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US-Versicherer AIG: Wiederauferstehung des Kraken

Von , New York

Erst musste AIG mit Staatsmilliarden gerettet werden, jetzt könnte der angeschlagene Versicherungskonzern Amerikas Großbanken Milliarden in die Kassen spülen. Denn die US-Regierung will die Assekuranz wieder an die Börse bringen - und die Wall Street wittert ein bombastisches Geschäft.

AIG-Zentrale in Lower Manhattan: Neugeburt im Frühjahr? Zur Großansicht
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AIG-Zentrale in Lower Manhattan: Neugeburt im Frühjahr?

Die spannendsten Momente der Wall Street finden längst nicht mehr an der eigentlichen Wall Street statt. Zum Beispiel am vorigen Donnerstag: Da versammelten sich Amerikas Top-Bankenchefs zu einer Art konspirativem Klassentreffen - in einem Wolkenkratzer in Midtown, fernab des Börsentrubels von Lower Manhattan.

Wortlos hasteten die Banker durch die Marmorlobby, vorbei an livrierten Pförtnern und elektronischen Drehkreuzen. Sie nahmen den Expressaufzug in den achten Stock, wo die Empfangsdamen von Davis Polk & Wardwell LLP, einer der größten Anwaltskanzleien der USA, sie in einen riesigen Konferenzsaal führten.

Der Sitzungsmarathon dauerte bis zum späten Nachmittag. Bis dahin hatte sich die Sache natürlich herumgesprochen. Als Jamie Dimon, der Vorstandschef der Großbank JP Morgan Chase, anschließend draußen von einem Reporter gefragt wurde, wie es denn gelaufen sei, tat er dumm: "Wie ist was gelaufen?"

Dass Großes gelaufen war, zeigte allein die Gästeliste. Neben Dimon war die komplette Führungsgarde der Wall Street zugegen: Brian Moynihan (Bank of America), Gary Cohn (Goldman Sachs), James Gorman (Morgan Stanley) sowie die Kollegen von Citigroup, UBS, Credit Suisse, Barclays, Deutsche Bank und Wells Fargo. Ihre Adlaten schleppten dicke, blaue Aktenordner an, auf denen Sternenbanner eingraviert waren.

Jede Großbank hatte eine Dreiviertelstunde Redezeit. Dann sprachen, wie das "Wall Street Journal" kolportierte, hochrangige Vertreter des US-Finanzministeriums, die an der anderen Seite des Tischs Platz genommen hatten.

Schließlich kamen die Entsandten jenes Konzerns zu Wort, um den es bei dem Treffen überhaupt ging: den am Staatstropf hängenden Versicherungsriesen AIG.

Bis zu 30 Milliarden Dollar Reibach?

AIG? Das Konglomerat, dessen Beinahekonkurs zu Beginn der Finanzkrise fast eine fatale weltweite Kettenreaktion ausgelöst hätte und zum Kraken im Zentrum des Strudels wurde, schien lange aus den Schlagzeilen verschwunden. Mit insgesamt 182 Milliarden Dollar hatte die US-Regierung den Konzern 2008 vor dem Untergang gerettet. Nach dem öffentlichen Aufruhr um die fortdauernden AIG-Bonuszahlungen war es dann schnell still geworden.

Das "Wettbacken" ("Wall Street Journal") der Banker bei Davis Polk & Wardwell markierte nun den nächsten spektakulären Akt der AIG-Saga: Unter der Obhut der Großkanzlei - deren Mitbegründer John Davis sich 1924 erfolglos ums Präsidentenamt beworben hatte - handelten die Finanzhaie nämlich die Rückführung des verstaatlichten Versicherungskonzerns in private Hand aus.

Derzeit hält Washington 92,1 Prozent an AIG, dem einstigen globalen Branchenführer, der sich als "verfaulteste Finanzinstitution" der USA ("New York Times") entpuppte und seither auf ein Kerngeschäft zwangsreduziert wurde (Sachversicherer Chartis und Lebensversicherer SunAmerica). Die Reprivatisierung soll nun im Frühjahr über den schrittweisen Verkauf der Regierungsanteile und die Ausgabe neuer Aktien erfolgen.

Und davon will sich natürlich jeder eine lukrative Scheibe abschneiden. Denn der "Re-IPO", wie die Emission auch tituliert wird, könnte nach Expertenschätzung zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar einfahren. Der bisher gewinnträchtigste IPO der USA war die Rückkehr des Autokonzerns General Motors (GM) an die New York Stock Exchange (NYSE) im November, mit 23,1 Milliarden Dollar.

Wie die Wall Street von der Krise profitierte

Es ist eine fast abstruse Situation: Der einst größte US-Firmenkollaps verspricht zum größten Börsenauftritt in der Geschichte der Wall Street zu werden - und zu einem Geldregen für die Akteure.

Kein Wunder also, dass sich die Geldhäuser darum reißen, mit der AIG-Transaktion beauftragt zu werden. Die Gebühren der an einem solchen Deal beteiligten Banken dürften sich auf bis zu 300 Millionen Dollar belaufen. Diese Aussicht war den Finanzinstituten genug, um am Donnerstag nicht, wie sonst üblich, ihre Abteilungsleiter zu den Verhandlungen mit der Regierung zu schicken, sondern Vorstandschefs, Präsidenten und Chairmen.

Wer von ihnen als Organisator des IPO mit abkassieren darf, soll noch diese Woche bekannt werden. Als JP-Morgan-Chef Dimon am Freitagmorgen nach dem Treffen in Midtown die neuen Quartalszahlen bekanntgab, erwähnte er AIG nur kryptisch: Das IPO-Geschäft im Allgemeinen sei ein "zunehmend heiß umkämpfter Markt".

