Umstrittenes Exportmodell Wo die USA mit ihrer Deutschland-Kritik recht haben

Die deutsche Wirtschaft ist zu exportlastig, kritisiert die US-Regierung - und zieht damit den Zorn von Industrie und Politik auf sich. Doch ganz falsch liegen die Amerikaner nicht. Unternehmen hierzulande investieren und importieren nicht genug.

Hamburger Hafen: Deutschlands Exporte laufen gut
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Hamburger Hafen: Deutschlands Exporte laufen gut

Ein Debattenbeitrag von Marcel Fratzscher


Die ungewöhnlich harsche Kritik der USA an Deutschlands Exportüberschüssen hat hierzulande Empörung hervorgerufen. Kein Land wird gerne von einem anderen ermahnt, seine Wirtschaftspolitik zu ändern. Regierungen in Spanien, Italien, Portugal haben dies in den letzten Jahren schmerzlich zu fühlen bekommen.

Wir Deutschen mögen diese US-Kritik vor allem deshalb nicht, weil wir das Gefühl haben, wirtschaftspolitisch in den letzten Jahren alles richtig gemacht zu haben. Zudem kommt die Kritik von einer Regierung, die durch ihre Politik 2008 die globale Finanzkrise verursacht und auch in den vergangenen Jahren entscheidende wirtschaftspolitische Fehler begangen hat.

Trotz unseres verletzten Stolzes sollten wir selbstkritisch und offen genug sein, einen Moment innezuhalten und zu überlegen, ob die US-Kritik nicht doch einen wahren Kern hat. Falsch ist der Vorwurf, dass der enorme deutsche Exportüberschuss von 170 Milliarden Euro - oder fast sieben Prozent der Wirtschaftsleistung - die Anpassung in den europäischen Krisenländern verhindere. Nur zwei Prozent des deutschen Überschusses fällt gegenüber der Euro-Zone an, ein noch geringerer Teil gegenüber den Krisenländern.

Auch steht die deutsche Wirtschaft nicht in Konkurrenz zu Unternehmen in den Krisenländern, sondern vor allem zu solchen in den USA und in Asien. Eine schwächere Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde also den Krisenländern nicht helfen, sondern eher schaden, da dies ihre Exporte nach Deutschland reduzieren würde.

Ein relativ schwacher Euro-Wechselkurs oder niedrige deutsche Löhne sind ebenfalls keine gewichtigen Gründe für Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit - die Exporte sind in den vergangenen Jahren trotz großer Wechselkurs- und Preisschwankungen kontinuierlich gestiegen. Entscheidend ist vielmehr die starke Marktstellung deutscher Unternehmen in spezifischen Nischen und Produktkategorien, die für das Wachstum vor allem der Schwellenländer von fundamentaler Bedeutung ist.

Höhere Importe sind in unserem eigenen Interesse

Auch wenn die Begründung der US-Kritik an den deutschen Exporten also falsch ist, sollten uns der hohe Exportüberschuss und die starke Exportabhängigkeit der deutschen Wirtschaft trotzdem große Sorgen machen. Denn die riesigen Überschüsse Deutschlands spiegeln tiefe strukturelle Probleme der deutschen Wirtschaft wider: die große Investitionsschwäche der Unternehmen und des Staates.

Den starken deutschen Exportsektoren stehen schwache Dienstleistungssektoren gegenüber, in denen die Investitionen stark gefallen sind, die wenig produktiv sind und die kaum Wachstum schaffen. Das DIW Berlin hat berechnet, dass diese Investitionslücke in Deutschland jedes Jahr drei Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, das sind 80 Milliarden Euro - eine Bremse für das Wachstum und damit für Beschäftigung und Löhne in Deutschland.

Kurzum: Die große Investitionslücke ist der Hauptgrund für die hohen Exportüberschüsse Deutschlands. Das Problem sind also die fehlenden Importe für Investitionen und nicht die zu hohen Exporte. Diese Investitionsschwäche zu beseitigen, würde auch Europa helfen, denn von stärkeren Exporten nach Deutschland würde der ganze Kontinent profitieren.

