Von Marc Pitzke, New York
Es ist die Zeit des Gebens. Kaum hatten die Amerikaner die Völlerei des Thanksgiving-Festes verdaut, stürzten sie sich in den vorweihnachtlichen Einkaufsrausch. Schätzungsweise 138 Millionen Kunden - vier Millionen mehr als 2009 - stürmten zum traditionellen "Black Friday" die Geschäfte, die mit radikalen Preisnachlässen lockten.
Vor dem Mega-Kaufhaus Macy's in Manhattan, das dazu extra um 4 Uhr früh öffnete, standen mehr als 7000 Schnäppchenjäger schon seit abends Schlange, trotz frostiger Temperaturen. Die rivalisierenden Edel-Einkleider Hollister und Abercrombie & Fitch an der Fifth Avenue regelten den Andrang der Massen mit Türstehern, während drinnen halbnackte Models die Käufer inspirierten. Wal-Mart errichtete Barrikaden und heuerte eigene Sicherheitsbeamte an, um ein Chaos wie vor zwei Jahren zu vermeiden, als ein Mann zu Tode getrampelt worden war.
Seit Jahren beschwören die Wall Street und der US-Einzelhandel den "Black Friday" als "kulturelles Phänomen", wie es Brian Dunn, der Chef der Elektronikkette Best Buy, auch jetzt wieder hoffnungsvoll formulierte. Konsum gleich Konjunktur, so die Rechnung der Konzerne: Kaufen als Therapie für eine wirtschaftlich geknickte und politisch gespaltene Nation, deren von oben verordneter Trostspruch schon nach dem Terror des 11. September 2001 lautete: "Go shopping!"
So also auch jetzt wieder. Sparkonten geplündert und Wunschlisten umklammert, rafften die Leute Flatscreen-Fernseher und Modeschmuck an sich, Kaschmir-Pullis und Koffer-Sets, Laptops und iPads, als könnten sie die Krise damit hinwegkaufen. Immer mehr erledigten diese Bürgerpflicht per Mausklick: Die Online-Umsätze des vergangenen Freitags lagen um 16 Prozent über denen des Vorjahres. Da staunte das Webmagazin "Salon": "Man könnte meinen, es habe nie eine Rezession gegeben."
Kaufen ja - aber geben? Statistiken zeigen, dass die meisten Leute dieses Jahr eher sich selbst beglücken anstatt Menschen, die es nötiger hätten, etwas zu spenden: Statt den Sinn für Solidarität zu stärken, scheint die Wirtschaftskrise vielmehr die egoistische Ader hervorgekehrt zu haben. Das neue Motto: Shoppen ja, spenden nein.
Katalog der würdigsten Spendenempfänger
So vermeldet das Magazin "Chronicle of Philanthropy" einen drastischen Schwund der Spendenfreude, für die Amerika sonst so berühmt ist: Die Spenden an die größten Wohltätigkeitsorganisationen des Landes seien 2009 um elf Prozent zurückgegangen und dürften auch für 2010 kaum höher liegen. Dieser Rückgang sei viel dramatischer als die schockbedingte Knausrigkeit nach 9/11, als die Spenden "nur" um 2,8 Prozent sanken. Die etwas exklusivere US-Dachgruppe Giving USA spricht sogar vom heftigsten Spendeneinbruch seit ihrer Gründung - 1956.
Betroffen sind unter anderem jene Charities, die sich um die größten Krisenverlierer kümmern. Der Children's Hunger Fund sah seine Spenden um 63,4 Prozent zurückgehen, Food for the Poor, die drittgrößte US-Hilfsgruppe für Hungernde und Arme, um fast 28 Prozent. Die US-Heilsarmee büßte 8,4 Prozent ein, die Jugendorganisation YMCA mehr als 17 Prozent. Und die Stiftung des umtriebigen Ex-Präsidenten Bill Clinton verzeichnete einen Spendenrückgang von fast 55 Prozent.
Auffallend sind dabei vor allem die stark reduzierten Spenden seitens der Wall Street. Der Fidelity Charitable Gift Fund des US-Investmentriesen Fidelty, der sich hauptsächlich aus Aktiengaben speist, nahm 40 Prozent weniger ein, blieb mit einem Vermögen von rund einer Milliarde Dollar aber immerhin noch auf Platz sechs aller US-Organisationen. Das Spendenprogramm der Investmentgruppe Schwab sank um fast 46 Prozent, das von Vanguard um 20,4 Prozent.
Eine der lobenswerten Ausnahmen ist die Wall-Street-Bank Morgan Stanley
, die mehr statt weniger spendete. Deren Mitarbeiter gaben im Krisenjahr 2009 rund 75 Millionen Dollar an gute Zwecke, 15 Millionen Dollar mehr als 2008. Morgan Stanley Smith Barney, das Broker-Joint-Venture mit Citigroup
, gibt dieses Jahr sogar einen praktischen "Holiday Gift Catalogue" heraus, der die würdigsten Spendenempfänger empfiehlt - von der American Lung Association bis hin zum World Wildlife Fund.
"Playboy"-Party für den Megabanker
Schließlich ist es ja nicht so, dass die Wall Street in dieser Weihnachtssaison unbedingt darben muss. Die Jahresend-Bonusausschüttungen der Top-Banker werden nach Berechnung der Consulting-Firma Johnson Associates rund fünf Prozent über denen von 2009 liegen. Allein Goldman Sachs
, Morgan Stanley, Citigroup, Bank of America
und JPMorgan Chase
planen Extra-Vergütungen von fast 90 Milliarden Dollar für ihre Mitarbeiter - zumal sie sich vom Staatsdiktat längst wieder freigekauft haben. Goldman beförderte jetzt auf einen Schlag 321 Mitarbeiter zu großzügig bezahlten Managing Directors, so viele wie noch nie.
Doch diese neuen Reichtümer werden seltener an Bedürftige weitergereicht als früher - sondern eher für sich selbst verprasst. Zwar sind die Protzzeiten von einst schon aus reinen PR-Erwägungen vorbei, und die meisten Wall-Street-Häuser verzichten auch dieses Jahr auf ostentative Weihnachtsfeiern. Schließlich grassiert in den USA immer noch Massenarbeitslosigkeit.
Trotzdem ist Extravaganz kein Tabu mehr wie noch während der Krise - im Gegenteil. "Überfluss feiert dieses Jahr ein Comeback", schreibt die "New York Times" über das, was sie als neue "Großtuerei" der Wall Street diagnostiziert. Etwa kürzlich bei der Halloween-Party des Goldman-Analysten Josh Koplewicz: Da hätten sich mehr als tausend Gäste im New Yorker Nightclub Good Units mit Gratis-Wodka vergnügt, während HipHop-Star Lil' Kim im Katzenkostüm rappte.
"Die Wall Street gibt so viel aus wie früher, wenn nicht mehr"
Brian Brille, der Asienchef der Bank of America, feierte seinen 50. Geburtstag dem Bericht zufolge in Hongkong mit einer "Playboy"-Party, samt Morgenrock à la Hugh Hefner und "Playmates" mit Federboas. Von dem neuen Geldregen profitiert selbst Schönheitschirurgin Francesca Fusco auf Manhattans East Side: "Die Wall Street gibt so viel aus wie früher, wenn nicht mehr", freute sie sich in der "New York Times".
Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's schrieben bei ihren Herbstauktionen kürzlich neue Rekorde, dank der Kunstsammler von der Wall Street. New Yorks Nobel-Restaurants haben lange Wartelisten. Tiffany's räumt ab wie seit den neunziger Jahren nicht mehr. Und die Hersteller von Luxusautos fahren Sonderschichten, um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden. "Die Reichen", resümiert das "Wall Street Journal", "haben sich von der Krise schneller erholt als andere."
Immerhin ist der Protz-Luxus noch nicht ganz zurückgekehrt: Der traditionell exorbitante "Fantasy Bra", den der Reizwäschekonzern Victoria's Secret an diesem Dienstag wie immer zur Weihnachtssaison "enthüllt", ist günstiger als in den Vorjahren. Bestückt mit mehr als 3000 Diamanten (60 Karat) und Topas (82 Karat), gefasst in 18-karätigem Gold, kostet er diesmal "nur" 2,5 Millionen Dollar, 500.000 Dollar weniger als im Krisenjahr 2009 - vom Boomjahr 2000 ganz zu schweigen, als der Glamour-BH noch 15 Millionen Dollar wert war.
Dennoch ist der Tag der BH-Präsentation bei der Victoria's-Secret-Modenschau perfekt gewählt. Zumindest macht er deutlich, welch krasse Gegensätze sich im Nach-Krisen-Amerika etabliert haben: Es ist derselbe Tag, an dem für rund zwei Millionen notleidende Amerikaner die Arbeitslosenhilfe ausläuft.
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