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23. Februar 2013, 11:22 Uhr

Großbritanniens Rating-Rückschlag

"Eine Demütigung für den Premier"

Erstmals in der Geschichte hat eine Rating-Agentur Großbritannien herabgestuft - eine herbe Niederlage für die Regierung in London. Premier Cameron und Finanzminister Osborne hatten versprochen, das AAA zu halten. Nun stellt die Opposition kritische Fragen, der Kurs des Pfunds fällt.

London - Großbritanniens Spitzenrating AAA ist weg. Die Rating-Agentur Moody's hat dem Land die Bestnote für die Kreditwürdigkeit entzogen - ein bitterer Rückschlag für die Regierung. Waren doch Premier David Cameron und sein Finanzminister George Osborne 2010 mit dem Versprechen gewählt worden, die Bestnote auf jeden Fall zu verteidigen - trotz des unbeliebten Sparkurses, den sie Großbritannien verordnet haben.

Für die Opposition ist das Herabstufen ihres Landes von AAA auf AA1 denn auch Anlass für harsche Angriffe auf die Regierung. Ed Balls, Finanzpolitiker der Labour Party, sagte laut "Guardian": "Diese Herabstufung ist ein demütigender Schlag gegen den Premier und den Finanzminister."

Balls warf Osborne vor, seine Glaubwürdigkeit verspielt zu haben. "George Osborne hat gesagt, das Verteidigen der Bestnote sei das Hauptziel seiner Wirtschaftspolitik. Als sein Wirtschaftsplan ins Schwimmen geriet, war es das Letzte, an das er sich geklammert hat."

Die oppositionelle Labour-Partei macht den drastischen Sparkurs für das hohe Defizit verantwortlich: Dieser bremse die Wirtschaft stark. Balls forderte die konservativ-liberale Regierung auf, endlich Maßnahmen für Wirtschaftswachstum zu ergreifen, nur so könne das Defizit verringert werden. "Sollten Cameron und Osborne dies nicht tun und den politischen Stolz über die nationalen wirtschaftlichen Interessen stellen, werden uns weitere langfristige Schäden und Schmerzen für Unternehmen und Familien bevorstehen."

"Verlust verdoppelt unsere Entschlossenheit"

Der Finanzminister kündigte kurz nach der Moody's-Entscheidung an, seinen Sparkurs beizubehalten. "Diese Entscheidung schwächt nicht unsere Entschlossenheit, mit dem Plan zur wirtschaftlichen Erholung fortzufahren, sie verdoppelt sie", so Osborne. Die Aktion der Rating-Agentur sei eine "deutliche Erinnerung daran, welch ein Schuldenproblem unser Land hat", sagte der Schatzkanzler.

Moody's hatte den Entzug der Bestnote mit dem hohen Schuldenstand und dem "schleppenden Wachstum" begründet. Großbritannien steckt seit der Finanzkrise 2008 tief in der Schuldenfalle. Die Finanzkrise und ihre Folgen haben die Verschuldung so stark ansteigen lassen wie in kaum einem anderen Land: Der Gesamtschuldenberg verdoppelte sich innerhalb von nur fünf Jahren auf zuletzt 86 Prozent der Wirtschaftsleistung. Grund hierfür ist vor allem der riesige Finanzsektor des Landes. Dieser benötigte während der Krise zahlreiche enorm teure staatliche Rettungsaktionen.

Der 2010 angetretene Premier Cameron und seine Regierung versuchen, die Neuverschuldung mit massiven Haushaltskürzungen in den Griff zu bekommen. Allerdings geht das Konzept bisher nicht auf. Osborne hatte bereits im Dezember zugegeben, dass der Schuldenabbau mangels Wachstum nicht vor dem Haushaltsjahr 2015/2016 gelingen könne.

Kurs des Pfundes auf Talfahrt

Experten gehen davon aus, dass das Haushaltsdefizit von zuletzt knapp sieben Prozent 2013 steigen wird. Die Regierung hatte sich etwas Linderung von der Versteigerung von 4G-Mobilfunklizenzen versprochen. Die Auktion erzielte Mitte der Woche aber 1,2 Milliarden Pfund weniger für die Staatskasse als erhofft.

Für die Finanzmärkte kam der Entzug des Spitzenratings nicht ganz überraschend: Neben Moody's hatten auch Standard & Poor's sowie Fitch Großbritannien bereits mit der Herabstufung der Bonität gedroht. Deshalb dürften sich die Kursreaktionen nach Einschätzung von Börsianern zum Handelsstart am Montag zunächst in Grenzen halten.

Das Pfund reagierte bereits mit einem Wertverlust von knapp einem US-Cent auf 1,5160 Dollar. Der Kurs des Pfundes ist seit Monaten auf Talfahrt - sowohl im Vergleich zum Euro als auch zum Dollar. Die britische Notenbank hatte vor kurzem erklärt, die Inflation werde in den kommenden Jahren nicht auf die Zielmarke von zwei Prozent zu drücken sein und eher bei drei Prozent liegen.

heb/Reuters/dpa

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