Saint Paul - Kliniken in den USA greifen zu immer härteren Mitteln, um säumige Patienten zur Zahlung zu zwingen. Allein die rund 5000 öffentlichen Krankenhäuser beklagen Rückstände in Höhe von 40 Milliarden Dollar. Viele arbeiten mittlerweile mit privaten Geldeintreibern zusammen. Doch deren Methoden sind brutal - und häufig an der Grenze der Legalität. Das zeigt ein Bericht der Generalstaatsanwältin des Bundesstaats Minnesota, Lori Swanson.
Swanson veröffentlichte nun Hunderte interne Dokumente von Accretive Health, einer Firma, die zu den größten Geldeintreibern im US-Gesundheitswesen zählt. Mehrere US-Medien, darunter die "New York Times", zitieren umfangreich aus dem Bericht, er offenbart die Praktiken einer zwielichtigen Branche. Bereits im Januar hatte die Staatsanwältin Anklage gegen Accretive erhoben - wegen Verstößen gegen Datenschutzgesetze und das Arztgeheimnis.
Mitarbeiter der Firma beschränken sich dem Bericht zufolge nicht mehr darauf, säumige Patienten nach der Behandlung unter Druck zu setzen. Menschen, die eine Notaufnahme betreten wollen, würden meist schon am Eingang aufgefordert, eine Anzahlung zu leisten. Als erstes sollten Mitarbeiter die Patienten stets nach ihrer Kreditkarte fragen, zitiert die "New York Times" aus dem Bericht der Staatsanwältin. Wenn dies nicht klappe, laute die Anweisung im Standardprozedere, den Patienten weiter zu bedrängen: "Wenn Sie Ihr Scheckbuch aus dem Auto holen möchten, warte ich gerne hier auf Sie."
Ein weiterer Vorwurf: Accretive-Mitarbeiter sollen sich aus Patientenakten bedient haben, um die Schwere der Krankheiten und die Kreditwürdigkeit der Betroffenen zu kalkulieren. Auf der Grundlage dieser Daten seien dann schwarze Listen angelegt worden - mit Patienten, die möglichst nicht mehr behandelt werden sollen. Damit könnten die Inkasso-Büros gegen Staats- und Bundesgesetze verstoßen haben, so Swanson.
Firma hat Profit 2011 verdoppelt
Patienten in Kliniken, die mit Accretive zusammenarbeiten, konnten offenbar häufig nicht erkennen, ob es sich bei ihrem Gegenüber um Klinikpersonal oder um Geldeintreiber handelt. Ärzte und Wohltätigkeitsorganisationen warnen, die aggressiven Methoden könnten dazu führen, dass Menschen sich nicht mehr behandeln lassen - aus Angst vor den Inkasso-Unternehmen. Bei Notfällen sind öffentliche Kliniken in den USA aber verpflichtet, Patienten aufzunehmen. Auch, wenn diese sich die Behandlung gar nicht leisten können.
Im "Star Tribune", einer Zeitung aus Minneapolis, beschreibt eine Betroffene die Methoden der Geldeintreiber. Vor der Ohrenoperation ihres Sohnes habe sie knapp 900 Dollar zahlen müssen - obwohl sie eine Vollversicherung abgeschlossen hat. Die gesamte Behandlung sollte dann 9000 Dollar kosten, hieß es. Die Mitarbeiter seien "sehr aggressiv" gewesen, erzählt die Mutter.
Später habe ihre Versicherung ihr jedoch mitgeteilt, für die Operation seien lediglich 4200 Dollar fällig geworden, ihr eigener Anteil betrage gerade mal 200 Dollar. Dann habe sie zwei Monate darum kämpfen müssen, ihr Geld wieder zu bekommen. Denn die Klinik hatte die volle Summe längst abgebucht.
Accretive hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht konkret geäußert. In einer Stellungnahme, aus der US-Medien zitieren, heißt es lediglich: "Wir haben großartige Erfolge damit, die Qualität von Krankenhäusern zu verbessern. Außerdem haben wir mehr als 250.000 Patienten geholfen, eine Krankenversicherung abzuschließen."
Erfolgreich war das Unternehmen offenbar aber vor allem damit, die eigenen Gewinne zu vermehren. Für 2011 hat Accretive einen Profit von rund 29 Millionen Euro gemeldet - ein Plus von 130 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
cte
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