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30. Dezember 2010, 07:12 Uhr

US-Rezession

Von der Wall Street auf die Straße

Für Abermillionen Amerikaner wurde 2010 das Jahr der unerwarteten, neuen Armut - auch für Pam Brown. US-Korrespondent Marc Pitzke erzählte ihre Geschichte und erfuhr, wie aus dem "American Dream" ein Alptraum wird.

Zur Begrüßung umarmte sie mich. Wir kannten uns nicht und hatten uns vorher auch nur einmal am Telefon gesprochen. Doch als wir uns in einem Billigrestaurant an der West 14th Street trafen, war Pam Brown überglücklich.

Sie war froh, dass ihr endlich einer zuhörte.Brown hatte mal an der Wall Street gearbeitet, als Vorstandsassistentin, Jahresgehalt 80.000 Dollar. Dann raubte ihr die Finanzkrise den Job. Seit Anfang 2009 war sie arbeitslos, stürzte durchs löchrige US-Sozialnetz bis an den Rand der Armut und war nur durch Glück nicht obdachlos. "Über Nacht", sagte sie, immer noch wie unter Schock, "fand ich mich auf der falschen Seite des Lebens wieder."

Doch niemand kümmerte sich. Ämter reichten sie herum, Sozialarbeiter wiesen sie ab. Ihre Leidensgeschichte passte nicht in die Erfolgsstory einer Wall Street, die sich 2010 langsam von der Jahrhundertkrise erholte.

So ging es Abermillionen Amerikanern, für die dies das Jahr der unerwarteten, neuen Armut wurde. Während die Großbanken wieder kräftig Gewinne und Gehälter scheffelten, rutschten weite Teile des Mittelstands plötzlich ab. Die offizielle US-Arbeitslosenquote lag auch Ende 2010 unverrückbar über neun Prozent - und die inoffizielle noch um vieles höher.

Für ganze Familien wurde der "American Dream" zum Alptraum. Sie fielen ins existentielle Nichts - und verschwanden aus dem Bewusstsein der Politiker, denen die Wahlspenden der Finanzbranche mehr wert waren als die Sorgen der schweigenden Masse.

Amerika hat ein kurzes Gedächtnis. Die Börsianer feiern das Ende der Krise - dabei beginnt sie sich gerade schon zu wiederholen. Die Banken spekulieren so schamlos wie vor dem Crash. Die Lobbyisten sind machtvoll wie ehedem. Dass die letzten zwei Jahre nichts anderes waren als ein monumentaler Insider-Bankraub - längst vergessen und verdrängt.

Kein einziger Schuldiger aus den Chefetagen wurde strafrechtlich belangt. Stattdessen jagt die US-Justiz lieber laienhaften Mini-Betrügern nach, kleinen Fischen, die mit ihrer maßlosen Geldgier dem Jahrhundertschwindler Bernard Madoff nacheiferten, der im Gefängnis vom Selbstmord seines Sohns erfahren musste.

Goldman Sachs, das mächtigste Wall-Street-Haus, entledigte sich einer lästigen Zivilklage, wonach es Klienten um eine Milliarde Dollar betrogen haben soll, durch Zahlung eines läppischen Strafgelds von 550 Millionen Dollar. Die alten Strippenzieher verloren zwar meist ihre Jobs, sitzen aber längst wieder anderswo am Ruder - notfalls in der akademischen Welt, wo sie die neue Geld-Generation heranzüchten.

Präsident Barack Obama - dessen Demokraten sich von der Tea Party aus der Macht kegeln ließen - sah zu, wie seine Finanzmarktreform rettungslos verwässert wurde, von der Bankenlobby und ihren Kongresshelfern. Die Hauptakteure der Krise blieben unbehelligt: Derivatehändler, Rating-Agenturen, Mammutbanken. Auch die US-Kommission zur Aufklärung der Finanzkrise versagte kläglich.

Unterdessen wurden Millionen Amerikaner aus ihren Eigenheimen geschmissen, von Zwangsvollstreckern, die Räumungsbescheide am Fließband produzierten und nicht selten sogar fehlerhaft. In Florida, dem Ground Zero der Krise, standen ganze Hochhäuser leer - mit möblierten Wohnungen und türkisfarbenen Pools.

In den Millionenmetropolen vermeldeten die Suppenküchen Rekordandrang. "Bread Lines" prägten oft das Straßenbild. Ich hatte Pam Brown im Oktober getroffen. Zwei Monate später hatte sie immer noch keinen Job. Doch vor der New York Stock Exchange (NYSE) stand ein prächtiger Weihnachtsbaum, 20 Meter hoch, mit 3300 LED-Lämpchen und 250 bunten Christbaumkugeln mit dem NYSE-Logo.

Happy New Year, Wall Street!

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