Bevorstehende Krise Die Welt steuert auf den Bankrott zu

Kommende Woche könnte die US-Notenbank die Leitzinsen anheben - nach fast sieben Jahren ginge die Ära der Nullzinsen zu Ende. Experten warnen: Lasst es! Denn die Schuldenpleite rückt näher.

US-Notenbank Federal Reserve: Die Angst vor der Zinswende geht um
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US-Notenbank Federal Reserve: Die Angst vor der Zinswende geht um

Eine Kolumne von


Die Weltwirtschaft wartet, seit Langem schon. Aber worauf eigentlich? So ganz klar ist das nicht. Jetzt aber macht sich Verunsicherung breit. Die Börsen beben. Politiker und Investoren erschaudern.

Untergangswarnungen machen die Runde: Die nächste große Krise könne unmittelbar bevorstehen. Ein Spektakel, das zeigt, wie sehr der globalisierte Kapitalismus aus den Fugen geraten ist - wie wacklig das System insgesamt ist.

Kommende Woche nähert sich dieses absurde Schauspiel einem neuen Höhepunkt: Am Donnerstag ist F-Day. Die Gouverneure der Fed, Amerikas Notenbank, entscheiden, ob sie die Zinsen anheben sollen. Ein ganz kleines bisschen jedenfalls, niemand rechnet ernsthaft mit einem Anstieg um mehr als einen viertel Prozentpunkt. Das heißt: Der Zins, zu dem Banken sich kurzfristig Geld leihen können, läge dann zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Immer noch extrem niedrig - aber erstmals seit fast sieben Jahren würde der Satz über die Nulllinie steigen.

Lasst die Finger davon, warnten in den vergangenen Wochen viele, darunter der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Sie fürchten eine Kettenreaktion in ärmeren Ländern: einen Abriss der weltweiten Kapitalströme, der ohnehin angeschlagene Volkswirtschaften in eine tiefe Krise mit weltweiten Auswirkungen reißen könnte. Schlimmer noch: Die Angst geht um, die Welt insgesamt könnte in eine Deflationsfalle gesaugt werden - ein dauerhaftes Sinken der Preise, verbunden mit Massenarbeitslosigkeit, Pleiten und womöglich sozialen Unruhen.

Wie verhält sich Europa?

In diesem Szenario könnte eine Zinserhöhung der US-Fed der entscheidende Auslöser sein - der Anstoß, der die Dominosteine zum Fallen bringt.

Heikel erscheint die Lage vor allem in China, der Mega-Volkswirtschaft, woher die Krisensignale zuletzt immer deutlicher kamen. Auch deshalb steuert Mario Draghi seine EZB in eine andere Richtung als die Fed (und weil die Eurokrise schon bald zurück sein kann - achten Sie auf die griechischen Parlamentswahlen am kommenden Sonntag). Kürzlich hat er schon mal vorsorglich verkündet, er könne auch noch mehr Geld in die Märkte pumpen lassen: Die Möglichkeiten der EZB hätten da "keine speziellen Grenzen".

Aber wo ist eigentlich das tieferliegende Problem? Erhöht die Fed nun die Zinsen? Oder bleibt es bei Nullzinsen bis in alle Ewigkeit?

Eine vorläufige Antwort: Das tieferliegende Problem besteht darin, dass sich die Weltwirtschaft insgesamt auf den Bankrott zubewegt - und das wird umso schneller gehen, je höher die Zinsen sind und je niedriger die Preissteigerungsraten.

Ein paar Fakten: Seit Beginn der Globalisierung ist der weltweite Schuldenberg in gigantische Höhen gewachsen - von 87 Billionen Dollar im Jahr 2000 auf knapp 200 Billionen Dollar 2014, so eine Studie des McKinsey Global Institute. Dies sind die Bruttoverbindlichkeiten von Staaten, Bürgern, Unternehmen und Banken. Insgesamt stehen sie mit knapp dem Dreifachen der globalen Wirtschaftsleistung in der Kreide. In den vergangenen Jahren hat kein Land einen derart schnellen Schuldenaufbau riskiert wie China. Auf der anderen Seite gibt es kaum Volkswirtschaften, die seit 2007 einen nennenswerten Schuldenabbau zustande gebracht hätten, wie auch der IWF bemerkt.

