Von Marc Pitzke, New York
Die Aktion begann um Punkt sieben Uhr, gerade als die ersten Wall-Street-Pendler aus der U-Bahn quollen. Sie positionierten sich im Schatten der Börse, vor der Federal Hall, vor dem Luxusladen Blancpain, verkleidet als Banker, Sekretärinnen, Hausmeister und Straßenfeger. Und dann, auf Kommando, zogen sie sich aus. Splitternackt.
Der Protestaufmarsch von 50 Nudisten im Herzen der Weltfinanz war eine Idee des Performance-Künstlers Zefrey Throwell. "Ich will die dunkelsten Winkel der Finanzwelt ausleuchten", sagte er. Seine Mutter habe ihre gesamten Lebensersparnisse in der Finanzkrise verloren. "Nichts hat sich seitdem verändert."
Am Montag war das, als die Wall Street nackt dastand, für fünf Minuten. Diesmal handelte die Justiz flink: Während die großen Schurken der Kreditkrise bis heute frei herumlaufen, wurden die, die sie textilfrei anprangerten, einkassiert. Drei Nackedeis landeten in U-Haft - und die Wall Street nahm ihren Rhythmus auf, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Die Wall Street hat ihre eigenen Gesetze. Das zeigte sich in dieser Woche auch an einem anderen, noch bedeutenderen Beispiel. Trotz des Schuldendeals in Washington setzten die US-Aktien ihre steile Talfahrt fort. Insgesamt fielen sie acht Tage in Folge, der dauerhafteste Sturz seit der Krise 2008. Am schlimmsten war es am Dienstag, als der Dow Jones um 266 Punkte abrutschte (2,2 Prozent). Erst am Mittwoch fingen sich die Kurse wieder, um haarscharf im grünen Bereich zu landen.
Die Entwicklung widersprach allen Erwartungen: Nach der Zitterpartie um die US-Schuldenobergrenze und das 2,14-Billionen-Dollar-Sparpaket, das die Staatspleite abwendete, hätten sich die Börsen eigentlich berappeln müssen. Doch das Gegenteil war der Fall. Denn, so offenbart sich jetzt: Die Crux war nie wirklich der Schuldenstreit. Er war nur eine von der Tea Party inszenierte Ablenkung. Das Problem, das Investoren und Spekulanten belastet, liegt viel tiefer: Konjunktur und Arbeitsmarkt kränkeln, eine neue Rezession droht, und die Rating-Agenturen haben der USA noch längst keinen Freibrief ausgestellt.
"Es herrschen Unsicherheit und Angst"
Diese Sorgen köcheln auch an der Wall Street schon lange, die jüngste Schuldenfarce Washingtons hatte sie nur vorübergehend vertuscht. "Seit die Leute nicht mehr auf die Schuldengrenze starren", sagte der Portfolio-Manager Erik Weisman dem "Wall Street Journal", "starren sie auf eine Wirtschaft, die schlechter aussieht als gedacht." Brian Sullivan, Börsenexperte beim Wirtschaftssender CNBC, formuliert es so: "Es herrschen Unsicherheit und Angst."
Eine Abfolge mieser Konjunkturdaten fachen diese Angst zusätzlich an: Einkommen, Ausgaben, Preise, Produktion - die Fundamente beben. Immer mehr setzt sich die Einsicht durch: Aus dem erhofften Aufschwung 2011 wird nichts. Schlimmer noch: Das Gespenst einer zweiten Rezession (Double-Dip-Rezession) spukt durch die Wall Street - trotz aller Dementis des Weißen Hauses. Das gab es voriges Jahr schon mal, doch da konnte die Notenbank mit ihrer lockeren Geldpolitik einen solchen Absturz verhindern. Doch diesmal sind die Tricks fast ausgereizt, und sogar die Kaffeesatzleser des Wall-Street-Giganten Goldman Sachs warnen vor einem zweiten Absturz ins Tal der Konjunkturtränen.
Die Analysefirma Strategas Research Partners erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer Rezession fürs US-Wahljahr 2012 jetzt von 20 auf 35 Prozent und für 2013 von 50 auf 60 Prozent. Das Sparpaket, so die Experten, würde zwar mit Verzögerung durchschlagen, doch ab 2013/14 auf die Konjunktur drücken.
