Knauserige Amerikaner Valentin auf Sparflamme

Weltweit verkommt der Valentinstag zum Kommerz, doch ausgerechnet im Mutterland des Kaufrauschs geht die Entwicklung in die andere Richtung: Die Amerikaner verschenken immer weniger Blumen und Pralinen. Was ist da los?

Dekoration zum Valentinstag: 1,3 Milliarden Dollar weniger Valentins-Umsatz
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Dekoration zum Valentinstag: 1,3 Milliarden Dollar weniger Valentins-Umsatz

Von , New York


Valentinstag fällt aus. Zumindest im Norden des US-Bundesstaats Georgia, zwischen dem Highway I-16 und der Grenze zu Tennessee. "Alle Männer in der 'valentinstagfreien Zone' sind davon befreit, losrennen und Lottoscheine und Tafeln Schokolade kaufen zu müssen", hat Bezirkssheriff Scott Berry via Facebook angeordnet.

Die Verfügung Berrys - der auch Festnahmen über soziale Netzwerke bekanntgibt, etwa neulich eine wegen "Selbstbräunerdiebstahls" - ist durchaus nachvollziehbar: Von Georgia bis Maine ächzte am Donnerstag die gesamte US-Ostküste unter dem Mega-Schneesturm "Pax", der Verkehr lahmte, Büros und Schulen schlossen - und die Einkaufszentren waren leer.

Schlechte Voraussetzungen also für den alljährlichen Valentins-Kaufrausch, jenes zum Kommerz verbrämte Heiligengedenken an diesem Freitag. Eis, Schnee und Eisregen machen nicht zuletzt der US-Präsentbranche - die ihre Kunden eigentlich mit Blumen, Schmuck und Pralinen in die Liebesfalle lockt - einen stürmischen Strich durch die Rechnung.

17,3 Milliarden Dollar Valentins-Umsatz

Doch auch ohne "Pax" wäre das Love-In diesmal wohl eher müde ausgefallen. Das jedenfalls glaubt der US-Einzelhandelsverband NRF: Nach einer mauen Weihnachtssaison seien die US-Verbraucher auch nun, am Valentinstag, nicht allzu willens "zu prassen".

Nur noch 54 Prozent wollen demnach "mit ihren Liebsten feiern", voriges Jahr waren es 60 Prozent. Insgesamt könnte sich der Einzelhandel zwar noch auf 17,3 Milliarden Dollar Valentins-Umsatz freuen, doch das sind 1,3 Milliarden Dollar weniger als 2013, so die Prognose. Es ist schon das zweite Jahr in Folge, dass die Valentinsbegeisterung in den USA nachlässt.

Was ist da los? Sind es die Nachwehen der Rezession, die die US-Brieftaschen belasten? Hat das Internet den Wunsch nach nicht-virtuellen Liebesbezeugungen gekillt?

"Die Konsumenten sind sparsamer geworden", erkennt NRF-Präsident Matthew Shay, beharrt aber: "Der Valentinstag bleibt ein populäres Geschenk-Event." Die offizielle Statistik: 48,7 Prozent kaufen Süßes, 37,3 Prozent Blumen, 51,2 Prozent Grußkarten (meist vorformuliert).

Männer geben im Schnitt 108,38 Dollar pro Kopf aus, mehr als doppelt so viel wie Frauen (49,41 Dollar). Und auch das ist weniger als 2013: Da machten Frauen noch 88,78 Dollar locker und Männer 175,61 Dollar. Nur eine Zahl blieb fast konstant - der Anteil derjenigen, die ihre Haustiere beschenken (19,3 Prozent).

Protz allein reicht nicht

Dahinter steckt nicht nur die maue Konjunktur und ein schleppender Arbeitsmarkt, sondern eine generelle Kommerzmüdigkeit. "Ignoriert den industriellen Komplex des Valentinstags", rät "Insidehook", eine Lifestyle-Website für "ambitionierte Männer". Sprich: Mehr Mut zur Abkehr von klassischen Klischeegeschenken. "Kauft keine herzförmigen Pralinen oder Duftkerzen." Lieber "Boudoir-Inspiration" (Reizwäsche) oder einen gemeinsamen Schokoladenkochkurs.

