Eigene Mitarbeiter belasten Konzern Vattenfall soll Hamburg beim Wärmenetz-Rückkauf ausgetrickst haben

Whistleblower decken einen Skandal bei Vattenfall auf: Mitarbeiter berichten nach SPIEGEL-Informationen, wie der schwedische Konzern den Hamburger Senat bei der Verstaatlichung des Wärmenetzes getäuscht haben soll.

Vattenfall Fernwärme-Kraftwerk
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Vattenfall Fernwärme-Kraftwerk

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Eine Gruppe von Mitarbeitern des Vattenfall-Konzerns erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management des schwedischen Energieunternehmens. Nach Informationen des SPIEGEL, des "NRC Handelsblad" und "Dagens Nyheter" werfen sie ihrem Unternehmen vor, bei den Verhandlungen zum Rückkauf des Hamburger Fernwärmenetzes den Senat und die Bürgerschaft getäuscht zu haben.

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Der Rückkauf des Netzes durch die Stadt ist seit Jahren ein umkämpftes Politikum. Begonnen hatte alles im Jahr 2013 mit einem Volksentscheid, bei dem sich die Bürger für die Verstaatlichung aller Energienetze ausgesprochen hatten: Im Zentrum des Streits steht dabei die Frage, ob die Stadt nicht viel zu viel für das Versorgungssystem zahlt (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+).

Die Anschuldigungen der Vattenfall-Mitarbeiter beziehen sich insbesondere auf den Vertrag vom Januar 2014, bei dem der damalige Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zwei Optionen für den Kauf der Vattenfall-Anteile am Fernwärmenetz mit dem Management aushandelte. "Der Vertrag basiert auf falschen Informationen", schreibt ein Vattenfall-Mitarbeiter in einer Darstellung des Sachverhaltes, die dem SPIEGEL vorliegt. In dem Vertrag sichert Vattenfall zu, die eigenen Anteile am Wärmenetz für einen Unternehmenswert von 1,15 Milliarden Euro inklusive des Baus eines neuen Gaskraftwerks in Wedel zu verkaufen.

Als Beleg für die Täuschung führt der Vattenfall-Whistleblower ein Memo ("Hamburg Project Wedel") an, das sein Team Mitte Januar 2014 zur Vertragsunterzeichnung anfertigte. Darin warnen die Projektmanager vor dem Risiko, dass das Gaskraftwerk nicht wie im Vertrag beschrieben im August 2018, sondern frühestens ein Jahr später fertig sein würde. Vermutlich wollte der Konzern das Kraftwerk gar nicht bauen. Nach Vertragsunterzeichnung soll das Projektteam von 40 auf nur wenige Mitarbeiter zusammengestrichen worden sein.

Ein Manager drängte seine Untergebenen offensichtlich sogar, die Falschaussage zum Kraftwerksbau gegenüber dem Parlament zu machen. Er schreibt in einer E-Mail vom 17. September 2014 an das Team: "Wichtig ist das klare Ja am Anfang".

Die Verzögerungstaktik zahlte sich für Vattenfall aus: Als 2015 die Grünen in Hamburg mit an die Macht kamen, entschied sich der neue Senat aus politischen Gründen gegen einen Kraftwerksneubau mit Vattenfall.

Auf Anfrage des SPIEGEL antwortete das Unternehmen: "Vattenfall weist jeden Vorwurf entschieden zurück, dass es Informationen zurückgehalten oder die Stadt Hamburg unzureichend informiert habe." Die Vorwürfe der Mitarbeiter seien wiederholt untersucht worden. Demnach habe es "die gemeldeten Gesetzesverstöße und Verstöße gegen den Verhaltenskodex" nicht gegeben. Ein Sprecher des Senats erklärte auf Anfrage der SPIEGEL, der vereinbarte Preis, zu dem der Verkauf in diesen Wochen abgewickelt werden soll, sei gerechtfertigt.

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insgesamt 17 Beiträge
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angelobonn 08.02.2019
1.
Wenn die linken Hamburger Politik kein Gaskraftwerk von Vattenfall wollte, kann sie sich wohl kaum beschweren, dass ihr ein solches von Vattenfall nicht übergeben wird. Üblicherweise enthält ein SPA für einen solchen Fall aber Kaufpreis-Anpassungsklauseln. Wenn der Vertrag solche Klauseln nicht enthalten sollte, wäre seitens der Stadt HH ein Beraterregress zu prüfen. Ansprüche gegen Vattenfall sind aber wohl fernliegend.
senapis 08.02.2019
2. Guter Ruf
Dieser Energielieferant hat mit dem Namen "Hamburgische Elektrizitätswerke" (HEW) auch seine Reputation verloren.
gammoncrack 08.02.2019
3. Tja, liebes Management von Vattenfall.
Wenn man schon die "kleinen" Leute versucht über den Tisch zu ziehen, wieso soll irgendjemand glauben, dass Ihr das bei den "großen" nicht macht. Ich hatte vorletztes Jahr aufgrund einer Beitragserhöhung zum 1.1. gekündigt, die aber wegen falschen Datums, es hätte der 31.12. sein müssen, abgelehnt wurde. Seltsam war nur, dass in der Erhöhungsmitteilung stand "Sie können den Vertrag zum Wirksamskeitsdatum der Erhöhung kündigen", welches aber der 1.1. war. Normalerweise kündigt ja nun jeder zum 31.12., aber ich habe aufgrund der Formulierung nun einmal zum 1.1. gekündigt. Erst nachdem ich Ihnen einen Rechtsstreit angekündigt habe, haben Sie eingelenkt. Ich unterstelle Ihnen ganz deutlich, dass diese fehlerhafte Formulierung beabsichtigt war, um Kunden zu einem falschen Kündigungsdatum zu verleiten. Und wer sich auskennt, zahlt dann tatsächlich für ein weiteres Jahr. Aber natürlich habe den Vorgang dem Verbraucherschutz NRW zu Kenntnis gebracht. Die fanden das richtig gut, mal wieder etwas zu tun zu bekommen. Ich glaube kaum, dass Sie das heute noch versuchen.
rjb26 08.02.2019
4. in den USA
gäbes es jetzt eine Millisrdenstrafe und ggf Ausschluss von zuküngtigen Gedchäften in Deutschland. Ich bin msl gedpannt woeviel Steuergeld unserer Bundesregierung denen noch zudätzlich nachwirft
thomas_d_barth 08.02.2019
5. Wärmenetz
als ob wir alle nicht wüßten, dass für Hamburg das eine oder andere Miönchen eine Rolle spielen würde ? im Vergleich zur Elb-Philharmonie schiere Peanuts
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