Versicherungsskandale Herrn Kaisers wilde Kinder

Alle reden über Bankenregulierung, aber wer kontrolliert die Versicherungen? Nach einer Skandalserie um Sexreisen, Bestechungsvorwürfe und wacklige Geschäftsmodelle beschäftigt die Frage nun den Bundestag.

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Corbis

Berlin - Wer deutsche Versicherungsvertreter für ein Ausbund biederer Langeweile gehalten hatte, wurde spätestens im Herbst 2012 eines Besseren belehrt. Damals veröffentlichte die "Bild"-Zeitung ein Foto von mittelalten, mittelschlanken Menschen, die mit nichts als Bettlaken-Togas bekleidet in einem Swinger-Hotel auf Jamaika eine Polonaise tanzen. Es handelte sich um Mitarbeiter eines Vertriebs, der für die Versicherung Deutscher Herold arbeitete.

Im selben Hotel gastierten auch Vertriebler, die für die Ergo-Versicherung arbeiteten, die zudem mit Sexreisen nach Budapest und Mallorca Schlagzeilen machte. Mitarbeiter der Bausparkasse Wüstenrot wiederum besuchten auf einer Belohnungsreise ein Bordell in Brasilien. Die Nachfolger des braven Herrn Kaiser aus der Hamburg-Mannheimer-Werbung schienen ein ziemlich wilder Haufen zu sein.

Und die Lustreisen blieben nicht die einzigen Skandale der Branche. Im Herbst 2013 wurde bekannt, dass der Versicherer Debeka jahrelang Beamte bezahlte, die neue Mitglieder im Kollegenkreis vermittelt hatten. Zur selben Zeit geriet der mittlerweile insolvente Finanzkonzern Infinus ins Wanken, der mit einem Provisionskarussell Zehntausende von Anlegern geschädigt haben soll. Anfang dieses Jahres musste die Politik durch eine erneute Senkung des Garantiezinses zum wiederholten Mal den Lebensversicherern beispringen, die jahrelang zu hohe Zinsen versprochen hatten.

Die Häufung von Negativschlagzeilen wirft die Frage auf, ob die Branche eigentlich ausreichend überwacht wird. Im Gegensatz zur Bankenregulierung war die Versicherungsaufsicht öffentlich bislang kein großes Thema. Am Mittwoch beschloss der Finanzausschuss des Bundestags nun immerhin, Vertreter der Branche und der für sie zuständigen Aufsicht BaFin für eine öffentliche Anhörung vorzuladen.

"Die Aufsicht kam bei den meisten Fällen erst hinterher drauf, dass etwas schiefläuft", kritisiert Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen. Er glaubt, dass es durchaus Warnzeichen gab, etwa im Fall der Debeka, die etwa jede vierte private Krankenversicherung verkaufte. "Bei einem so hohen Marktanteil im Öffentlichen Dienst könnte man ja auch mal drauf kommen zu schauen, ob das alles mit rechten Dingen zugeht."

Machtverlust vor 20 Jahren

Offiziell will man sich bei der BaFin zu solchen Vorwürfen nicht äußern. Inoffiziell wird darauf verwiesen, dass die Kontrollmöglichkeiten der Behörde begrenzt seien. "Wir werden schon jetzt wegen angeblicher Kompetenzüberschreitungen kritisiert."

Tatsächlich war die Versicherungsaufsicht in Deutschland bis vor 20 Jahren deutlich mächtiger. Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, Vorläufer der BaFin, genehmigte noch jede neue Police und Prämie. Doch 1994 wurde der Versicherungsmarkt liberalisiert. "Das war der zentrale Bruch", sagt Lars Gatschke, Versicherungsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Vorher war der Markt stark reguliert, danach gab es keine Aufsicht über einzelne Produkte mehr."

Zwar sei die BaFin in manchen Bereichen durchaus aktiv, sagt Gatschke. "Sie sind zum Beispiel erfolgreich gegen pauschale Zuschläge bei Tarifwechseln in der Privaten Krankversicherung vorgegangen." Doch häufig müssten sich die Aufseher schon aus juristischen Gründen zurückhalten. "Im Gegensatz zu Staatsanwälten droht BaFin-Mitarbeitern stets eine Amtshaftung."

Die Befugnisse der Behörde sollen aber bald erweitert werden. Laut dem Entwurf der Bundesregierung für ein Anlegerschutzgesetz könnte die BaFin künftig Finanzprodukte verbieten, wenn diese auf unseriösen Modellen beruhen. Auch die Werbung im öffentlichen Raum soll "eingedämmt" und statt in U-Bahnen oder auf Plakatwänden nur noch in Medien mit Wirtschaftsbezug erlaubt sein.

Keine Kontrolle über Vermittler

Weitgehend machtlos bleibt die BaFin jedoch ausgerechnet in jenem Bereich, der zuletzt für die meisten Schlagzeilen sorgte: dem Vertrieb. Denn für Versicherungsvermittler sind die örtlichen Industrie- und Handelskammern zuständig, die vor allem formale Qualifikationen wie geordnete Vermögensverhältnisse oder das Vorhandensein einer Berufshaftpflichtversicherung überprüfen. Die BaFin kann höchstens indirekt auf Vermittler einwirken, wenn diese nur für eine Versicherung tätig sind.