Vor allem liegt es aber in unserem eigenen Interesse, die Exportüberschüsse durch mehr Investitionen in Deutschland zu beheben. Das würde Beschäftigung und Produktivität fördern, und damit auch nachhaltiges Wachstum und Wohlstand in Deutschland schaffen.



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insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
Rahvin 01.11.2013
1. optional
Mir ist immer wieder schleierhaft, wie manche Leute auf die Idee kommen können, dass man mit politischen Mitteln in irgendeiner Weise in die Wirtschaft eingreifen könnte. Arbeitsplätze in der Produktion hat noch kein Politiker geschaffen. Ja, wir exportieren teure Waren, weil wir noch diesen gewissen technischen Vorsprung haben. Sollten Schwellenlänger allerdings aufholen, wird sich die Produktion schnell in Länder flüchten, wo die Arbeitslöhne niedriger und Arbeitnehmer weniger geschützt sind. Wie soll Frau Merkel eine Firma dazu bringen, bei uns zu investieren, wenn wir ständig vorgekaut bekommen, dass bei globaler Marktwirtschaft die Welt selbst zum Spielplatz der Wirtschaftstreibenden geworden ist? Da wird ermahnt, aber am Ende wird die Kanzlerin den Teufel tun, es sich mit der Wirtschaft zu verscherzen, in die sie mit Sicherheit nach ihrer irgendwann hoffentlich einmal eintretenden Abwahl wechseln wird. Und wenn Wirtschaft denn wirklich erklärbar und rational wäre, dann müsste man sich fragen, warum Prognosen bei Wirtschaftswachstum meist falsch liegen, warum Börsenkurse nicht berechenbar sind, warum wir eine Finanz- und Bankenkrise haben, warum die südeuropäischen Länder so unvorhergesehen in die Krise rutschten. Mit Wissenschaft haben weder BWL noch VWL etwas zu tun. Es gibt Modelle, die allesamt versagt haben. Genauso gut kann man sich zu einem Wahrsager begeben.
unixv 01.11.2013
2. Das wird sich auch nicht ändern!
Zitat von sysopDPADie deutsche Wirtschaft ist zu exportlastig, kritisiert die US-Regierung - und zieht damit den Zorn von Industrie und Politik auf sich. Doch ganz falsch liegen die Amerikaner nicht. Unternehmen hierzulande investieren und importieren nicht genug. US-Kritik an deutschen Exporten: Wo die USA Recht haben - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/us-kritik-an-deutschen-exporten-wo-die-usa-recht-haben-a-931279.html)
Niedriglöhne, 1€ Jobber, arme Rentner, prekär beschäftigte, da blüht der Gebraucht-Markt! Die 10%, welche noch Geld in der Tasche haben, kaufen ihre Waren doch auch nicht bei uns. Da bleibt nur der Export!
Hilfskraft 01.11.2013
3. System
ein System von Geben und Nehmen muß den Export beherrschen. Merkels Intension heißt Nehmen, nicht geben und das auf allen Gebieten.
gehmlich 01.11.2013
4. nun so ganz kann ich es nicht verstehen
Nun, ich bin mir nicht im Klaren, ob dies alles richtig interpretiert ist. Die fehlende Investition in Serviegebieten finde ich richtig. HAuptgrund ist, dass Servicedienstleistung grösstenteils im selbigen Land angeboten werden, das Geld bleibt also im Land und der Wert dessen wird durch die Inflation über jahre hinweg aufgefressen. Länder wie Grossbritannien können ein Lied davon singen. Zudem sollten wir uns nicht schähmen, viele Güter zu exportieren; vielmehr sollten sich die Länder mit einer hohen Importquote schähmen, dass Unternehmen sich dort nicht niederlassen, um exportierende Produkte herzustellen. Daher, halte ich den amerikanischen kommentar nach wie vor für ein Ablenkungs- und Einschüchterungsmanöver.
kuschl 01.11.2013
5. Gute Ware gegen gutes (manchmal kein) Geld
Im Gegensatz zu den dubiosen Finanzprodukten der Händler und Wechsler an der Wallstreet, die die letzte Krise ausgelöst haben, sind Deutsche Industrieprodukte immerhin ihr Geld wert und es wird niemand über den Tisch gezogen! Qualität setzt sich durch!
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