Plagiatsstreit bei Kräuterlikören Schnaps = Schnaps

Erst Jägermeister, nun Verpoorten: Eine bayerische Geschäftsfrau kämpft gegen Schnapsriesen - ein Erbe der Eierlikördynastie soll ihren Kräuterbitter kopiert haben. Eine Geschichte mit auffällig vielen Zufällen.

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Likörproduzentin Petra Waldherr-Merk
Daniel Schvarcz

Likörproduzentin Petra Waldherr-Merk


Als Jägermeister sie verklagte, produzierte Petra Waldherr-Merk gerade einmal 3000 Flaschen von ihrem Kräuterlikör Hirschkuss. Der globale Konzern mit dem Hirsch-Logo wollte der winzigen Konkurrentin im Jahr 2005 verbieten, einen Hirschkopf auf ihr Etikett zu drucken.

Statt ihr Fast-noch-Hobby Likörherstellung wieder sein zu lassen, wehrte sich Waldherr-Merk vor Gericht gegen den Schnapsgiganten aus Wolfenbüttel. Am Ende ersetzte sie den Hirschkopf auf der Flasche durch zwei sich küssende Hirsche und legte den Streit so bei.

Gewonnen hat die blonde Bayerin aus dem Lenggries im Alpenvorland trotzdem: Der Streit mit Jägermeister bescherte ihr damals bundesweite Bekanntheit, ihre Manufaktur wuchs rasch. Heute stellt sie im Jahr 300.000 Liter von dem Likör her und beschäftigt damit saisonweise bis zu 19 Leute. Abgefüllt und etikettiert wird noch immer per Hand.

Vergangenen Herbst, erzählt Waldherr-Merk, habe ein Spirituosenverkoster bei ihr angerufen und von einem Likör erzählt, der ihrem Hirschkuss verdächtig ähnlich schmecke - der Kräuterbitter Hirschrudel.

Seitdem kämpft Waldherr-Merk wieder gegen einen großen Namen: Produzent von Hirschrudel ist nämlich Dirk Verpoorten, Nachfahre des gleichnamigen Eierlikörerfinders. Den Familienbetrieb in Bonn führt inzwischen sein Bruder William, Dirk Verpoorten ist dort nur noch Gesellschafter. Im Hauptberuf betreibt er einen Spirituosen- und Siruphandel - und produziert seit 2014 auch selbst Likör.

Das vergessene Rezept aus dem Poesiealbum

Die Geschichte, die den Eierlikörerben zum Kräuterlikör brachte, klingt abenteuerlich: In einem von seiner Großmutter Elly geerbten Reisekoffer habe Dirk Verpoorten ein Poesiealbum gefunden, in dem sie als junges Mädchen im Wald gesammelte Kräuter gepresst hatte. So wird es auf der Firmenseite erzählt.

Aus 31 Kräutern habe sie Jahrzehnte später ein Likörrezept entwickelt und in dem Album so sorgfältig beschrieben, dass ihn der Enkel lange nach ihrem Tod nachmachen konnte. "Oh, das war ein großer Zufall", kommentiert Verpoorten die Episode in einem Interview für seine Firmenseite.

In der Tat. Und das ist nicht der einzige Zufall:

Aus dem vermeintlichen Poesiealbum seiner Großmutter will Verpoorten aus Geheimhaltungsgründen nicht mal einzelne Seiten zeigen - obwohl er viele Zutaten seines Likörs bereits auf seiner Internetseite veröffentlicht hat.

Dort heißt es über den Spross der Eierlikörfamilie auch: "Er beschließt im Jahr 2014, den Likör nach dem Originalrezept (…) wieder ins Leben zu rufen." Tatsächlich ließ Verpoorten die Marke Hirschrudel aber bereits im Mai 2012 beim zuständigen Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt eintragen.

Am wenigsten stimmig sind Verpoortens Beteuerungen über die Produktion seines Likörs: Hirschrudel werde nur in Chargen von etwa 3000 Halbliterflaschen produziert und - genau wie bei Petra Waldherr-Merk in Lenggries - "von Hand abgefüllt und etikettiert".

Auf den Seiten zahlreicher Händler wie Kaufhof und sogar der Homepage von Verpoortens Vertriebspartner wirkt der Likör weit weniger exklusiv: Als Abfüller der für 24,99 Euro erhältlichen Flaschen wird der Industrieabfüller Condor genannt, bei dem Wodka- und Likörflaschen über große Fließbänder und durch Etikettiermaschinen laufen.

3000 Flaschen sind für so ein Unternehmen eine Kleinstbestellung. Dass dafür ausnahmsweise mit Hand abgefüllt wird, erscheint recht unwahrscheinlich.

Condor sei ja auch nie sein Abfüller gewesen, sagt Verpoorten dazu nun, ohne weitere Erklärung. Wo sein Kräuterlikör stattdessen abgefüllt werde, will er nicht sagen. Und wie sein eigener Vertriebspartner, der sogar an derselben Adresse wie Verpoortens Firma sitzt, darauf komme? "Keine Ahnung."

"Plagiate sind in der Branche leider gang und gäbe"

Komisch ist auch, dass die Herkunftsgeschichte von Hirschrudel in vielen Details der ähnelt, die Petra Waldherr-Merk über Hirschkuss seit Jahren erzählt: Das Familienrezept bekam sie von ihrer Großtante, "einer richtigen Kräuterhexe".

Waldherr-Merk sagt, sie habe Proben von Hirschrudel und ihrem eigenen Likör an ein renommiertes Prüfinstitut geschickt. Da dieses sich aus Aufträgen der Industrie finanziert, möchte es nicht genannt werden.