Dimon hatte auch so Grund zur Freude: Die Gewinne seiner Bank schossen im letzten Quartal 2010 um 47 Prozent nach oben. Was es JPMorgan erlaubte, fast zehn Milliarden Dollar für Gehälter und Bonuszahlungen beiseitezulegen - etwas mehr als im Vorjahr.

"Die Banker nutzen Steuergelder"

Anderen geht es ähnlich: Die Großbanken, die noch 2008 mit Steuermilliarden und staatlichen Billigkrediten vor dem selbstverschuldeten Kollaps bewahrt wurden, zocken längst wieder ab. Die letzten zwei Krisenjahre, so stellt sich heraus, waren zugleich auch die zwei profitabelsten Jahre für die US-Finanzbranche.

2010 war das zweitbeste Jahr in der Geschichte der Wall Street. Die fünf Top-Banken Goldman Sachs, JP Morgan, Bank of America, Citigroup und Morgan Stanley - die "Fail Five" ("kaputten Fünf"), wie Kritiker spotten - fuhren nicht zuletzt dank der Staatsstütze Umsätze von rund 94 Milliarden Dollar ein. Nur 2009 war besser.

Entsprechend erreichen auch die Boni wieder schwindelerregende Höhen, wie sie vor der Krise üblich waren und danach scharf attackiert wurden. Für 2010 dürfte die Wall Street ihren Bankern rund 144 Milliarden Dollar an Extravergütungen zahlen - ein neuer Rekord. Der von Obama bestallte "Gehaltszar" Ken Feinberg, der diese exorbitanten Summen im Zaum halten sollte, hat längst resigniert: Die Banker "nutzen Steuergelder, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen", klagte er neulich. Tun konnte er dagegen nichts.

Die Zustände sind teilweise sogar schlimmer als früher, kritisierte der Council of Institutional Investors in einem Bericht im November. Um die neuen staatlichen Bonusauflagen zu umgehen, hätten die Banken ganz einfach ihre Fixgehälter "exzessiv erhöht".

Die Entscheidung fiel bei einem Lunch mit dem Finanzminister

Und so klafft die Schere der Zwei-Klassen-Konjunktur Amerikas immer weiter auseinander. Während die "Main Street" weiter vor sich hinkränkelt, während der US-Arbeitsmarkt kaum aus dem tiefen Loch kommt, boomt die Wall Street.

Die neuen Bonusausschüttungen, schimpfte die Aktivistengruppe Robin Hood Tax, sei "eine Ohrfeige für normale Menschen". Ein Aufschwung sei kein Aufschwung ohne die "Main Street", sagte auch Obamas Verbraucherbeauftragte Elizabeth Warren auf Bloomberg TV: "Es hat keinen Sinn, über Gewinne zu reden, bevor es nicht auch für normale Amerikaner wieder normal läuft."

Ein Hauptschuldiger der Krise damals machte früher ebenfalls mit seinen Bonusorgien Schlagzeilen: AIG. Doch das scheint lange her. Am Tag nach dem Bankertreffen in Manhattan beseitigte der Konzern die letzten Hürden zu seiner Wiederauferstehung. AIG-Chef Bob Benmosche tütete das Paket in Washington höchstpersönlich ein, bei einem Lunch mit Finanzminister Tim Geithner.

Ob der 2009 bestallte Benmosche, der anfangs auf einem Privatjet bestanden und gegen Gehaltsbeschränkungen protestiert hatte, die Renaissance von AIG noch als Vorstandschef miterlebt, ist aber fraglich: Er ist unheilbar an Krebs erkrankt. "Ich weiß, dass wir nicht ewig leben", sagte er dem TV-Sender Fox Business am Freitag. "Das Board und ich haben deshalb über einen guten, vernünftigen Abgang gesprochen."

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Klar warum auch nicht!
wekrue 17.01.2011
Wäre nicht das erste Mal, dass eine Bank zweimal überfallen wurde ;-)
2. Wir werden alle
newliberal 17.01.2011
von dieser Bankenrettung profitieren. Wir werden alle in Geld schwimmen, wir werden Geld haben um damit die Wände zu tapezieren oder den Kamin damit anzuheizen.
3. *
mattotaupa 17.01.2011
Zitat von sysopErst musste AIG mit Staatsmilliarden gerettet werden, jetzt könnte der angeschlagene Versicherungskonzern Amerikas Großbanken Milliarden in die Kassen spülen. Denn Die US-Regierung will die Assekuranz wieder an die Börse bringen - und die Wall Street wittert ein bombastisches Geschäft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,739750,00.html
Irgendwie hatte ich mal die Hoffnung, dass es unter Obama und den Demokraten gelänge, den Hasardeuren an der Wallstreet zumindest Grenzen zu setzen. Dass es noch schlimmer kommt, so wie hier zu lesen ist, lässt mich fassungslos und resigniert in die Landschaft glotzen.
4. Wow...
Core Dump, 17.01.2011
...das Volksvermoegen das benutzt wurde um die Finanzparallelwelt zu retten geht nun also von den geretteten Firmen direkt weiter an die Banker, die urspruenglich die Krise geschaffen haben. Ganz grosses Kino.
5. Kann mir mal einer sagen
chagall1985 17.01.2011
Wie genau diese Banken solche Gewinne einfahren? Das müsste sich doch recherchieren lassen anhand von Bilanzen und Rechenschaftsberichten. Also mich würde das im Detail brennend interressieren wo diese Gewinne herkommen. Des Weiteren würde mich brennend interessieren wie viel Boni ein Schimpanse am richten Platz einer solchen Bank im Jahr verdienen könnte. Aufgabe des Schimpansen währe einfach nur an seinem Platz zu sitzen und natürlich bekäme er ein Sekrätariat und einen Assistenten. Das gehört sich ja auch so.
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