Nur an der Wall Street gilt weiter das Prinzip: Je teurer, desto besser. Denn wer sonst kann sich die Superluxusofferten der Saison leisten?

Wie wäre es etwa mit einer "Le Chocolate Box" des US-Juweliers Simons: Pralinen samt Diamantkollier, Ringen, Ohrringen und Armband (1,5 Millionen Dollar). Oder mit dem Valentinstag-Dinner der New Yorker VIP-Brasserie Pera Mediterranean? Neun Gänge, unter anderem Austern, Hummer, Kaviar, "Schoko-Lava-Torte" mit essbaren 24-Karat-Goldblättern, dazu ein privater Harfenist, Übernachtung im Ritz Carlton und ein 5000-Dollar-Gutschein für Tiffany. Kostenpunkt für das Gesamtpaket: 30.000 Dollar pro Person. Der legendäre Juwelier an der Fifth Avenue wiederum bietet das gesamte Preisspektrum - vom Silberpoliertüchlein für erschwingliche fünf Dollar bis zur Diamantkette für 240.000 Dollar.

Doch Protz allein reicht nicht. Der Valentinstag könne gerade für Banker schnell schiefgehen, warnt der Börsenblog "Business Insider". Deshalb: Ein Liebes-Date nie "von der Assistentin arrangieren lassen" - und bloß "keine Nelken", die "schreien nach Faulheit". Der Wall-Street-Twitterblog "@GSElevator" ("Was man bei Goldman Sachs im Aufzug hört") weiß überdies, dass man Blumen am besten vor der Mittagpause überbringen lässt, "um nicht den ganzen Tag genervt zu werden".

Besteht also doch noch Hoffnung für den Valentinstag? Und ob! Das zeigen schon die fröhlichen Facebook-Kommentare unter der Mitteilung des Georgia-Sheriffs Scott Berry. "Bei uns", schreibt da einer, "ist jeder Tag Valentinstag."



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Crom 14.02.2014
1.
Ist halt auch nur eine Erfindung der Floristiker, genau so sinnfrei wie Muttertag etc.
Teslatier 14.02.2014
2.
Zitat von sysopDPAWeltweit verkommt der Valentinstag zum Kommerz, doch ausgerechnet im Mutterland des Kaufrauschs geht die Entwicklung in die andere Richtung: Die Amerikaner verschenken immer weniger Blumen und Pralinen. Was ist da los? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/valentinstag-in-usa-immer-weniger-umsatz-mit-blumen-und-pralinen-a-953410.html
Dieser Tag ist als "Kommerztag" erdacht und entwickelt worden und "verkommt" nicht jetzt erst dazu (genau wie der Muttertag).
solarfix 14.02.2014
3. Kommerzspektakel ohne Sinn
Warum soll ich mir von der Wirtschaft einen Tag aufzwängen lassen, um geliebten Personen eine Freude zu machen? Zumal vorher noch die Preise kräftig angehoben werden, z.B. für Blumen, oder Schokozeugs in Herzform mit wenig Inhalt aber grosser Verpackung für horrendes Geld. Die geschickten Kampagnen der Hersteller und kritiklose Medien, allen voran die Radiosender mit ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit, erzeugen einen Gruppenzwang, dem die meisten nicht widerstehen können. Wer's braucht......
quarax 14.02.2014
4. Ganz einfach:
Zitat von sysopDPAWeltweit verkommt der Valentinstag zum Kommerz, doch ausgerechnet im Mutterland des Kaufrauschs geht die Entwicklung in die andere Richtung: Die Amerikaner verschenken immer weniger Blumen und Pralinen. Was ist da los? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/valentinstag-in-usa-immer-weniger-umsatz-mit-blumen-und-pralinen-a-953410.html
Die Leute haben kein Geld mehr für Kommerz-Unsinn.
bernhard 14.02.2014
5. Die Lächerlichkeit der Medien ...
Klar, der Kommerz erfindet immer wieder neue Tage; unlängst der Tag der Schlabberhosen. Valentistag, Muttertag, ... xytag, das sind Auswüchse eines maroden Wirtschaftssystems, das keine erforderlichen Umsätze generieren kann. Und Medien und Fördergesellschaften (GFK...) helfen dabei!
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