Gäbe es diese Schulden nicht, wäre Deflation kein Schreckensszenario. Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert waren sinkende Preisniveaus gang und gäbe. Auch in China sackte zwischen 1998 und 2007 die Inflationsrate immer mal wieder in negatives Terrain. Das war unproblematisch, weil die Schulden niedrig waren. Die Arbeiter wurden rasch produktiver, deshalb konnten Güter immer billiger angeboten werden. Umso schneller stieg der Lebensstandard.

Vorbei. Jetzt könnte China die hässliche Variante der Deflation exportieren: Schuldendeflation. Das Problem dabei: Schulden sind in ihrem Betrag fixiert. Deshalb wächst der reale Schuldenberg, wenn die Preisniveaus sinken. Die Pleite rückt näher.

Absurdes weltökonomisches Theater

Ohne die Schuldenproblematik hätten wir es mit einem relativ normalen Abschwung zu tun. Nach einer langen Hochkonjunktur in den Schwellenländern - einer Phase, in der gerade in China sehr viel investiert wurde - existieren jetzt Überkapazitäten. Also senken die Unternehmen die Preise ihrer Produkte. Sie verbrauchen weniger Rohstoffe, was wiederum die Nachfrage nach Öl oder Aluminium zurückgehen lässt.

All das drückt auf die Weltmarktpreise. Entsprechend liegen die Inflationsraten in den reichen Volkswirtschaften im Schnitt ganz knapp über Null, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft berechnet hat. In den USA betrug der Verbraucherpreisanstieg zuletzt 0,3 Prozent (achten Sie auf neue Zahlen am Mittwoch), in der Eurozone soll er dieses Jahr bei 0,1 Prozent liegen.

Eigentlich eine tolle Sache. Denn sowohl in den USA als auch in der Eurozone verzeichnen die Statistiker einen Aufschwung, wenn auch nur einen verhaltenen. Immerhin: Mehr Leute haben Arbeit, die Löhne steigen (leicht). Eine Null-Inflation - oder Deflation - sollte also die Kaufkraft erhöhen und der Konjunktur zugutekommen.

Wären da nicht die Schulden.

Viele Unternehmen und Bürger weltweit haben wegen ihrer hohen Verbindlichkeiten kaum Spielraum zu investieren und zu konsumieren. Fallende Preise verschärfen ihre missliche Lage, weil dann der Wert der Schulden steigt. Mit dem zarten Aufschwung könnte es rasch vorbei sein.

Besonders hart könnte es die Privatwirtschaft in den Schwellenländern treffen. Sagenhafte 9,5 Billionen Dollar sind als Kredite an Firmen und Bürger außerhalb der USA verliehen worden, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Steigen nun die amerikanischen Zinsen, sind Schuldner überall auf der Welt unmittelbar betroffen.

Auch das gehört zu den aktuellen Widersprüchlichkeiten: Die Fed soll die globalen Folgen ihres Handelns mitbedenken. Dabei ist sie dafür gar nicht zuständig. Sie soll sich um die US-Wirtschaft kümmern, und sonst nichts, so steht es im Gesetz.

Vielleicht lässt die Fed uns einfach weiter warten. Dann beginnt der nächste Akt im absurden weltökonomischen Theater.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

Montag

Brüssel - Draußen vor der Tür - Sondertreffen der Innen- und Justizminister der EU. Thema: die Flüchtlingskrise.

Frankfurt - Vorzeigebranche D. - Die weltweite Autoindustrie präsentiert sich glitzernd und vielleicht auch nachdenklich auf der IAA.

Dienstag

Luxemburg - Hartz IV für alle? - Der EuGH spricht Recht im Streit über Sozialleistungen für arbeitsuchende EU-Bürger.

Meseberg - Genug zu besprechen - Das Bundeskabinett geht in Klausur. Zu lösende Probleme gibt es reichlich.

