US-Tankflugzeuge Fünf-Minuten-Posse gefährdet 35-Milliarden-Deal

Der Bieterstreit um einen Mega-Auftrag für Tankflugzeuge dauert schon Jahre - und ist an Skurrilität kaum zu überbieten. Jetzt hat sich ein undurchsichtiger Wettbewerber selbst disqualifiziert, weil sein Angebot fünf Minuten zu spät kam. Die Posse könnte den Rüstungsdeal erneut verzögern.

Computeranimation einer Luftbetankung: Surreale Saga um Mega-Auftrag
ddp

Computeranimation einer Luftbetankung: Surreale Saga um Mega-Auftrag

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Hamburg - Es gibt offenbar für alles eine Steigerung - auch in der ohnehin surrealen Saga um einen Mega-Auftrag der US Air Force. Einer der drei Mitbewerber im Bieterstreit um den Bau von 179 Tankfliegern hat sich selbst disqualifiziert, weil er sein Angebot fünf Minuten zu spät bei der US-Luftwaffe eingereicht hat - und wittert dahinter gleich eine Verschwörung der amerikanischen Regierung.

Protagonisten der "Fünf-Minuten-Posse": die Firmen Aerospace und Antonov. Ein kleiner, problembeladener Flugzeugbauer aus Kalifornien und ein weltbekannter Transportmaschinenbauer aus der Ukraine. Seite an Seite hatten sie sich im Juni in den Bieterstreit um den Tanker-Auftrag eingemischt, der bis dahin ein Duell der Giganten Boeing Chart zeigen und EADS Chart zeigen war.

Experten sahen den Last-Minute-Vorstoß von Aerospace und Antonov von Anfang an als Mission Impossible. Auf jeden Fall machte die Attacke ein Wirtschaftsdrama von ohnehin epischem Ausmaß noch komplizierter. Seit einem Jahrzehnt versucht das amerikanische Verteidigungsministerium nun schon, seine knirschende Tankflugzeugflotte aus der Eisenhower-Ära zu modernisieren - bislang ohne Erfolg.

Zweimal wurde die Auftragsvergabe gestoppt und neu ausgeschrieben: 2003, nachdem bekannt geworden war, dass eine Pentagon-Mitarbeiterin den US-Flugzeugbauer Boeing mit Informationen über das Konkurrenzangebot von EADS versorgt hatte. Und 2008, nachdem EADS und der US-Rüstungsspezialist den Mega-Deal schon in der Tasche hatten, die US-Regierung dann aber plötzlich monierte, der Bieterstreit sei nicht fair abgelaufen. Europa warf Amerika Protektionismus vor. Die Zeitschrift "Wired" schrieb, eine "Mischung aus Korruption, Hurra-Patriotismus, politischer Gefiederpflege, Willensschwäche und schierer Inkompetenz" verzögere den Tanker-Deal nun schon seit Jahren.

Die fragwürdige Irrfahrt des Aerospace-Boten

Im November sollte das Milliardengeschäft endlich abgeschlossen werden. Jetzt droht es schon wieder zu scheitern. Zum dritten Mal. Doch dieses Mal ist vielleicht nicht die Politik schuld, sondern ein verpeilter Bote. Ein Mann, der nach eigenen Angaben am 9. Juli 2010 gegen 13.30 Uhr Ortszeit an der Wright-Patterson Air Force Base in Ohio Probleme bekam.

Der Bote sollte der Air Force das Angebot von Aerospace und Antonov überreichen. Er erreichte die Luftwaffenbasis "eine halbe Stunde vor Ende der Frist", teilt Aerospace mit. Doch das Personal der Luftwaffe habe den Mann erst am Eingang aufgehalten - und ihm dann auch noch eine falsche Wegbeschreibung für das Gelände gegeben. Vermutlich absichtlich, natürlich. Und nur deshalb sei das Angebot von Aerospace zu spät eingegangen.

Es ist befremdlich genug, dass ein Unternehmen die entscheidenden Dokumente für einen Multimilliarden-Dollar-Auftrag einreicht wie ein verpeilter Student seine Hausarbeit: auf den letzten Drücker, eine halbe Stunde vor Fristablauf. Es ist ebenfalls befremdlich, dass ein Rüstungsunternehmen nicht bedenkt, dass Verzögerungen an Eingängen von militärischen Hochsicherheitszonen normal sind.

