Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Verhandlungen im Kanzleramt: Energiekonzerne pokern um ihre Atomprofite

Von und

Das Gezerre um Deutschlands Atomzukunft beginnt: Am Donnerstag streiten Politiker und Energiekonzerne über längere AKW-Laufzeiten. Milliarden Euro und die politische Glaubwürdigkeit der Regierung stehen auf dem Spiel. SPIEGEL ONLINE analysiert die Strategien der Verhandlungspartner.

Kernkraftwerk Neckarwestheim: Reststrommenge schwindet bedrohlich Zur Großansicht
AP

Kernkraftwerk Neckarwestheim: Reststrommenge schwindet bedrohlich

Hamburg - Diesen Donnerstag beginnt in Berlin ein gewaltiger Geldpoker. Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) hat Deutschlands Energie-Elite zu sich eingeladen: die Atomvorstände der vier großen Versorger, dazu die Staatssekretäre aus Wirtschafts- und Umweltministerium (siehe Infobox links). Zwar bemüht sich die Regierung, das Treffen herunterzuspielen. Die Verhandlung sei "Routine", teilt das Wirtschaftsministerium mit. Die Beteiligten gehörten der sogenannten Monitoring-Gruppe an, einem Gremium, das den unter Rot-Grün beschlossenen Atomausstieg in regelmäßigen Sitzungen überwache.

Tatsächlich aber ist das Treffen weit spektakulärer. Denn verhandelt wird das genaue Gegenteil des rot-grünen Gesetzes: der Ausstieg aus dem Atomausstieg, ein Thema, das die Republik wie kaum ein zweites spaltet. Erst am Abend, gegen 19 Uhr, treffen die Top-Manager und -Politiker zusammen, doch schon ab 10.30 Uhr wollen Anti-Atom-Organisationen vor dem Kanzleramt gegen längere AKW-Laufzeiten protestieren.

Für die Energiekonzerne geht es um ein Mega-Geschäft. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) rechnet damit, dass die vier großen Energieversorger bei einer Laufzeitverlängerung um 25 Jahre und einem Strompreis von 80 Euro pro Megawattstunde gut 233 Milliarden Euro einstreichen würden. Der Großteil der Zusatzgewinne sei allerdings erst ab 2014 zu erwarten, da die Konzerne ihre Meiler voraussichtlich erst mit moderner Sicherheitstechnik aufrüsten müssten. Der Bremer Energieexperte Wolfgang Pfaffenberger kommt auf ähnliche Summen: Je nachdem, wie viele Jahre die Meiler zusätzlich laufen und wie hoch der Strompreis steht, wären Gewinne von bis zu 339 Milliarden Euro möglich:

