Versinkendes Prestigeprojekt: Dubai fürchtet den "Welt"-Untergang

Von , Abu Dhabi

"The World" ist ein Symbol für den Größenwahn der Golfstaaten - Dubai wollte eine künstliche Inselwelt schaffen, Baufirmen türmten im Meer gigantische Sandberge auf. Doch nun droht das Prestigeprojekt in den Fluten zu versinken: Für den Unterhalt der Fahrrinnen ist kein Geld mehr da.

"World"-Untergang: Dubais Stolz versinkt Fotos
REUTERS

Jedes Kind kennt es vom Sandburgenbau in der Brandung: Wenn nicht immer wieder ausgeschippt wird, ist bald nichts mehr zu sehen von Kanälen, Wällen und Burgen. Auf Dauer gewinnt das Meer. Diese Erfahrung mit dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik macht derzeit auch "The World", das ehrgeizige Bauprojekt vor der Küste von Dubai: 300 künstlich aufgeschüttete Inseln, die vom Flugzeug aus gesehen in etwa die Form einer Weltkarte haben. "Die Inseln fallen langsam wieder zurück ins Meer", erklärt Richard Wilmot-Smith, Anwalt der Logistikfirma "Penguin Marine". Die Fahrrinnen zwischen den Inseln seien durch Versandung und Erosion bereits unpassierbar geworden.

"Die Welt geht unter", titelte der "Daily Telegraph", und in der lokalen Presse ist eine Debatte über den "Zustand der Welt" ausgebrochen. Nicht die Malediven oder Tuvalu würden als erste von der Landkarte verschwinden, sondern "Nordamerika" und "China", die Kunstkontinente im Persischen Golf. Wobei nicht der Klimawandel für das Versinken des Archipels verantwortlich ist, sondern das Erkalten des Immobilienmarktes in den Emiraten: Die Preise in Dubai sind seit 2009 um bis zu 60 Prozent gefallen. Kaum jemand will mehr in kostspielige Landgewinnung investieren.

Die Baufirma Nakheel, Entwicklerin der Inseln, gehört zum Konglomerat "Dubai World", dessen 25 Milliarden Schulden das ganze Emirat in die Krise brachten. Nakheel hat anderes zu tun, als sich ums Ausbaggern zu kümmern.

Fünf Millionen in den Sand gesetzte Dollar

Der Sprecher von Nakheel, Graham Lovett, bestreitet, dass "The World" tot sei. Sie sei nur "in einem Koma", werde aber eines Tages wieder aufwachen: "Dies ist ein Projekt über zehn Jahre, das sich verlangsamt hat." Ein von der Firma "Penguin Marine" angerufenes Gericht in Dubai hat sich dieser Haltung angeschlossen.

Natürlich geht es um Geld. "Penguin Marine" hat die Rechte erworben am Hinüberschippern von Baumaterialien und später der Versorgung der Inseln. Dafür zahlt die Firma aus Singapur jährlich rund eine Million Dollar. Doch die erhofften Transportaufträge sind ausgeblieben, weil die Bauprojekte größtenteils auf Eis liegen. Penguin hat die Zahlungen eingestellt. Der eigens für "The World" gebaute Versorgungshafen in Port Rashid liegt brach. Das sind fünf Millionen in den Sand gesetzte Dollar.

"The World" hat schon einige Rückschläge gesehen. Der Eigentümer "Irlands" hat sich umgebracht. Der Käufer von "Großbritannien" sitzt wegen Scheckbetrug für sieben Jahre in Dubai hinter Gittern. Und die Nachricht über das langsame Versinken im Treibsand klingt wie die Erfüllung biblischer Prophezeiungen: "Alles, was auf Erden ist, soll untergehen" (Genesis; 6,17).

