Gerichtsauflagen US-Tabakriesen entwerfen ihre Lügenbeichte

Für die größten US-Zigarettenhersteller wäre es die ultimative Schmach: In einer großangelegten Anzeigen- und TV-Kampagne sollen sie zugeben, dass sie die Verbraucher getäuscht haben. Wie das aussehen soll, haben die Konzerne schon abgesprochen.

Aschenbecher: Tabakkonzerne sollen sich selbst der Lüge bezichtigen
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Aschenbecher: Tabakkonzerne sollen sich selbst der Lüge bezichtigen

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Washington - Mit den Mächtigen der USA legt sich Gladys Kessler gerne an. Erst kürzlich rüffelte die Washingtoner Bundesrichterin Präsident Barack Obama in einem Urteil zur Zwangsernährung von Guantanamo-Häftlingen und forderte ihn auf, diese "schmerzhafte und erniedrige" Prozedur zu stoppen. Auch mit der Bush-Regierung hat sich Kessler wegen zweifelhafter Maßnahmen im Anti-Terror-Kampf angelegt.

Ihr Dauergegner aber sind die Tabakkonzerne. Schon vor Jahren sorgte Kessler mit einem Urteil maßgeblich dafür, dass die Branche ihre Zigaretten nicht mehr als "light" bewerben durfte. Nun steht sie vor einem noch schlagzeilenträchtigeren Coup: dem großen Schuldeingeständnis der mächtigsten US-Tabakmultis.

Wenn die letzten beiden juristischen Hürden genommen sind, müssen die Konzerne vielleicht schon in Kürze folgende Sätze veröffentlichen:

  • "Ein Bundesgericht hat entschieden, dass Phillip Morris USA, RJ Reynolds, Lorillard und Altria die amerikanische Öffentlichkeit bewusst über die Folgen des Rauchens für die Gesundheit getäuscht haben."
  • "Rauchen tötet im Durchschnitt 1200 Amerikaner, täglich."
  • "Zigarettenfirmen stellten absichtlich Zigaretten mit genug Nikotin her, um Sucht zu erzeugen und aufrechtzuerhalten."
  • "Mehr Menschen sterben jedes Jahr durch Rauchen als durch Mord, an Aids, durch Selbstmord, Drogen, Autounfälle und Alkohol zusammen."

So oder so ähnlich werden die "korrigierenden Aussagen" lauten - welche die Tabakkonzerne nach Kesslers Willen gegen sich selbst im Fernsehen, in den Tageszeitungen, im Internet und an den Verkaufsorten verbreiten müssen: als Wiedergutmachung für die jahrzehntelange Verharmlosung ihrer Produkte. Die Negativkampagne wäre die wohl teuerste und spektakulärste Selbstgeißelung der US-Wirtschaftsgeschichte, eine Demütigung für die Branche. Und sie rückt immer näher.

Ein Jahr sollen sich die Konzerne selbst anprangern

Wie die Zeitung "USA Today" enthüllt, haben sich Phillip Morris USA und seine Muttergesellschaft Altria (Marlboro), RJ Reynolds (Camel) und Lorillard (Newport) mit Vertretern des klagenden Justizministeriums und Anti-Tabak-Lobbyisten bereits auf die Modalitäten der gigantischen Kampagne geeinigt: Ein Jahr lang, so heißt es in dem Abkommen, sollen die Konzerne sich selbst anprangern - mit ganzseitigen Anzeigen in den Sonntagsausgaben der 35 führenden US-Tageszeitungen. Mit Fernsehspots, fünfmal wöchentlich zur besten Sendezeit bei den großen Sendern CBS, ABC und NBC. Auf ihren eigenen Internetseiten. Und auf Beiblättern zu den Schachteln. Bezahlen müssen die Firmen das alles selbst.

Bis ins kleinste Detail haben Beklagte und Kläger ihre Einigung verhandelt. Nur noch zwei Entscheidungen trennen sie von der Veröffentlichung: zum einen die Entscheidung von Richterin Kessler. Und zweitens ein Berufungsverfahren, das den letzten Ausweg für die Industrie darstellt, dem Kotau nach einem fast 15 Jahre währenden Mammutprozess noch zu entgehen.

Schon 1999 hatte die US-Regierung die Konzerne verklagt, damals auf eine Zahlung von 280 Milliarden Dollar, Später reduzierte die Regierung ihre Forderung auf 14 Milliarden Dollar. Richterin Kessler lehnte 2006 die Strafzahlungen ab, ordnete 2012 aber die "korrigierenden Aussagen" an: fünf verschiedene Texte, in denen die Tabakriesen in aller Breite ihre gesammelten Sünden und die Gesundheitsrisiken ihrer Produkte eingestehen sollen.

Nach jahrelangen juristischen Scharmützeln scheint nun die Umsetzung des Urteils greifbar nahe. Das US-Wirtschaftsportal "Business Insider" und andere Medien präsentieren bereits die Entwürfe der möglichen Anzeigenkampagne. Und auf YouTube kursieren sogar erdachte TV-Spots, zusammengebastelt von Anti-Tabak-Kämpfern. Die Hersteller hingegen schweigen eisern: Die Philip-Morris-Mutter Altria lehnte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jegliche Stellungnahme ab, auch die übrigen Konzerne äußern sich nicht öffentlich. Aber sie geben sich noch nicht geschlagen.

Dass Richterin Kessler im Verlauf der kommenden Wochen die Einigung absegnen wird, bezweifelt kaum jemand. Ein letztes Berufungsverfahren der Tabakindustrie steht allerdings noch aus: Im Januar 2013 legten die Multis Widerspruch gegen den Inhalt der Statements ein, das Verfahren läuft noch. Erst wenn es abgelehnt ist, muss die Industrie ihr Geständnis ablegen. Und so hat "Big Tobacco" großes Interesse daran, den Prozess in die Länge zu ziehen - anders als Gladys Kessler: Die resolute Richterin wird kommenden Mittwoch 76 Jahre alt.



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insgesamt 179 Beiträge
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Aha!11!eins 18.01.2014
1. richtig so
Ich bin selbst Raucher und komm von der Sch**** nicht los. Auch dank aggressiver Werbung in den 80ern wurde ich in jungen Jahren zum Raucher (erste Kippe mit 11). Normalerweise müssten die Tabakkonzerne mindestens noch Entwöhnungprogramme finanzieren, damit die Allgemeinheit weniger durch die gesundheitlichen Folgen belaster wird.
udo46 18.01.2014
2. Chapeau, Frau Richterin
Zitat von sysopREUTERSFür die größten US-Zigarettenherstellern wäre es die ultimative Schmach: In einer großangelegten Anzeigen- und TV-Kampagne sollen sie zugeben, dass sie die Verbraucher getäuscht haben. Wie das aussehen soll, haben die Konzerne schon abgesprochen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/usa-tabakriesen-muessen-sich-selbst-als-luegner-anprangern-a-943989.html
Schreibtischmörder zur Strecke zu bringen, ist immer am schwierigsten. Hut ab vor der Richterin.
fuenfringe 18.01.2014
3. Happy Birthday Gladys
Zitat von sysopREUTERSFür die größten US-Zigarettenherstellern wäre es die ultimative Schmach: In einer großangelegten Anzeigen- und TV-Kampagne sollen sie zugeben, dass sie die Verbraucher getäuscht haben. Wie das aussehen soll, haben die Konzerne schon abgesprochen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/usa-tabakriesen-muessen-sich-selbst-als-luegner-anprangern-a-943989.html
Mögen ihr noch viele schöne Jahre bevorstehen, in denen sie sehen kann, wie das Rauchen allmählich ausstirbt.
republikix 18.01.2014
4. Solch ein Urteil
wäre hier auch mal gut, für die Lügen der entsprechenden Industrien.
klaus5000 18.01.2014
5. verdammte Heuchelei
Zitat von sysopREUTERSFür die größten US-Zigarettenherstellern wäre es die ultimative Schmach: In einer großangelegten Anzeigen- und TV-Kampagne sollen sie zugeben, dass sie die Verbraucher getäuscht haben. Wie das aussehen soll, haben die Konzerne schon abgesprochen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/usa-tabakriesen-muessen-sich-selbst-als-luegner-anprangern-a-943989.html
Wir alle wissen wie schädlich Zigaretten rauchen ist. Aber was ist mit der Pharmaindustrie? Haben die nichts zu beichten?
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