Atom-Comeback
Was die Energieriesen am Atom-Comeback verdienen könnten.
Extra-Einnahmen der Stromkonzerne
Atom-Comeback: Extra-Einnahmen der Stromkonzerne in Milliarden Euro
bei einem Strompreis von
50 €/MWh
bei einem Strompreis von
80 €/MWh
bei einem Strompreis von
120 €/MWh
bei einer Laufzeit von
40 Jahren
27 61 106
bei einer Laufzeit von
60 Jahren
83 193 339
Quelle: Wolfgang Paffenberger
Extra-Profite, Laufzeit 40 Jahre
Atom-Comeback: Extra-Profite in Mrd. Euro bei Laufzeit von 40 Jahren*
brutto Steuern ** netto
E.on 23 5,9 16,6
RWE 19 4,9 13,7
EnBW *** 13 3,5 9,7
Vattenfall 6 1,6 4,5
Übrige 0,7 0,2 0,5
gesamt 61 16,1 44,9
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
*** inklusive Anteil der Deutschen Bahn
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profite, Laufzeit 60 Jahre
Atom-Comeback: Extra-Profite in Mrd. Euro bei Laufzeit von 60 Jahren*
brutto Steuern ** netto
E.on 76 19,9 55,8
RWE 55 14,6 40,9
EnBW *** 39 10,2 28,5
Vattenfall 21 5,5 15,3
Übrige 2 0,6 1,7
gesamt 193 50,8 142,2
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
*** inklusive Anteil der Deutschen Bahn
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 40 Jahren
Extra-Profit der Konzerne in Mio. Euro bei Laufzeit von 40 Jahren *
brutto Steuern ** netto
2010 1477 389 1088
2011 2305 607 1698
2012 2637 694 1942
2013 2637 694 1942
2014 3112 819 2292
2015 2677 705 1972
2016 4105 1081 3024
2017 4088 1076 3012
2018 4271 1124 3147
2019 3770 993 2778
2020 4928 1297 3631
2021 4928 1297 3631
2022 4453 1172 3281
2023 4453 1172 3281
2024 3984 1049 2935
2025 2000 527 1474
2026 2000 527 1474
2027 1490 392 1098
2028 1490 392 1098
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 60 Jahren
Extra-Profit der Konzerne in Mio. Euro bei Laufzeit von 60 Jahren *
brutto Steuern ** netto
2010 1477 389 1088
2011 2305 607 1698
2012 2637 694 1942
2013 2637 694 1942
2014 3112 819 2292
2015 2677 705 1972
2016 4105 1081 3024
2017 4810 1266 3544
2018 5308 1397 3911
2019 5289 1392 3897
2020 6767 1781 4985
2021 6767 1781 4985
2022 6749 1777 4973
2023 6749 1777 4973
2024 6732 1772 4960
2025 6658 1753 4906
2026 6658 1753 4906
2027 6640 1748 4892
2028 6640 1748 4892
2029 6584 1733 4851
2030 6584 1733 4851
2031 6584 1733 4851
2032 6584 1733 4851
2033 6584 1733 4851
2034 6584 1733 4851
2035 6584 1733 4851
2036 6584 1733 4851
2037 5863 1543 4319
2038 5548 1460 4087
2039 5065 1333 3732
2040 4746 1249 3497
2041 4746 1249 3497
2042 4288 1129 3159
2043 4288 1129 3159
2044 3836 1010 2826
2045 1926 507 1419
2046 1926 507 1419
2047 1434 378 1057
2048 1434 378 1057
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Auch für die Regierung geht es bei den Verhandlungen um eine Menge Geld. Denn im Gegenzug für eine Laufzeitverlängerung will der Bund eine Beteiligung an den Extragewinnen der Versorger. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) plant, mindestens die Hälfte des Geldes abzuschöpfen. Josef Göppel, Energieexperte der CSU und Obmann im Umweltausschuss, fordert gar 75 Prozent, obwohl er an den Gesprächen gar nicht beteiligt ist.

Regierung klar im Vorteil

Die Prämisse der Regierung lautet: Abgeschöpftes Geld ist gleichzeitig politisches Kapital. Denn die schwarz-gelbe Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, die Kernkraft nur als Brückentechnologie einzusetzen und die Extragewinne der Industrie dafür zu nutzen, den Übergang ins Ökostrom-Zeitalter zu beschleunigen.

"Die Zusatzgewinne sollen den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben", sagt Joachim Pfeiffer, wirtschaftpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und früherer CDU-Koordinator für Energiepolitik. Die Union werde dafür sorgen, dass die Laufzeitverlängerung die Wettbewerbsverhältnisse zwischen Atomkraft und erneuerbaren Energien nicht zementiere.

Je mehr Geld die Regierung den Konzernen abtrotzt, desto glaubhafter kann sie diese Position öffentlich vertreten. "Die Politik will sich als harter Verhandlungspartner gegen die Atom-Lobby positionieren", sagt Bernhard Jeggle, Energie-Analyst bei der LBBW. Nur so könne sie Laufzeitverlängerungen einer breiten Öffentlichkeit halbwegs elegant vermitteln.

Abgesehen davon fordert die Regierung auch viel, weil sie in den Verhandlungen klar das Sagen hat. Nur sie kann das gültige Atomausstiegsgesetz ändern - und damit sie das tut, müssen die Konzerne kuschen. Die Versorger dagegen haben kaum Druckmittel. Sie können nur darauf drängen, dass die Versprechen aus dem Koalitionsvertrag eingehalten werden. Doch in dem steht nur, dass das Thema Laufzeitenverlängerung schnell angegangen werden soll - und dass ein wesentlicher Teil der Extra-Gewinne an den Staat abgeführt wird.