"Ständiges Widerstehen gegen Wind und Wellen"

Alles geht unter - nur "Germany" nicht. Und die Party-Insel "Montecarlo" und "Schweden" ebenso wenig. Sechs Inseln hat der österreichische Investor Josef Kleindienst für 840 Millionen Dollar gekauft. Er vermarktet sie als "Das Herz Europas", mit Luxusvillen und Security. Eigentlich sollte mit dem Bau der ersten Villen schon im Juni begonnen werden. Tatsächlich sind die Sandhaufen bisher nur mit Bodenrüttlern baubereit gemacht worden. Josef Kleindienst hält das Gerede über den "World"-Untergang für unangebracht: "Wenn eine Insel nicht entwickelt und unterhalten wird, dann setzt die Erosion ein. Das hat nichts mit Sinken zu tun, es ist die Bewegung des Sandes entlang der Inselränder." Eine Insel sei eben nichts Gegebenes, sondern ein ständiges Widerstehen gegen Wind und Wellen.

Die Sprecherin der Kleindienst-Gruppe bestätigt allerdings, dass die Fahrrinnen zwischen den Erdteilen von Nakheel nicht mehr ausgebaggert werden.

"Montecarlo" sollte die erste Insel nur für Erwachsene werden, mit Bars, Bikini-Beaches und Nachtclubs. Geplant war, das Eiland am 31. Dezember mit einer spektakulären Silvesterparty einzuweihen, es waren auch schon 800 "Celebrities" gebucht. Aber die Party fiel ins Wasser, "Umständen geschuldet, auf die wir keinen Einfluss haben", so Kleindienst. Bislang ist kein einziges Gebäude gebaut worden. Halb so wild: Silvester kommt ja immer wieder, so verlässlich wie Fluten und Finanzmarktkrisen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
Spiegeleii 25.01.2011
Früher oder später, aber gewiß immer, wird die Natur Rache nehmen an allem was wider sie selbst ist. Johann Heinrich Pestalozzi
2. Hier könnte mein Klarname stehen
snickerman 25.01.2011
"Die Welt geht unter" hätte nicht gedacht, dass ich mal dabei zuschaun kann ^^ Der Größenwahn geht so lange zum Brunnen, bis dieser leer ist. Ob in einer Generation noch mehr in Dubai los ist als Dünen und Sandflöhe- und von Zeit zu Zeit ne Filmfirma, die in den Runen Endzeitdramen dreht?
3. HaHaHa
Dunedin 25.01.2011
Zitat von sysop"The World" ist ein Symbol für den Größenwahn der Golfstaaten -*Dubai wollte eine künstliche Inselwelt schaffen, Baufirmen türmten im Meer gigantische Sandberge auf. Doch nun droht das Prestigeprojekt in den Fluten zu versinken: Für den Unterhalt der Fahrrinnen ist kein Geld mehr da. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741447,00.html
Hochmut kommt immer vor dem Fall und im Falle von Arabern trifft dies meistens zu
4. Es ist alles Eitel
sebs42 25.01.2011
Du sihst / wohin du sihst, nur eitelkeit auff erden. Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein: Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein, Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden. Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden. Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen asch und bein. Nichts ist das ewig sey / kein ertz kein marmorstein. Itzt lacht das Gluck vns an / bald donnern die beschwerden. Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn. Sol denn das spiell der zeitt / der leichte mensch bestehn. Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten, Als schlechte nichtikeitt / als schaten, staub vnd windt. Als eine wiesen blum / die man nicht wiederfindt. Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten. Andreas Gryphius
5. Manchmal ...
Monark 25.01.2011
... ist es gar nicht so einfach, sich die Schadenfreude zu verkneifen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
RSS
alles zum Thema Golf für Anfänger
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 90 Kommentare
Zum Autor
Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, berichtet für SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE aus den Golf-Staaten und der arabischen Welt. In seinem Blog "Golf für Anfänger" erzählt er tausendundeine Geschichten aus dem Orient.

Fotostrecke
Abu Dhabi: Die neue Macht am Golf