Das Gutachten, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, fällt aber deutlich aus: Das "Aromaprofil" der beiden Liköre sei "nahezu identisch". Zudem hätte Hirschrudel genau wie Hirschkuss eine "leichte Rumnote, die für Kräuterliköre als Besonderheit zu werten ist". Für Konkurrenzprodukte sind das ziemlich viele Gemeinsamkeiten.

"Plagiate sind in der Branche leider gang und gäbe", sagt Waldherr-Merk. Jeder gute Destillateurmeister wisse, wie man einen Likör nachbraue. Von Hirschkuss habe sie deshalb nur die Marke, nicht aber die Rezeptur schützen lassen, weil diese dann en Detail veröffentlicht worden wäre. "Das wäre quasi eine Einladung an jedermann, unseren Hirschkuss nachzumachen."

Verpoorten nennt die Vorwürfe der Konkurrentin "so was von weit hergeholt": "Wenn sie eine Blindverkostung mit 15 Kräuterlikören machen, werden da bestimmt ein paar Hirschkuss sehr ähnlich sein", sagt der 50-jährige Unternehmer. Außerdem hätten die beiden Liköre einen unterschiedlichen Alkoholgehalt, Hirschrudel 35 Prozent, Hirschkuss 38.

Bis zu diesem Freitag hat Waldherr-Merk Verpoorten Zeit gegeben, ausreichende Beweise gegen ihre Vorwürfe vorzulegen. Der reagierte mit einer Klageandrohung. Nun will Waldherr-Merk beim Patentamt die Löschung der Hirschrudel-Marke beantragen - wegen des ähnlichen Namens, Aussehens und Geschmacks bestehe Verwechslungsgefahr bei den Marken.

An ihrer Seite steht diesmal ein alter Kontrahent: Jägermeister. Auch der Likörriese klagt gegen Hirschrudel, weil der Hirschkopf auf einem Kräuterliköretikett von ihnen geschützt sei. In erster Instanz hat Jägermeister den Prozess vergangenen Dezember gewonnen. Verkauft Verpoorten seinen Likör weiter, droht ihm eine Strafe von bis zu 250.000 Euro.

Zusammengefasst: Eine Likörherstellerin aus Oberbayern vermutet, dass ihre Rezeptur plagiiert wurde - von einem Erben der Verpoorten-Familie. Zwischen ihrem Kräuterbitter Hirschkuss und dem Konkurrenten Hirschrudel gibt es nicht nur Ähnlichkeiten in der Herkunftsgeschichte. Auch eine Laboranalyse weist auf ein Nachahmerprodukt hin.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
schlipsmuffel 18.03.2016
1. Ei,Ei,Ei, Verpoorten...
..Plagiate allerorten??
hinschauen 18.03.2016
2. Was genau ist das Problem?
Im Artikel steht "Jeder gute Destillateurmeister wisse, wie man einen Likör nachbraut." Und aus dem Grunde gibt es unzählige Getränke, die so schmecken wie Getränke anderer Firmen. Ist das verboten? Falls ja - dann steht dieser einzig entscheidende Punkt in diesem ansonsten an Details überbordenden Artikel nicht drin. Falls nein- Wo ist das Problem?
Freiheit für Europa 18.03.2016
3. Plagiate-Professoren viel schädlicher und schändlicher
Ich habe schon Stories gehört/erfahren, wonach Ordentliche Professoren in Bayern, also Institutsinhaber sogar mit der Idee anderer die eig. Leute fördern, von Diplom zu Doktorarbeit, aber sogar Habilitationsversuch und Professur - und den jahrelang umsonst auf eig. Idee arbeitenden Ideengeber nicht einmal erwähnen. Armes Deutschland.
muellerthomas 18.03.2016
4.
Zitat von hinschauenIm Artikel steht "Jeder gute Destillateurmeister wisse, wie man einen Likör nachbraut." Und aus dem Grunde gibt es unzählige Getränke, die so schmecken wie Getränke anderer Firmen. Ist das verboten? Falls ja - dann steht dieser einzig entscheidende Punkt in diesem ansonsten an Details überbordenden Artikel nicht drin. Falls nein- Wo ist das Problem?
genau das hab ich mich auch gefragt, wobei ich aus diesem Abschnitt, der allerdigns insgesamt wenig Sinn ergibt, geschlossen habe, dass das legal ist: "Jeder gute Destillateurmeister wisse, wie man einen Likör nachbraut. Von Hirschkuss habe sie deshalb nur die Marke, nicht aber die Rezeptur schützen lassen, weil diese dann en Detail veröffentlicht worden wäre." Sie hat sich das Rezept ja offenbar nicht schützen lassen, was für mich eine etwas seltsame Strategie ist, wenn ich davon ausgehe, dass ein Destillateurmeister das ohnehin nachbrauen kann. Ich beantrage doch nur dann keinen Schutz, wenn ich davon ausgehe, dass das Rezept/Patent besser geschützt ist, wenn nichts veröffentlicht wird.
sparrenburger 18.03.2016
5. blaue Suppe
Erinnert mich an die Feschichte um die u.a. blaue Suppe eines niederländischen Destillers der den Likeur der Insel Curaçao mit Billigzutaten nachbaut und genauso nennt. Der kl. Karibikinsel bleibt nur die Hoffnung das es der Bekanntmachung der Insel nutzt - der eigentlichen Destillerie Señior bleibt nur das Nachsehen. Verstehe die Regeln dieser Branche nicht, wo nen Schampus nur aus Frankreich den Namen tragen darf, der Likeur aus der Karibik aber Curaçao of Curaçao nennen muß. Weil es mittlerweile so viel Pseudocuracao aus Orangen ( echter Curacao ist aus der endemischen Pomeranze Lahara) gibt dass man sich nur so abheben kann. Wünsche der Distillerin in diesem Beitrag viel Erfolg!
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