Einigen Energieriesen läuft die Zeit davon. Bis zur Sommerpause soll geklärt werden, wie viele Jahre und zu welchen Bedingungen die Konzerne ihre Kernkraftwerke länger am Netz lassen dürfen. Abgesegnet wird der Kompromiss wohl erst später. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) sieht die Laufzeitenverlängerung als Teil eines energiepolitischen Gesamtkonzepts, das er im Herbst vorlegen will.

Vor allem RWE Chart zeigen und EnBW Chart zeigen bereitet dieser Zeitplan Probleme. Die Meiler Biblis A, Biblis B und Neckarwestheim 1 verfügen nur noch über geringe Reststrommengen. Das heißt: Sie dürfen nur noch sehr wenig Strom produzieren, ehe ihre Betriebserlaubnis erlischt. Allein RWE würde laut LBBW-Berechnungen bis zu fünf Milliarden Euro verlieren, sollten die beiden Biblis-Blöcke vom Netz gehen - Kosten für die Demontage der Anlage nicht eingerechnet.

Brüderle will alle Meiler erhalten

Die Sorge um die Uralt-Meiler ist durchaus real. Die Option, ein altes aber noch immer rentables Kraftwerk abzuschalten, stärkt nicht nur die Verhandlungsposition der Regierung; sie ist auch unter populistischen Gesichtspunkten attraktiv. "Die CDU weiß, dass die Bevölkerung die Atomkraft nicht mag. Ein Bauernopfer wie Biblis A oder Neckarwestheim 1 kommt da gelegen", sagt Energieexperte Pfaffenberger. Ein Energieengpass wäre zumindest nicht zu befürchten. "Wir haben zurzeit ein Überangebot an Strom. Wenn Biblis heruntergefahren wird, gehen die Lichter in Deutschland nicht aus."

In der Branche weiß man das - und schlägt Alarm. "Für uns drängt die Zeit", sagt ein Sprecher des Atomforums. "Wir sind sofort zu Verhandlungen bereit." RWE-Chef Jürgen Großmann fordert "zügig Klarheit bei der Kernenergie". E.on-Chef Wulf Bernotat warnt, es sei "politisch nicht verantwortbar", vor einer Einigung über eine Laufzeitverlängerung die ersten Meiler abzuschalten. Er signalisiert schon mal Zahlungsbereitschaft - ohne konkrete Zahlen zu nennen: "Die Industrie ist sich im Klaren darüber, dass es einen politischen Preis gibt, den man für eine Verlängerung zahlen muss."

Die Regierung hat sich zu dem Thema noch nicht abschließend geäußert. Kanzlerin Angela Merkel schweigt zum Fortbestand von Biblis A oder Neckarwestheim 1, ebenso ihr CDU-Kollege Norbert Röttgen, der als Umweltminister bei den Laufzeitverlängerungen federführend ist. Wirtschaftsminister Brüderle dagegen sagt, er sehe eine Lösung, bei der kein Atomkraftwerk vom Netz gehen muss.

Wie genau die aussehen soll, sagt er nicht explizit. Doch das liegt auf der Hand: Kanzleramt, Umwelt- und Wirtschaftsministerium können einvernehmlich beschließen, dass die Energiekonzerne Reststrommengen von jüngeren Kraftwerken auf die Uralt-Meiler übertragen. Dadurch könnten Kraftwerke wie Biblis A oder Neckarwestheim 1 länger Strom produzieren, ehe ihre Betriebserlaubnis ausläuft.

Gute Verhandlungsposition für Röttgen

RWE und EnBW hatten eine solche Übertragung schon 2006 beantragt und waren am Veto des damaligen Umweltministers Sigmar Gabriel (SPD) gescheitert. Die Unternehmen brachten den Fall daraufhin vor Gericht, unterlagen aber auch dort.

Im Anschluss wurde der Betrieb im Kernkraftwerk Biblis auffällig oft von Wartungsarbeiten unterbrochen. Und es wurden Strategiepapiere bekannt, denen zufolge der Betreiber EnBW die Stromproduktion in Neckarwestheim 1 gezielt drosselte, um die Reststrommenge des Reaktors künstlich zu strecken. Ziel war es den Papieren zufolge, seine Betriebserlaubnis bis über die Bundestagswahl zu retten, in der Hoffnung auf einen schwarz-gelben Wahlsieg. EnBW dagegen sagt, wahltaktische Erwägungen spielten bei der Einsatzplanung keine Rolle.

