Dauerkrise Vertrauliche Briefe weisen GM die Schuld für Opel-Misere zu

Sparrunden, Werksschließungen, Jobabbau - der Traditionshersteller Opel ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach SPIEGEL-Informationen sind jetzt Briefe des Ex-Aufsichtsratschefs Wilhelm Gäb aufgetaucht, die beweisen, wer den größten Teil der Schuld trägt: die GM-Konzernführung.

Opel-Konzernzentrale in Rüsselsheim: Kein Charisma, kein Flair und kein Prestige
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Opel-Konzernzentrale in Rüsselsheim: Kein Charisma, kein Flair und kein Prestige


Vielen Opel-Werkern geht das Messer in der Tasche auf, wenn sie an General-Motors-Vize Stephan Girsky denken. Erst jüngst hatte sie der smarte US-Manager zu einer "Kulturänderung" aufgefordert und ihnen wieder einmal öffentlich eine Verlierermentalität nachgesagt: "Wenn Sie jahrelang Verluste schreiben, die immer vom Konzern ausgeglichen werden, dann gewöhnen Sie sich daran und halten es irgendwann für normal, Geld zu verlieren."

Die Opelaner geben dagegen der Konzernführung in Detroit die Schuld für die existenzbedrohende Krise, in der das Unternehmern nunmehr seit Jahren steckt. Die Weichenstellung der US-Bosse hätten erst dazu geführt, dass Opel sein Image als Premium-Hersteller verloren habe.

Diese These wird jetzt gestützt durch streng vertrauliche Briefe des einstigen GM-Vizepräsidenten und Opel-Aufsichtsratschefs Hans Wilhelm Gäb, die mehreren Aufsichtsräten und dem SPIEGEL zugeleitet wurden. Sie belegen, dass Opel durch jahrelanges Missmanagement heruntergewirtschaftet wurde. Gäb hatte die GM-Chefs in Detroit schon Ende der neunziger Jahre vor Fehlentwicklungen gewarnt, die Opels Abstieg verursachten.

So hatte Gäb am 2. Dezember 1997 in einem Brief an die Konzernzentrale in Detroit beklagt, dass neue Fahrzeugplattformen für Opel in den USA entwickelt würden, die zwar den Ansprüchen der US-Kunden genügten, in Europa aber hinter den Modellen von Volkswagen zurückbleiben würden. "Diese Art der Globalisierung wird zu reduzierter Wettbewerbsfähigkeit führen." Wenn man dies weiter betreibe, so Gäb, werde Opel "zu einer Blue-Collar-Marke ohne Image", die nicht mehr höhere Preise verlangen könne, "weil sie kein Charisma, kein Flair und kein Prestige in sich trägt." Eine Marke aber, "die allein auf den Preiskampf angewiesen ist, wird zu den Verlierern gehören."

In einem Brief an den damaligen Europa-Chef von General Motors, Louis Hughes, hatte Gäb am 12. September 1996 davor gewarnt, die Sicherheit von Opel-Modellen zu vernachlässigen. Opel gebe einen Standard auf, "der uns zusammen mit Volkswagen in Sachen Sicherheit zur Nummer eins unter den europäischen Großserienherstellern gemacht hatte". Als Folge davon werde Opel "kaum noch in der Lage sein, beim Wettbewerb mit Volkswagen zu bestehen."

Ein Jahr später wurden dem Familienauto Opel Sintra bei einem Crash-Test "schwere Sicherheitsmängel" bescheinigt. Opel musste das Modell nach kurzer Zeit in Europa vom Markt nehmen. 1998 trat Gäb aus Protest gegen die Geschäftspolitik von General Motors von seinem Amt als Aufsichtsratsvorsitzender von Opel zurück.

mik

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insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
dunham 10.06.2012
1. Zusammen mit VW...
...einem durch das VW-Gesetz vor dem Wettbewerb geschützten Privatkonzern...sehr interessanter Vergleich. DH
digitalesradiergummi 10.06.2012
2. Da handelt es sich wohl
um einen postmoderne Ausagbe des hessischen Landboten.
systembolaget 10.06.2012
3. Wie so oft im internationalen Geschäftsleben...
...verwässern und zerstören US-amerikanische Manager ihre europäischen Tochterunternehmen, weil sie glauben, nach ihren am Heimatmarkt gewonnenen Regeln aus der Ferne strategische Weichenstellungen treffen zu können. Ohne internationale und regionale Erfahrung, mit gegen null tendierendem Verständnis von Technik und Kundenwünschen und nur an Quartalsergebnissen ausgerichtet haben sie schon viele Unternehmen dem langsamen Siechtum überantwortet. So wird eben auch Opel vom Markt verschwinden.
lynx2 10.06.2012
4. Ha, ha, was ist..
Zitat von sysopDPASparrunden, Werksschließungen, Jobabbau - der Traditionshersteller Opel ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Nach SPIEGEL-Informationen sind jetzt Briefe des Ex-Aufsichtsratschefs Wilhelm Gäb aufgetaucht, die beweisen, wer den größten Teil der Schuld trägt: die GM-Konzernführung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,837979,00.html
... da noch vertraulich? Gäb ist doch schon lange nicht mehr dabei. Daß GM Saab ruiniert hat und jetzt dabei ist, das Gleiche mit Opel zu tun, pfeifen doch die Spatzen von den Dächern!
EGu 10.06.2012
5. Warum kaufen wir amerikanische Marken?
Wenn unser Marken wie „OPEL“ von GM kaputtgemacht wird. Welche Marke kann überleben, wenn es nur in Europa verkauft wird. Haben wir keinen Patriotismus mehr?
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