Tokio - Schwierige Erfahrungen - Die Bank von Japan hat über eine lange Deflationsperiode präsidiert. Nun entscheidet sie über den weiteren Kurs der Geldpolitik.

Mittwoch

Washington - Importierte Deflation? - Einen Tag vor dem Fed-Entscheid gibt es neue Daten zur Entwicklung der US-Verbraucherpreise.

Donnerstag

Washington - Hört die Signale! - Die Fed entscheidet. Entweder hebt sie die Zinsen an, wie seit Monaten kommunikativ vorbereitet. Oder sie lässt die Sätze nahe Null. Danach sind heftige Reaktionen an den Börsen zu erwarten - in die eine oder die andere Richtung.

Freitag

Frankfurt - Hexensabbat - Großer Verfallstag an der Börse, einen Tag nach dem Fed-Entscheid.

Sonntag

Athen - Alles auf eine Karte - Premier Tsipras könnte seine Mehrheit verlieren. Wird Griechenland danach vielleicht völlig unregierbar?

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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insgesamt 307 Beiträge
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Seite 1
jamguy 13.09.2015
1. Zinsanhebung
Man darf aber das Risiko das praktisch nur fatal für die chinsische Wirtschaft sein wird nicht veralgemeinern den in Europa wird es die Märkte kaum belasten.Zurückfahren geht ja immer!
cherrypicker 13.09.2015
2. Ende eines langen Kreditzyklus'
Der Kapitalismus beruht darauf, dass durch Überrenditen (also Verzinsungen, die höher sind als das reale Wirtschaftswachstum) immer mehr Geld auf einen immer größeren Haufen konzentriert wird, der immer weniger Menschen gehört. Denn die Schulden sind gleichzeitg ja immer Forderungen von denen, die das Geld haben. Irgendwann wird diese Konzentration aber zu groß, die Umwälzpumpe der Geldwirtschaft gerät ins Stocken. Die Folge: Schuldendeflation, Enteignungen der Kleinsparer, Währungsreform, Reset des Geldsystems -- oft verbunden mit sozialen Unruhen oder Krieg. Ein Zyklus hat historisch stets zwischen 75 und 100 Jahren gedauert. Der letzte Reset des Geldsystems war die Konferenz von Bretton Woods. Das ist jetzt 66 Jahre her. Den Rest kann sich ein Grundschüler ausmalen: Totaler Zusammenbruch des Geldsystems in spätestens zehn bis 15 Jahren. Merke: Wenn der Zusammenbruch kommt, dann kommt er -- niemand kann ihn aufhalten. Der Zusammenbruch des Kreditsystems ist die hässliche Zwillingsschwester des Kapitalismus' -- es kann rein mathematisch gar kein dauerhaft stabiles Schuldgeldsystem geben!
MarkusRiedhaus 13.09.2015
3. Das ist weil die Banken die Geld drucken das Geld nicht einfach..
verschenken und zwar an den Normalbürger. So wie es der Banker der FED schon sagte mit dem Heli Geld abwerfen. Dann könne man auch die Preise der Produkte wieder erhöhen wenn jeder Hinz und Kunz ne Millionen auf das Konto überwiesen bekommt. Das würde zu einem nie gekannten Kaufwahn führen. Etwas, um den Dampf aus dem Kessel zu lassen. Daran hapert es doch.
cdrenk 13.09.2015
4. Vorschulniveau
Schulden stehen immer auch Forderungen gegenüber. Forderungen wachsen genau so, wie auch Schulden wachsen. Könnten auch SPON-Schreiber gemerkt haben. Ein kleines Stück über Boulevard erwarte ich immer noch beim Spiegel.
alternativloser_user 13.09.2015
5. Kapitalismus ist das Problem
Das Problem ist Systemimmanent und liegt letztlich im Zins- und Zinseszins verankert. Daraus resultieren fast alle anderen Probleme dieses Wirtschaftssystems. Vielleicht sollte man mal über ein Zinsfreies Wirtschaftssystem als Alternative nachdenken.
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