Speeddating Investieren wir bei dir oder bei mir?

Es ist eine kreative Form, Geld einzusammeln: 60 Unternehmensgründer haben sich in Berlin zum "Speed-Dating" getroffen, um Investoren zum Einstieg in ihre Firma zu bewegen. Ähnlich wie beim schnellen Flirtversuch wird in den Gesprächen dick aufgetragen - doch die große Liebe findet sich selten.

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Berlin - Für Bescheidenheit ist hier kein Platz. "Wir sind das RTL der Zukunft", tönt Philipp Bernecker. "Der Markt für Online-Fernsehen wird in den kommenden Jahren explodieren." Und tatsächlich: Die offensive Art des 24-Jährigen kommt an. Sein Gegenüber, ein Finanzinvestor aus Hamburg, beugt sich interessiert vor. Es folgen zehn Minuten muntere Plauderei voller Fachsprech und Superlativen. Dann werden Visitenkarten ausgetauscht, ein weiterer Kontakt, sogar eine Geschäftsbeziehung nicht ausgeschlossen.

Bernecker ist einer von drei Gründern von Divimove, einem Start-up-Unternehmen, das zum "VC Love-In" nach Berlin-Neukölln gekommen ist. "VC" steht dabei für Venture Capital, Risikokapitalfonds, die in aufstrebende Firmen investieren. Das Konzept: 60 Gründer treffen auf 19 Finanzinvestoren, die jungen Unternehmer haben zehn Minuten Zeit, für ihre Idee zu werben - und so vielleicht einen Geldgeber zu finden. Die Organisatoren orientieren sich am Konzept des Speed-Datings, eine Flirtmethode, bei der sich Singles in vielen kurzen Gesprächen kennenlernen.

Was sofort auffällt: Im Unterschied zur Flirtveranstaltung fallen bei den Gründern die ganzen Peinlichkeiten, die ungelenken Gesprächsversuche weg. Es herrscht eine lockere Atmosphäre, alle duzen sich, alle sprechen die gleiche Sprache. "Hier tracken wir die Interaktion", erklärt ein Gründer. "Und wie connected ihr eure App mit Facebook?", fragt ein Investor. Was Außenstehende nur schwer verstehen, ist beim Love-In gängiger Code.

Parallelen zum bekannten Speed-Dating gibt es aber auch. Die Gespräche sind sehr oberflächlich, die Erfolgswahrscheinlichkeit ist eher gering. "Es ist ein erstes Kennenlernen", sagt Bernecker. "Die Investoren spüren in den zehn Minuten, was für sie nicht in Frage kommt. Doch selbst wenn Interesse da ist, heißt das noch nicht, dass sie wirklich investieren."

Seine eigene Firma hat er Anfang des Jahres gegründet. Es ist bereits seine zweite, gegründet unter anderem mit Geld, das er beim Verkauf der ersten eingenommen hat. Zusammen mit zwei Studienfreunden entwickelte er Divimove, eine Online-TV-Firma. "Wir helfen Produzenten von Youtube-Videos, Zuschauer zu finden und darüber Geld mit Werbung zu verdienen." Wenn ein Youtube-Clip eine bestimmte Zahl von Klicks erreicht, bekommt der Produzent einen Anteil an den Werbeerlösen. Davon profitiert dann auch Divimove.

Tipps von Business Angels

Gestartet sind die drei Gründer mit Hilfe von sogenannten Business Angels. Das sind Investoren, die selbst erfolgreich Unternehmen gestartet haben und sich deshalb im jeweiligen Markt auskennen.

Die Business Angels haben Bernecker und seinen Co-Gründer Brian Ruhe auch Tipps gegeben, wie sie das Speed-Dating angehen sollen. "In zehn Minuten kann man nicht groß das Geschäftsmodell erklären", sagt Bernecker. Deshalb beschränkt er sich auf die Grundzüge und ein paar vollmundige Vergleiche. Neben dem "RTL der Zukunft" spricht er davon, dass Divimove wie ein Musiklabel funktioniere. "Wir bringen Produzenten und Nutzer zusammen." Auf den Einwand, ob er nicht das gleiche Schicksal erleiden könne wie die Musikindustrie, ist er vorbereitet. "Youtube wächst immer noch enorm, 2013 wird es da noch mal einen richtigen Schub geben. Den wollen wir ausnutzen."

Doch lässt sich beim Love-In wirklich ein Investor finden? Die Ideen der Gründer klingen meist interessant: Shoplove etwa, eine App für das iPad, auf dem sich Nutzer ihre Lieblings-Shops zusammenstellen können. Oder nu3, ein Online-Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln. Doch die Investoren geben oft auch offen zu, dass ein Start-up für sie nicht in Frage kommt. "Wir sehen uns eher nicht im E-Commerce-Bereich", bekommen die nu3-Gründer zu hören.

Einer der Kapitalgeber dämpft sogar ganz allgemein die Erwartungen: "Dass auf einem solchen Event eine Geschäftsbeziehung entsteht, ist sehr unwahrscheinlich. Das dient alles eher der Kontaktpflege." Für die mit hohen Erwartungen angereisten Gründer dürfte das Fazit damit eher ernüchternd ausfallen.



insgesamt 2 Beiträge
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pepe_sargnagel 03.12.2012
1.
Keine schlechte Idee, aber wie hier schon angedeutet. Nicht derjenige, der sachlich, technisch und fachlich brilliert bekommt das Geld, sondern derjenige, der dicker aufträgt. Der Kapitalgeber aber wünscht sich jemanden, der dick aufträgt (der sich und seine Ware verkaufen kann) sowie sachlich, technisch und fachlich hervorsticht. Und so schließe ich wie SPON: Es ist wie bei der Partnersuche - das findet man einfach sehr selten. Und beim Geld mögen manche noch weniger "blind vor Liebe" sein als im Beziehungsfall. Beim Geld wird also noch mehr geprüft, bevor man sich bindet.
franko_potente 03.12.2012
2.
Zitat von sysopEs ist eine kreative Form, Geld einzusammeln: 60 Unternehmensgründer haben sich in Berlin zum "Speed-Dating" getroffen, um Investoren zum Einstieg in ihre Firma zu bewegen. Ähnlich wie beim schnellen Flirtversuch wird in den Gesprächen dick aufgetragen - doch die große Liebe findet sich selten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/vc-love-in-speed-dating-von-gruendern-und-venture-capital-fonds-a-869972.html
*gähn* Solange Apps mit Facebook connected werden... Wie wärs wenn die Anwendung mit Sozialen Netzwerken verbunden werden kann...meinetwegen vorrangig mit Facebook?
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