Trotzdem: Jetzt, da Schwarz-Gelb an der Macht ist, könnte es sich auszahlen, dass die Energieriesen die Lebenszeit ihrer Alt-Meiler verlängert haben. Eine wichtige Rolle spielt dabei Norbert Röttgen. Der Mann, der sich gern als grüner Umweltminister im schwarzen Gewand verkauft, soll jetzt ermöglichen, was Gabriel einst vereitelte. Er soll die Übertragung von Reststrommengen absegnen oder ein Moratorium mittragen, welches das Erlöschen der Betriebserlaubnis von Alt-Reaktoren bis zum Herbst verhindert.

Entsprechend gut ist Röttgens Verhandlungsposition, er kann den Konzernen neben Geld noch andere Zugeständnisse abtrotzen. Eine Forderung hat der Minister schon gestellt: Er will den Atommüll aus der einsturzgefährdeten Schachtanlage Asse-Stock rasch an einem anderen Ort verwahren. Denkbar ist, dass die Unternehmen dieses Manöver zahlen müssen.

Das dürfte teuer werden: Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) empfiehlt in einem Gutachten, den gesamten Atommüll aus der einsturzgefährdeten Schachtanlage herauszuholen. Anschließend sollen demnach die rund 126.000 Fässer mit leicht- und mittelradioaktivem Atommüll im Schacht Konrad, einem stillgelegten Eisenerz-Bergwerk in Salzgitter, endgelagert werden.

Diesen Artikel...
Forum - Atomenergie - soll die neue Regierung die Laufzeiten für Kernkraftwerke verlängern?
insgesamt 5947 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
schlob 10.10.2009
5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
2. langsam sollte
sitiwati 10.10.2009
es sicg doch auch beim SPIEGEL durchgesprochen haben, dass es keine ATOMEnergie gibt, bei dem geschlossenen Teil habt ihrs doch begriffen !
3.
Hartmut Dresia, 10.10.2009
Zitat von sysopMit der anstehenden Regierungsbildung aus den Unionsparteien und der FDP wird auch die Energiepolitik neu bewertet. Sollen angesichts der Energieprobleme die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden?
Angesichts des Wahlergebnisses hätte die Koalition für eine Laufzeitverlängerung eine demokratische Mehrheit, denn 95 Prozent der Deutschen würden die gleiche Partei wählen (http://www.plantor.de/2009/95-prozent-der-deutschen-wuerden-die-gleiche-partei-waehlen/). Allerdings kann Kernenergie nicht isoliert betrachtet werden. Die Koalition muss zusammenhängend, inklusive Kohle, neue Energien und Import fossiler Energieträger, eine schlüssige Energiepolitik entwickeln.
4.
rkinfo 10.10.2009
Zitat von schlob5. Der russ. Regierungschef Wladimir Putin hat grünes Licht für den Bau eines KKW in der Exklave Kalinin-grad (früher Königsberg) zwischen Polen und Litauen gegeben. Die staatliche Atomholding Rosatom wolle für das Projekt (Baukosten 5 Mrd. €) einen westlichen Investor gewinnen. Dabei wird auch die Lieferung von russ. Atom-strom nach Deutschland geprüft über ein Kabel mit einer Transportleistung von 600 bis 1000 MW. Das Kabel soll entlang der „Gerhard Schröder-Erdgaspipeline“ verlegt werden.(dpa 28.0.09, Welt, Heilbr.Stimme 30.9.09).
Ein AKW löst noch lange nicht die Energieversorgung von 'D'. Wobei die 600-1000 MW durchaus auch Überschußstrom des Sommerhalbjahres und nachts betrachtet werden können. Da laden wir dann unsere E-Autos während im Winterhalbjahr das die regionalen BHKWs übernehmen können. Obiger Plan paßt also in sonstige Überlegungen. Als 'Grundlastversorgung' kann man aber die Idee kaum bezeichnen den auch Kaliningrad wird zukünftig viel Strom benötigt werden.
5. Absolut dafür...
xandi 10.10.2009
Man sollte an der Kernenergie festhalten, bis sie uns um die Ohren fliegt, Krebskranke Kinder sind nur ein geringer Preis für so eine saubere Energieform!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Alle Fakten: Atomenergie in Deutschland und weltweit