Wirklich bedenklich ist, dass der US-Rechnungshof die Vergabe des Jahrzehnteauftrags wegen der Fünf-Minuten-Posse vorläufig stoppen könnte - sollte er eine Ungleichbehandlung von Aerospace und Antonov feststellen. 2008 hat er das schon einmal getan. Nachdem Boeing sich wegen Ungleichbehandlung beschwert hatte.

"Wir waren selbst überrascht"

Das ist umso absurder, da noch nicht mal klar ist, wie ernst Aerospace und Antonov das eigene Gebot überhaupt nehmen. Branchenkenner haben immer wieder gemutmaßt, dass das Gespann nur mitbietet, um sich Einblick in militärische Unterlagen zu verschaffen.

Für diese These gibt es Indizien: So fragt sich, ob die Unternehmen den Auftrag überhaupt stemmen könnten. Der Wert des Tanker-Deals wird auf 35 Milliarden Dollar geschätzt. Aerospace selbst wird an der Börse mit drei Millionen Dollar bewertet. Die Firma machte im ersten Quartal 2010 knapp 600.000 Dollar Umsatz und 1,8 Millionen Dollar Verlust. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC äußerte "substantielle Bedenken", ob Aerospace überhaupt überlebensfähig ist.

Der kranke Zwerg selbst beteuert, er wolle der US Air Force 179 Tankerflieger bauen - und dabei mehrere Milliarden Dollar billiger sein als Boeing oder Airbus.

Antonovs Finanzkraft ist schwer einzuschätzen. Gewinn und Umsatz veröffentlicht das Unternehmen nicht, die letzten öffentlichen Zahlen stammen aus dem Jahr 2002 - und beziehen sich nur auf die konzerneigene Fluglinie. Immerhin bietet das ukrainische Staatsunternehmen eine große Flotte an Flugzeugtypen an - darunter die Antonov 225, das größte Flugzeug, das sich derzeit weltweit im Einsatz befindet. Auch die deutsche Bundeswehr nutzt Maschinen des Herstellers.

Das eigene Gebot für den Tankerauftrag indes scheint Antonov nicht ganz ernst zu nehmen. Ende Juni, auf der Luftfahrtmesse im britischen Farnborough, präsentierten die Ukrainer Pläne für einen neuen Riesenfrachter - aber kein Foto vom ominösen Tankflugzeug. Als Konzernchef Dmytro Kiva gefragt wurde, ob er ernsthaft mit einem Zuschlag in dem Tanker-Deal rechne, musste er kurz lachen. Dann sagte er: "Sollten wir eine Absage bekommen, werden wird uns nicht zu sehr aufregen." Später erwähnte er, die Initiative für die Bewerbung sei von Aerospace ausgegangen. "Wir waren selbst überrascht."

"Zur Hölle, nein!"

Überhaupt wirkten die Möchtegern-Mitbieter von Anfang an reichlich unvorbereitet. Erst wenige Wochen vor Ablauf der Bieterfrist verkündeten sie, in das Luftfahrt-Duell einzusteigen - ohne genauen Plan, welches Flugzeug sie zum Tanker umbauen wollen. Flugzeug-Analyst Richard Aboulafia sprach von einer "unglaublichen Dummheit".

Aerospace gab sich wenig Mühe, Aboulafia zu widerlegen. Nur wenige Tage nach der kühnen Kampfansage gegen Boeing und Airbus baten die Kalifornier im Pentagon um Zeitaufschub. Man brauche jetzt doch 60 Tage länger für ein Gebot, teilten die Kalifornier mit. Die US-Behörde lehnte das ab - obwohl sie die Frist für das EADS-Angebot kurz zuvor noch verlängert hatte.

Auch in diesem Punkt moniert Aerospace nun Ungleichbehandlung. Gleichzeitig machte der Streit um die Fristverlängerung den Rüstungszwerg vollends zum Gespött der Branche.

Irgendwo im Pentagon sitze ein gequälter Angestellter mit einem geheimen, dringenden Auftrag, ätzte die Fachzeitschrift "Flight Global'. Der Pentagon-Mann wälze ein Synonym-Wörterbuch, auf der Suche nach einem angemessenen, nicht zu profan klingenden Alternativbegriff für die Formulierung: "Zur Hölle, nein!"



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