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20. Februar 2012, 18:25 Uhr

US-Immobilienmarkt

Rückkehr der Ramschpapiere

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Amerikas maroder Häusermarkt hat das Weltfinanzsystem in die Krise gestürzt. Jetzt wittern Investoren im US-Immobiliengeschäft wieder satte Renditen. Sie setzen ausgerechnet auf jene Papiere, die den Absturz befeuert haben - ein riskantes Spiel.

Hamburg - An der Wall Street nannten sie ihn "Bubble Boy" - in Anlehnung an die Spekulationsblase. Als die Börsen 2007 bebten, als die Finanzmärkte 2008 wankten, war Greg Lippmann obenauf. Weil er schon auf den großen Crash wettete, als sich die meisten Wettbewerber noch vom Boom berauschen ließen. 1,5 Milliarden Dollar spülte Lippmanns Wette in die Kasse seines damaligen Arbeitgebers, der Deutschen Bank , und federte so die Verluste des Instituts in der Finanzkrise ab. Im April 2010 verließ Lippmann den deutschen Branchenprimus und gründete bald darauf einen eigenen Hedgefonds.

Nun ist die "Kassandra der Finanzkrise" ("New York Times") zurück. Der Mann, der das Unheil kommen sah, doch auf den zunächst keiner hören wollte, macht wieder Schlagzeilen. Er hat seine langen Gelhaare gestutzt, die Koteletten abrasiert, die Achtziger-Jahre-Anzüge gegen modernen Zwirn getauscht. Nicht nur das Outfit hat sich geändert, auch an den Märkten agiert er nun völlig anders. Der neue Greg Lippmann warnt nicht mehr vor dem Unheil; er setzt auf den Boom.

Derzeit kauft sein Hedgefonds LibreMax ausgerechnet jene Papiere, vor denen Lippmann bis vor kurzem noch warnte: Mortgage Backed Securities, Wertpapiere, die mit Hypotheken besichert sind. Finanzprodukte, die ursprünglich erschaffen wurden, um Ausfallrisiken von Häusern und Gewerbeimmobilien zu bündeln - doch die im Immobilienboom 2005/2006 immer mehr zu Ramschpapieren wurden. Seinerzeit vergaben profitgierige Banken immer mehr Darlehen an US-Häuslebauer mit schwacher bis gar keiner Bonität und machten daraus Wertpapiere, sogenannte Mortgage Backed Securities. Andere Geldkonzerne kauften diese Bilanzbomben. Dann konnten immer mehr US-Bürger ihre Hypotheken nicht mehr bedienen, die Ausfälle rissen Milliardenlöcher in die Bücher der Banken. Das Weltfinanzsystem drohte zusammenzubrechen wie ein Wellblechbungalow im Hurrikan.

Mittlerweile sind die Banken gerettet und die Ramschpapiere so billig zu haben, dass sie wieder zu attraktiven Spekulationsobjekten werden. Das Kalkül dahinter: Wenn sich der Häusermarkt erholt, gewinnen auch die mit Hypotheken besicherten Papiere an Wert. Wer früh einsteigt, kann profitieren. Und ausgerechnet Greg Lippmann ist einer der ersten, der nun zuschlägt.

Er ist erneut unter den Trendsettern. Vorreiter einer neuen Zockerbewegung, die den Giftmüll der Finanzkrise kauft, um damit abzukassieren, gut drei Jahre nach dem großen Crash. Teil einer Bewegung, die Hoffnungen und Ängste zugleich schürt. Wenn die Zocker sich wieder trauen, ist dann die Immobilienkrise vorbei? Und was bedeutet es, wenn die Wall Street schon wieder mit diesen Papieren spekuliert? Liegt im zarten Aufschwung schon der Keim für die nächste Krise?

Milliarden für toxische Papiere

Lippmanns Hedgefonds hat von seinem rund 1,1 Milliarden Dollar schweren Anlagevermögen bereits einen Großteil in Mortgage Backed Securities investiert. Rund zwei Drittel des Gesamtkapitals seien es, berichtet die "Financial Times Deutschland".

Andere sind noch mehr engagiert. Am 8. Februar kaufte die US-Bank Goldman Sachs der New Yorker Notenbank hypothekenbesicherte Wertpapiere im Wert von 6,2 Milliarden Dollar aus dem sogenannten Maiden-Lane-II-Portfolio ab. Goldman schnappte sie Konkurrenten wie Barclays , Morgan Stanley oder die Royal Bank of Scotland vor der Nase weg. Am 19. Januar hatte sich bereits die Schweizer Bank Credit Suisse einen Teil des Maiden-Lane-II-Portfolios gesichert - für mehr als sieben Milliarden Dollar.

Maiden Lane II, der Name klingt harmlos. Doch die Papiere sind in Wahrheit ein Relikt aus dem vielleicht düstersten Kapitel der Finanzkrise. Im Maiden-Lane-II-Portfolio sind ausgerechnet Ramschpapiere von AIG gebündelt. Einst war AIG der größte Versicherungskonzern der Welt. Doch dann verzockte sich der Gigant. Er versicherte - ohne das Risiko richtig zu deuten - Kreditgeschäfte im Wert von 562 Milliarden Dollar. Eine Summe, die deutlich größer ist als der Staatshaushalt von Belgien oder Schweden. Als der Immobilienmarkt zusammenbrach, machte AIG gewaltige Verluste.

Nun scheint all das schon wieder vergessen. Nun reißen sich Goldman und die Credit Suisse um die Giftpapiere von AIG. Auch der Hedgefonds-Manager John Paulson setzt nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg wieder auf Mortgage Backed Securities. Ausgerechnet Paulson! Der Mann, dem die Deutsche Bank nach Informationen des SPIEGEL geholfen hatte, auf den großen Crash zu wetten, während ihre eigenen Kunden mit steigenden Kurse kalkulierten. Während die meisten von ihnen große Verluste verbuchten, verdiente Paulson allein 2007 rund 3,7 Milliarden Dollar. Nun deckt auch er sich mit den Papieren ein, gegen die er einst gewettet hatte.

"Das fliegt alles in die Luft"

Die Ramschkönige zocken wieder, denn es winken hohe Gewinne: Für zehnjährige US-Staatsanleihen bekommen Anleger derzeit zwei Prozent Zinsen, bei Mortgage Backed Securities winken Renditen von bis zu zwölf Prozent.

Die Verluste erscheinen den Investoren überschaubar, denn der Wert dieser Papiere ist mittlerweile so stark gefallen, dass weitere Abzüge kaum noch möglich scheinen. Selbst in ihren düstersten Szenarien, selbst wenn die Immobilienpreise noch einmal um zehn Prozent fallen sollten, rechnen sich Investoren bei bestimmten hypothekenbesicherten Papieren noch Gewinne aus, schreibt die "New York Times".

Das scheint Lippmann zu locken. 2005 warnte er seine Kollegen bei der Deutschen Bank vor Mortgage Backed Securities. "Das fliegt alles in die Luft", brüllte er nach SPIEGEL-Informationen durchs Büro. Heute schreibt er in einem Brief an die Investoren, dass die Produkte im Marktvergleich so günstig zu haben seien wie lange nicht.

Und die Preise steigen bereits wieder kräftig: Der ABX-Index des Forschungsinstituts Markit, der den Wert solcher Immobilienpapiere abbildet, ist seit Jahresbeginn um 22 Prozent gestiegen, nachdem er 2011 regelrecht abgestürzt war. In der britischen "Financial Times" ist bereits von einer Preisrallye die Rede.

Haben die Zocker nichts aus der Krise gelernt?

Und doch trügt der Schein. Wirkliche Goldgräberstimmung herrscht noch nicht. Die herrscht nur bei risikofreudigen US-Banken und einigen Hedgefonds. Andere Investoren schrecken vor den toxischen Papieren noch zurück. Sie zweifeln, dass die Preise wirklich weiter steigen. Und tatsächlich gibt es dafür gute Gründe.

Objektiv betrachtet ist der Immobilienmarkt noch immer am Boden. Der ABX-Index notiert noch immer rund 50 Zähler unter Vorkrisenniveau. Der Markt für Mortgage Backed Securities hat sich seit Ausbruch der Krise auf 1,3 Billionen Dollar halbiert - und schrumpft laut "New York Times" weiter um rund zehn Milliarden Dollar pro Monat.

Psychologisch allerdings hat es eine große Wirkung, dass nun ausgerechnet die Krisen-Kassandra Greg Lippmann und ihr Crash-Wettpate John Paulson auf eine Erholung des Marktes setzen. Sind sie allen anderen mal wieder einen Schritt voraus?

Zumindest bei Paulson sollte man sich da nicht zu sicher sein. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg setzte er bereits 2008 auf einen Preisanstieg. 2011 büßte sein entsprechender Fonds laut "FTD" 18 Prozent an Wert ein.

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