"Mit einer Aufsicht im klassischen Sinn ist dies jedoch nicht vergleichbar", räumte die BaFin im vergangenen Jahr selbst in einem Rundschreiben zum Thema Incentive-Reisen ein. Darin appellierte sie an die Unternehmen, selbst nach Belohnungen wie den Sextrips von Ergo oder Deutschem Herold zu fahnden. Reisen, die "möglicherweise vor 30 Jahren keine so großen Wellen geschlagen" hätten, würden schließlich heute von der Presse mit "überaus negativem Tenor" beschrieben.

Umdenken soll die Branche auch bei der Risikovorsorge. Ab 2016 gilt die EU-Richtlinie "Solvency II", die Versicherern eine deutliche Aufstockung ihrer Kapitaldecke vorschreibt. Dann müssen die Versicherer der BaFin auch jährliche Berichte über ihre Geschäftsrisiken vorlegen. "Solvency II verändert ganz deutlich die Art, wie wir mit Unternehmen kommunizieren", versichert man bei der Finanzaufsicht.

Grünen-Politiker Schick will sich jedoch nicht allein auf neue Gesetze verlassen. "Manches ist nicht nur eine Frage der Regulierung", sagt er. "Sondern hängt davon ab, ob die Aufsicht ihre Handlungsmöglichkeiten nutzt und die nötige Distanz zu den Unternehmen hat."

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Seite 1
joG 15.10.2014
1. Dass Deutschland ein ziemlich ....
....korruptes Land ist und das bewußt offenbar sein will, wissen wir seitdem man nicht wissen wollte, wer Kohl das Geld gegeben hatte und ggf bestochen hat. Man hat es einfach auf sich beruhen lassen. Wenn die politische und juristische Elite auf diesem Niveau das duchgehen lässt, ist es doch nicht verwunderlich, wenn alle anderen Ebenen der Gesellschaf tauch durchseucht sind.
volker Doelling 15.10.2014
2. Schlechter Artikel
Da sind die Staatsgläubigen wieder unterwegs, Regulierung, Einschränkungen. Und der Spiegel wieder auf der Suche nach Klicks, um Werbung zu verkaufen. Um hier ein paar Dinge des tendenziösen Artikels zurechtzurücken: Auch wenn die Bilder und der Artikel anderes (aus Gründen des Werbeanzeigenverkaufes) suggerieren: Der absolute größte Teil des Marktes hat Incentivereisen sich nicht erarbeitet, war also auch auf keinen derartigen Reisen. Incentivereisen sind als zusätzliche Belohnung für die Elite des Vertriebes eingerichtet. Wir reden hier über maximal 10 % der Vertriebsmitarbeiter, die auf Incentivereisen gehen durften. Von diesen 10 % war auch nur ein Bruchteil auf fragwürdigen Reisen mit Bordellbesuch oder sonstigen Dingen. Das ist Führungsversagen, eine Diskussion darüber ist müßig. Bordellbesuch auf Kundenkosten: NOGO. Die verantwortliche Führungskraft wird getauscht und gut ist es. Es wird also über eine kleine Minderheit berichtet und das verallgemeinert. Der Rest der Truppe hat eine ganz normale Incentivereise, die als geldwerter Vorteil in unserem tollen Land auch voll zu versteuern ist und als Einnahme gilt. Wie ein KFZ-Verkäufer auch. Incentivereisen sind im Vertrieb (egal welche Branche) üblich und normal. Und da werden auch die selbst ernannten "Verbraucherschützer" nichts daran ändern. Wer überdurchschnittliches leistet, gehört überdurchschnittlich bezahlt und geehrt. Das mag manchen Politikern oder "Verbraucherschützern" unangenehm sein, die sollten Ihr Glück vielleicht dann ehr in Nordkorea oder China probieren, da sind dann alle Leute auch "gleich". Als Vertriebsmitarbeiter ERWARTE ich zwingend, dass meine Firma mir attraktive Angebote als Incentives anbietet. Denn wenn der Vertrieb gut geleistet hat, Umsatz und Ertrag gut sind, freut sich ja auch der Rest der Firma, wenn es deswegen ein Weihnachtsgeld oder eine Gratifikation gibt. Einfach mal in der eigenen Firma nachfragen, wie hier der Vertrieb motiviert wird.
udo.sowade 15.10.2014
3.
Was haben Sie denn "Überdurchschnittliches" geleistet?
pfalzkapelle 15.10.2014
4. Welcher Vertrieb hat noch Mitarbeiter im Außendienst?
Welche Sau musste denn in diesem Artikel nochmals geschlachtet werden? Der Aussendienst ist im Vergleich zu früher ausgedünnt. Es gibt Gesellschaften, die haben gar keinen Vertrieb mehr. Und die Probleme mit den Versicherungen liegen in der Politik. Die Lebensversicherung wurde von der Regierung zerlegt, damit Unternehmen günstig Kredite bekommen können. Wobei nicht klar ist, wer die will. Bei billigem Geld fehlt der Überblick, wo sich das investieren lohnt. Ich würde mal sagen, der Artikel ist seit ein paar Jahren veraltet.
Hans Bergma 15.10.2014
5. Versicherungsbetrug
Ob die Versicherungen ihren VBs Sexpartys veranstalten oder nicht, das ist ausschließlich deren Sache. Der wahre Versicherungsbetrug ist das Versprechen der Versicherungen, im Schadensfall zu leisten, dann aber mit einem Heer von Anwälten anrücken, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.
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