US-Rezession: Von der Wall Street auf die Straße

Für Abermillionen Amerikaner wurde 2010 das Jahr der unerwarteten, neuen Armut - auch für Pam Brown. US-Korrespondent Marc Pitzke erzählte ihre Geschichte und erfuhr, wie aus dem "American Dream" ein Alptraum wird.

SPIEGEL ONLINE

Zur Begrüßung umarmte sie mich. Wir kannten uns nicht und hatten uns vorher auch nur einmal am Telefon gesprochen. Doch als wir uns in einem Billigrestaurant an der West 14th Street trafen, war Pam Brown überglücklich.

Sie war froh, dass ihr endlich einer zuhörte.Brown hatte mal an der Wall Street gearbeitet, als Vorstandsassistentin, Jahresgehalt 80.000 Dollar. Dann raubte ihr die Finanzkrise den Job. Seit Anfang 2009 war sie arbeitslos, stürzte durchs löchrige US-Sozialnetz bis an den Rand der Armut und war nur durch Glück nicht obdachlos. "Über Nacht", sagte sie, immer noch wie unter Schock, "fand ich mich auf der falschen Seite des Lebens wieder."

Doch niemand kümmerte sich. Ämter reichten sie herum, Sozialarbeiter wiesen sie ab. Ihre Leidensgeschichte passte nicht in die Erfolgsstory einer Wall Street, die sich 2010 langsam von der Jahrhundertkrise erholte.

So ging es Abermillionen Amerikanern, für die dies das Jahr der unerwarteten, neuen Armut wurde. Während die Großbanken wieder kräftig Gewinne und Gehälter scheffelten, rutschten weite Teile des Mittelstands plötzlich ab. Die offizielle US-Arbeitslosenquote lag auch Ende 2010 unverrückbar über neun Prozent - und die inoffizielle noch um vieles höher.

Für ganze Familien wurde der "American Dream" zum Alptraum. Sie fielen ins existentielle Nichts - und verschwanden aus dem Bewusstsein der Politiker, denen die Wahlspenden der Finanzbranche mehr wert waren als die Sorgen der schweigenden Masse.

Amerika hat ein kurzes Gedächtnis. Die Börsianer feiern das Ende der Krise - dabei beginnt sie sich gerade schon zu wiederholen. Die Banken spekulieren so schamlos wie vor dem Crash. Die Lobbyisten sind machtvoll wie ehedem. Dass die letzten zwei Jahre nichts anderes waren als ein monumentaler Insider-Bankraub - längst vergessen und verdrängt.

Kein einziger Schuldiger aus den Chefetagen wurde strafrechtlich belangt. Stattdessen jagt die US-Justiz lieber laienhaften Mini-Betrügern nach, kleinen Fischen, die mit ihrer maßlosen Geldgier dem Jahrhundertschwindler Bernard Madoff nacheiferten, der im Gefängnis vom Selbstmord seines Sohns erfahren musste.

Goldman Sachs, das mächtigste Wall-Street-Haus, entledigte sich einer lästigen Zivilklage, wonach es Klienten um eine Milliarde Dollar betrogen haben soll, durch Zahlung eines läppischen Strafgelds von 550 Millionen Dollar. Die alten Strippenzieher verloren zwar meist ihre Jobs, sitzen aber längst wieder anderswo am Ruder - notfalls in der akademischen Welt, wo sie die neue Geld-Generation heranzüchten.

Präsident Barack Obama - dessen Demokraten sich von der Tea Party aus der Macht kegeln ließen - sah zu, wie seine Finanzmarktreform rettungslos verwässert wurde, von der Bankenlobby und ihren Kongresshelfern. Die Hauptakteure der Krise blieben unbehelligt: Derivatehändler, Rating-Agenturen, Mammutbanken. Auch die US-Kommission zur Aufklärung der Finanzkrise versagte kläglich.

Unterdessen wurden Millionen Amerikaner aus ihren Eigenheimen geschmissen, von Zwangsvollstreckern, die Räumungsbescheide am Fließband produzierten und nicht selten sogar fehlerhaft. In Florida, dem Ground Zero der Krise, standen ganze Hochhäuser leer - mit möblierten Wohnungen und türkisfarbenen Pools.

In den Millionenmetropolen vermeldeten die Suppenküchen Rekordandrang. "Bread Lines" prägten oft das Straßenbild. Ich hatte Pam Brown im Oktober getroffen. Zwei Monate später hatte sie immer noch keinen Job. Doch vor der New York Stock Exchange (NYSE) stand ein prächtiger Weihnachtsbaum, 20 Meter hoch, mit 3300 LED-Lämpchen und 250 bunten Christbaumkugeln mit dem NYSE-Logo.

Happy New Year, Wall Street!

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insgesamt 73 Beiträge
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1. Hier könnte mein Klarname stehen
snickerman 30.12.2010
Die schlimmsten Zerstörungen richtet oft nicht die erste Welle eines Tsunamis an, sondern die zweite...oder dritte. Bei uns wird über die Scheinfrucht des Aufschwungs gejubelt, dabei hat die Krise noch gar nicht richtig angefangen.
2. Wieso schreiben Sie nicht ueber Pam Brown?
hbkm 30.12.2010
Wieso erwaehnen Sie denn eingangs und ausgangs Pam Brown, wenn Sie im Artikel gar nicht auf den (Einzel-)Fall eingehen sondern nur Plattitueden schreiben? Unter der Ueberschrift haette ich einen voellig anderen Inhalt erwartet.
3. Ohne Titel
endbenutzer 30.12.2010
Zitat aus dem Artikel: "...Amerikas hat ein kurzes Gedächtnis. Die Börsianer feiern das Ende der Krise - dabei beginnt sie sich gerade schon zu wiederholen. Die Banken spekulieren so schamlos wie vor dem Crash. Die Lobbyisten sind machtvoll wie ehedem. Dass die letzten zwei Jahre nichts anderes waren als ein monumentaler Insider-Bankraub - längst vergessen und verdrängt...." Nicht nur Amerika(s) hat ein schlechtes Gedächtnis. Hier in Deutschland sieht es doch nicht anders aus. Nur dass wir hier noch ein soziales Netz haben - noch...
4. Hearts four
teldg 30.12.2010
Zitat von sysopFür Abermillionen Amerikaner wurde 2010 das Jahr der unerwarteten, neuen Armut, auch für Pam Brown. Sie hat früher an der Wall Street gutes Geld verdient, dann verlor sie ihren Job. Von SPIEGEL-ONLINE-Autor Marc Pitzke. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,735737,00.html
Die arme Pam tut mir sooo leid. Die ärmste musste sich erst mit 80 000 Kröten im Jahr durchschlagen und konnte deshalb nichts auf die hohe Kante legen, und heute hat sie gar nichts mehr, ausser einem Haufen Manolos. Deshalb rufe ich alle auf .... SPENDEN SIE !! Damit die Wall Street wieder ein Hort der Liebe und Menschlichkeit wird ! [/Ironie] Aber keine Angst ... sie lebt ja in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Heute ruiniert und wahrscheinlich in 24 Monaten Milliardärin. Wer braucht da noch ein soziales Netz ? Vor 2 Jahren hätte sie im Interview wahrscheinlich noch auf die Asozialen, die nur faul rumliegen und nichts arbeiten, geschimpft. Oft gehörte Argumente von solchen Leuten : Wer wirklich arbeiten will, findet auch Arbeit. Wer betteln kann, kann auch arbeiten. Get a Job !
5. .
virtualtom 30.12.2010
Zitat von endbenutzerNur dass wir hier noch ein soziales Netz haben - noch...
Die in dem Netz gefangenen werden gerade als Opfer für Hetzkampagnen hergenommen, um von eigenen politischen Unzulänglichkeiten abzulenken. Denn wer im Netz hängt, kann sich nicht bewegen, und stellt ein hervorragendes Ziel dar. Kommt mir irgendwie bekannt vor...
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