lieber Cowboy ist halt [...]
Zitat von sysopGazprom sollte Russland wieder zur Supermacht machen, Manager träumten vom "wertvollsten Unternehmen der Welt". Doch Geheimberichte aus Moskaus US-Botschaft zeichnen ein anderes Bild: Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und*korrupt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,737635,00.html
Ineffizienter Konzern ? Chaotisch Organisiert? Sieht so aus das Gazprom nicht nach US McKennzieÜberallSystem geführt wir und die Amis mal Probleme damit haben was zu durchschauen und zu erfahren. Na lieber Cowboy ist halt nicht überall Amerika, und funktioniert trotzdem recht gut.
karmamarga 05.01.2011
Gazprom stellt 40% der russischen Wirtschaftsleistung dar. Und vor die Wahl gestellt Eon, Bayrische Landesbank usw. oder Gazprom, was gibt es da zu wählen ausser zu jener Überheblichkeit zu greifen, über die der Artikel [...]
Zitat von sysopGazprom sollte Russland wieder zur Supermacht machen, Manager träumten vom "wertvollsten Unternehmen der Welt". Doch Geheimberichte aus Moskaus US-Botschaft zeichnen ein anderes Bild: Die Amerikaner halten den Megakonzern für chaotisch organisiert - und*korrupt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,737635,00.html
Gazprom stellt 40% der russischen Wirtschaftsleistung dar. Und vor die Wahl gestellt Eon, Bayrische Landesbank usw. oder Gazprom, was gibt es da zu wählen ausser zu jener Überheblichkeit zu greifen, über die der Artikel berichtet? Ich habe übrigens zu einer Zeit die Aktie gekauft, als noch jeder von Russlandinvestitionen abgeraten hat. Warum? Weil bei Gazprom die Arbeiter als Menschen behandelt wurden. Jedenfalls, soweit ich das überschauen konnte aus meinen Quellen. Und als renditeorientierter Anleger aus einem kapitalistischen Land, der die Aktie auch in der Krise gehalten hat, habe ich auch heute noch saftige Gewinne auf die shares. Irgend wann müssen die auch mal richtig Dividenden zahlen.
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  • Mittwoch, 05.01.2011 – 12:01 Uhr
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Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
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