Ökonomen verlangen höhere Staatsausgaben
Immer häufiger werden hier jetzt auch Vergleiche mit den dreißiger Jahren laut. Da schlitterten die USA nach dem Crash von 1929 in eine tiefe Depression - und zogen die Weltwirtschaft mit nach unten. Ökonomen wie Irwin Keller warnen, dass die US-Regierung alte Fehler wiederhole: "Dieses Umfeld verlangt höhere Staatsausgaben, um die Konjunktur zu stützen, nicht weniger", schreibt er im Wirtschaftsdienst Dow Jones. "Entweder haben die Politiker Washingtons die Lektionen der Geschichte vergessen, oder sie haben sich nie bequemt, sie zu lernen." Keller erinnert an Präsident Herbert Hoover, der 1930 die Ausgaben drosselte und die Rezession von 1929 so nur vertiefte: "Die politische Ursünde."
Selbst die Analystenikone Meredith Whitney spricht inzwischen schon von einer Double-Dip-Rezession: Diese finde in Städten und Kommunen sowie im Immobilienmarkt bereits statt, was wiederum "enormen Druck" auf den Rest der Wirtschaft ausübe, sagte sie auf CNBC.
Der Spar-Deal verschärft die Sache nun nur noch. In puncto Schulden seien die USA "aus dem Gröbsten raus", sagte Mohamed El-Erian, der Chef der weltgrößten Anleiheninvestors Pimco, im Interview mit dem "Wall Street Journal". Was jedoch die "breiteren Zielvorgaben" angehe, "haben wir die Dinge womöglich verschlechtert als verbessert".
Sparpakete drücken bekanntlich immer auf die Konjunktur - dieses jetzt könnte zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Ökonomen glauben, dass das US-Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr so schon um 1,5 Prozentpunkte schrumpfen wird, da dann die letzten Konjunkturprogramme enden. Auch die vorübergehende Zwei-Prozent-Steuersenkung und die Langzeitarbeitslosenhilfe laufen aus. Präsident Barack Obama will die Steuersenkung zwar verlängern, doch die erstarkte Tea Party im Kongress wird sich dagegenstemmen.
Entscheidende Arbeitslosenzahlen
Auch der US-Arbeitsmarkt sieht trübe aus. Die Wall Street wartet auf Freitag, auf die nächsten Arbeitslosenquoten. "Der Markt zittert", sagte Peter Coleman, Research-Direktor bei JMP Securities, dem "Wall Street Journal". "Die Arbeitslosenzahlen werden entscheidend sein, wollen wir Boden gewinnen."
Die Zeichen stehen schlecht. Die Zahl der Entlassungen war im Juli mit mehr als 66.000 so hoch wie in 16 Monaten nicht mehr. "Firmen stellen nicht mehr nur nicht ein", sagt Finanzanalystin Vera Gibbons, "sie feuern wieder." Auch Regierung und Behörden haben seit Mai 2010 mehr als 900.000 Arbeitsplätze gestrichen - ein Exodus, den die nun von den Republikanern erzwungene Staatsschrumpfung nur noch beschleunigen wird. Selbst die Wall Street avisiert massive Stellenkürzungen.
Kein Wunder, dass die Investoren vergeblich auf ein Zeichen des Optimismus hoffen. Doch was macht der Kongress? Der verabschiedet sich, gebeutelt vom Schuldenzank, am Wochenende für einen Monat in die Sommerpause. Dutzende Probleme bleiben bis dahin ungelöst - darunter die Finanzierung der US-Luftfahrtbehörde FAA.
Die Konsequenzen allein in diesem Einzelfall sind unglaublich. Rund 4000 FAA-Mitarbeiter - etwa Sicherheitsinspektoren - sind zwangsbeurlaubt und bekommen erst im September wieder Lohn. Auch verliert die Regierung Steuereinnahmen aus Flugtickets, die sich insgesamt auf eine Milliarde Dollar summieren. "Es ist eine Situation", schimpfte Obama am Mittwoch, "bei der jeder verliert."
Doch gesunder Menschenverstand herrscht offenbar schon lange nicht mehr in Washington. Er scheint dieser Tage eher an der allseits beschimpften Wall Street zu regieren. Zefrey Throwell und seine Performance-Nudisten hätten sich besser vor dem Kapitol ausgezogen.
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