Teilnehmer der Atom-Treffens
- Ronald Pofalla, Kanzleramtschef
- Jochen Homann, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium
- Jürgen Becker, Staatssekretär im Umweltministerium
- Klaus-Dieter Maubach, E.on-Vorstand
- Gerd Jäger, RWE-Vorstand
- Reinhard Hassa, Vattenfall-Vorstand
- Hans-Josef Zimmer, ENBW-Vorstand
Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Atomkraftwerke in Deutschland

Interaktive Grafik
Atomkraft: Die Positionen der EU-Staaten und der wichtigsten Industrienationen
Kernreaktoren
Thermischer Reaktor
DPA
In einem Kernreaktor kommt die Kettenreaktion durch Neutronen zustande, die bei der Kernspaltung entstehen und ihrerseits weitere Urankerne spalten. Dazu müssen sie allerdings abgebremst werden. Dazu ist ein sogenannter Moderator notwendig, bei dem es sich in den meisten thermischen Reaktoren um gewöhnliches Wasser handelt, manchmal auch um sogenanntes schweres Wasser oder Grafit.
Brutreaktor
In Brutreaktoren wird ein Gemisch von Uran- und Plutoniumoxid, der sogenannte Mox-Brennstoff, verwendet. Natürliches Uranerz besteht nur zu 0,7 Prozent aus dem spaltbaren Isotop Uran-235, den Rest macht das nicht spaltbaren Uran-238 aus. In einem Brutreaktor wird aber Uran-238 zu Plutonium-239 umgewandelt. In Wiederaufbereitungsanlagen kann das Plutonium abgetrennt und dann als Kernbrennstoff wiederverwendet werden. Auf diese Weise gewinnen Brutreaktoren aus dem vorhandenen Uran in etwa 30 Mal mehr Energie als Leichtwasserreaktoren.

Zur Kernspaltung werden nicht abgebremste, sondern schnelle Neutronen verwendet, weshalb auch vom "schnellen Reaktor" die Rede ist. Da sie allerdings mit geringerer Wahrscheinlichkeit neue Kernspaltungen auslösen, muss das Spaltmaterial im Vergleich zum thermischen Reaktor höher konzentriert werden - was wiederum dazu führt, dass es im Inneren von Brutreaktoren heißer wird als etwa in Leichtwasserreaktoren. Deshalb wird als Kühlmittel auch nicht Wasser, sondern in der Regel flüssiges Natrium verwendet.

Dies führt gemeinsam mit der enorm hohen Giftigkeit von Plutonium zu großen Bedenken hinsichtlich der Sicherheit von Brutreaktoren. Hinzu kommt das zusätzliche Risiko der Transporte von strahlendem Material zwischen den Schnellen Brütern, Aufbereitungsanlagen und thermischen Reaktoren.
Uran und Plutonium in Atomwaffen
DPA
Bei einer Uranbombe, wie sie die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg über Hiroshima gezündet haben, reichte es bereits, eine Halbkugel des spaltbaren Materials auf einen Dorn zu schießen, die zusammen die kritische Masse für eine Atomexplosion erreichten. Mit Plutonium aber funktioniert dieses sogenannte Kanonenprinzip nicht.

Terroristen müssten stattdessen zum technisch weit anspruchsvolleren Implosionsprinzip greifen: Um eine Kugel aus spaltbarem Material sind mehrere Schichten Sprengstoff angeordnet. Die Explosionsenergie komprimiert das Plutonium so stark, dass die erforderliche Dichte erreicht und die Kettenreaktion eingeleitet wird.

Ob Plutoniumdioxid aus einem Kernreaktor für eine solche Bombe geeignet wäre, hängt von mehreren Faktoren ab. "Für die Qualität für die Waffennutzung ist es zum Beispiel wichtig, wie lange der Brennstoff im Reaktor war", sagt der deutsche Atomexperte Egbert Kankeleit. Im Grunde müssten die Terroristen in der Lage sein, das Pulver in Plutoniummetall umzuwandeln. "Wer die entsprechenden chemischen Kenntnisse hat, kann das schaffen." Die größere technische Hürde sieht Kankeleit in der Konstruktion einer Implosionsbombe. "Aber wenn man Hilfe von der richtigen Seite bekommt, etwa aus Pakistan, wäre auch das kein Problem.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: