Von Marc Pitzke, New York
Ben Bernanke hat einen ganz persönlichen Draht zu Europa. Seine jüdischen Großeltern stammten aus Österreich-Ungarn: 1921 wanderten sie nach New York aus, kamen in Ellis Island an, der "Insel der Tränen", und eröffneten auf der East Side eine Apotheke.
Aus professioneller Sicht dagegen hat der Vorsitzende der US-Notenbank heute eine etwas distanzierte Haltung zu Europa. "Na ja", sagte er am Mittwoch typisch trocken auf die Frage nach einer Eskalation der Euro-Krise. "Wir hoffen, dass es nicht schlimmer wird."
Bernanke saß im fünften Stock der Notenbank-Zentrale in Washington, um, wie seit April 2011 üblich, nach der Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) Rede und Antwort zu stehen. Das FOMC, das zentrale Gremium der Fed, bestimmt Amerikas Geld- und Währungspolitik. Normalerweise sind das staubtrockene Exerzitien, für Insider reserviert. Doch es sind natürlich keine normalen Zeiten.
Als sich Bernanke in goldener Krawatte vor die Reporter begab, war das Fazit der Sitzung längst verdaut: Der US-Konjunktur wird es auch bis auf weiteres nicht besser gehen. Weshalb die Fed noch tiefer ins Arsenal greift und ihr provisorisches Finanzprogramm "Operation Twist" bis Jahresende verlängert. Der Umtausch von Anleihen im Portfolio der Fed soll die Zinsen drücken und Anleger wie Unternehmer animieren - ein ziemlich zahmer Schritt, der die Märkte nur wenig beeindruckte.
Ein Wort aber tauchte in dem wie immer knappen FOMC-Statement nicht auf, und auch Bernanke ließ es sich bei der Pressekonferenz erst durch Fragen entlocken: Europa.
Das ist nach den Worten des Fed-Chefs eine von drei "Gegenwind"-Strömungen, die der US-Wirtschaft - und dem um Wiederwahl kämpfenden US-Präsidenten Barack Obama - steif ins Gesicht blasen. Zwei sind intern: der lahme Häuser- und Arbeitsmarkt sowie die "Fiskalklippe" - eine neue, von Washington selbstverschuldete Schuldenkrise, die Ende 2012 droht, aber ihre Schatten jetzt schon vorauswirft. Und eine der Krisen ist eben extern.
Europa liegt außerhalb des Beritts Bernankes, der gespreizt betonte, wie "unparteiisch" die Fed sei und wie unwillens, sich in die Politik einzumischen, ob in den USA oder jenseits des Atlantiks. Also ließ er sich zu Europa auch nur mit fast schon komischer Vorsicht aus, mit Samtfloskeln, die er neulich schon mal vor dem Kongress vorgebracht hatte.
In Laiensprech übersetzt liefen die verbalen Windungen aber auf einen klaren Appell hinaus - gerichtet an die Teilnehmer der nächsten Euro-Krisentreffen. Die nimmt der Fed-Boss in die Pflicht: "Europa ist eine wohlhabende Region, sie haben adäquate Ressourcen, um diese Probleme anzugehen", sagte er, ohne das Wort "Konjunkturspritze" in den Mund zu nehmen. "Wir überlassen die Führung ihnen."
Während Obama Bundeskanzlerin Merkel bei ihren jüngsten Tête-à-Têtes verdeutlicht hatte, wie wichtig eine Lösung des Euro-Dramas auch für Washington ist, nutzte Bernanke nun dieses Forum. "Die europäische Situation bremst das US-Wirtschaftswachstum", klagte er. Die "Sorge" dämpfe Aktienpreise und führe zu Volatilität an den Märkten hier. Die Krise sei auch für die USA "ein signifikantes Problem".
Zwar sei die Fed bei den "Konsultationen" mit den europäischen Partnern "sehr engagiert", so Bernanke. "Wir versuchen, so viel Hilfe und Unterstützung wie möglich zur Verfügung zu stellen." Doch die Lösung müssten diese alleine finden: "Die Europäer sind die erste Front."
"Wir hoffen, dass die Europäer zusätzliche Maßnahmen ergreifen und alles tun, was nötig ist, um die Lage zu stabilisieren", sagte Bernanke. Nichtsdestotrotz würden sich die USA notfalls abschotten gegen die Folgen eines Euro-Kollapses. "Wir hoffen auf das Beste", sagte er, fügte aber im selben Atemzug hinzu: "Wir sind vorbereitet für den Fall, dass die Dinge sich verschlechtern, um die Wirtschaft und das Finanzsystem der USA zu schützen."
In diesem Kontext begründete Bernanke auch die "Operation Twist", die zunächst in erster Linie eine Reaktion auf die eigenen Probleme der USA war. An denen mangelt es nicht. "Die Prognosen waren zu optimistisch", räumte Bernanke ein. So dürfte die Arbeitslosenquote bis Ende des Jahres - also auch bis zur Präsidentschaftswahl im November - kaum unter die psychische Schwelle von acht Prozent sinken. Die US-Wirtschaftsdaten generell seien "etwas enttäuschend", sagte er. Doch sei sich die Fed noch nicht so richtig im Klaren, wie sie diese Daten nun genau interpretieren solle.
An den Zinsen kann die Fed nicht länger drehen, die liegen schon fast bei null. Doch gebe es, neben Programmen wie "Operation Twist", noch andere "nicht normgerechte Werkzeuge", die freilich von Natur aus dazu neigten, "klumpig zu sein". Zum Beispiel weitere Milliardenspritzen wie die bisherigen.
"Wir sind gerüstet, mehr zu tun", versicherte Bernanke. Aber: "Wir brauchen zusätzliche Informationen über den Zustand der Wirtschaft und darüber, was in Europa geschieht."
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