Bewegtbild-Geschäft Franzose schmiedet Allianz gegen Netflix, Apple und Co.

US-Konzerne wie Netflix, Amazon oder Apple wollen den europäischen Bewegtbild-Markt erobern. Der Franzose Vincent Bolloré bastelt an einem Bündnis gegen den Angreifer. Mit dabei: Silvio Berlusconi.

Vivendi-Chef Bolloré
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Vivendi-Chef Bolloré


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Vincent Bolloré stammt aus einer noblen bretonischen Familie, er ist ein Mann mit feinsten Manieren und knallharter Durchsetzungskraft. Sein Vermögen soll bei etwa elf Milliarden Euro liegen, für seine Firmen arbeiten rund 55.000 Menschen. In seinem Reich gibt es einen Werbekonzern, einen Hersteller von Autobatterien und auch viele europäische Häfen unterstehen seinem Kommando.

Vor allem aber ist Bolloré Chef des führenden französischen Medienkonzerns Vivendi. Zu dem gehört zum Beispiel die weltgrößte Plattenfirma Universal Music Group, mit Töchtern wie PolyGram, Motown, Deutsche Grammophon. Nebenbei kontrolliert er eines der sechs wichtigen Filmstudios in Hollywood.

Auch das französische Unternehmen Canal+ ist Teil von Bollorés Vivendi-Konzern. Mit mehr als 200 Kanälen ist das Unternehmen einer der Marktführer im europäischen Pay-TV.

Aber selbst sein mächtiges Imperium scheint Bolloré noch zu klein, um im anstehenden Kampf mit den Unterhaltungsgiganten aus Amerika zu bestehen. Denn nicht nur Netflix macht den Europäern auf dem Markt für audiovisuelle Produkte wie Film, Fernsehen und Video immer stärker Konkurrenz. Auch US-Riesenkonzerne wie Amazon, Apple und Facebook drängen in das Geschäft.

Der Franzose Bolloré will dagegenhalten - und ist deshalb auf Brautschau im Nachbarland Italien. Oder wie manche Italiener sagen: auf Beuteschau.

Bereits in den vergangenen Monaten hat Bolloré seinen Konzern durch permanente kleinere Zukäufe zum größten Einzelaktionär von Telecom Italia gemacht. Er hält dort nun ein Viertel der Anteile. Das reichte, um in der Woche vor Ostern den Chef zu feuern, weil dieser zu wenig Gewinn erwirtschaftet und viele Millarden in den überfälligen Ausbau eines Hochgeschwindigkeitsinternets in Italien stecken wollte. Bolloré sei wohl "mehr an Inhalten als an Leitungen" interessiert, schrieb die französische Zeitung "Le Monde".

Inhalte für einen hungrigen Weltmarkt

Interesse an der italienischen Nummer eins im Telekom-Sektor hat noch ein anderes französisches Unternehmen, der dortige Telekom-Marktführer Orange. Der einstige Monopolist (damals hieß er noch France Télécom) würde gern mit seinem italienischen Pendant zusammengehen, heißt es in der Branche. Bolloré würde das nicht stören, im Gegenteil. Wenn Orange und Telecom Italia sich zusammentun, wären sie EU-Marktführer bei der Verbreitung von bewegten Bildern. Und Bolloré wäre über die Beteiligung an Telecom Italia mit dabei. Die Verbreitung von Filmen, Videos und Internet-Clips wäre gesichert.

Bolloré könnte sich auf die Inhalte und deren Vermarktung über möglichst viele Kanäle kümmern. Er habe "eine Vision", sagen Leute, die ihn kennen. Er wisse, dass mit den Netzen an sich künftig eher wenig zu verdienen sein wird. Das große Geld lockt stattdessen bei der Bereitstellung von Produkten für einen hungrigen Weltmarkt.

Und genau da richtet sich der Blick von Monsieur Bolloré auf Silvio Berlusconi. Zu dessen Konzern Mediaset gehören Produktionsfirmen wie Endemol, Videotime und Mediavivere, Werbeagenturen wie Publitalia, Publiespana, Fernsehkanäle in Italien und Spanien, Satelliten- und digitale Kanäle und den Bezahlsender Mediaset Premium. Gemeinsam, so der Gedanke, könnten Mediaset und Vivendi ein beeindruckendes Angebot liefern, das mindestens die europäischen Konkurrenten schrecken dürfte.

Berlusconi ist angeschlagen

Die Situation für einen Zusammenschluss wäre günstig, denn Firmenpatriarch Berlusconi ist müde. Der alte Schwung ist hin, politisch sowieso. Aber auch ökonomisch hat er Probleme. Vor allem das Pay-TV-Geschäft läuft mies, obwohl er für sechs- bis siebenhundert Millionen Euro Fußballrechte eingekauft hatte, um mehr Kunden anzuziehen. Altbewährte Steuerspartricks klappen nicht mehr. Deshalb ist Sohn Pier Silvio, nominell Chef bei Mediaset, jetzt gerade zu 14 Monaten Haft verurteilt worden, natürlich auf Bewährung.

Noch kann der Milliardär sich die 75 Millionen Euro leisten, die sein geliebter, aber erfolgloser Fußballclub AC Milan pro Saison verschlingt. Aber es wird enger. Da kommen die Avancen aus Frankreich genau zur richtigen Zeit.

Eine Fusion wäre für beide von Vorteil. Bolloré könnte seinen expansiven Feldzug fortsetzen. Berlusconi hätte zwar nicht mehr viel zu sagen. Aber was solls? Er wird im September 80 und weiß wohl, dass seine fünf Kinder ohne ihn das Medienimperium zügig herunterwirtschaften könnten.

Viel Geld muss bei dem Geschäft nicht einmal fließen. Für das Mediaset-Aktienpaket, das Berlusconi Bolloré überließe, bekäme er entsprechende Anteile am neu gebildeten Unternehmen. Die sind sicherer und profitstärker als seine.

Während italienische und französische Medien über den Deal schon wie beschlossen berichten, dementieren die mutmaßlichen Akteure - wenn auch halbherzig. Er sei mit Bolloré "seit Jahren befreundet", erzählte Berlusconi neulich im Radio. Der habe schon seit Längerem "Interesse an unserer Fähigkeit, Fernsehprodukte, Formate zu produzieren". Möglicherweise finde man ja "Formen einer Zusammenarbeit".

Schon eine enge Kooperation der beiden Marktgrößen hätte weit über die italienisch-französischen Grenzen hinaus enorme Wirkung. Ein großer Teil der europäischen Film- und Fernsehbranche wäre von "Vivendi plus Mediaset" abhängig. Die anderen Marktteilnehmer müssten reagieren, weitere Kooperationen oder Fusionen stünden an. Und der Raum für kleinere Anbieter würde noch enger. Vincent Bolloré würde das wohl nicht stören.


Zusammengefasst: Der Franzose Vincent Bolloré ist nicht nur der Chef des Medienkonzerns Vivendi. Er bastelt auch an einem europäischen Megakonzern, der den US-Angreifern Netflix, Amazon und Apple im Geschäft mit Bewegtbildern Paroli bieten soll. Damit das gelingt, ist er unter anderem auf Silvio Berlusconi und dessen Mediaset-Konzern angewiesen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
sebiko 29.03.2016
1. Falsches aus der Wikipedia abgeschrieben
"Nebenbei kontrolliert er eines der sechs wichtigen Filmstudios in Hollywood." Die Universal-Studios wurden 2003 verkauft. NBC Universal hat mit Vivendi nichts mehr zu tun.
patihubi 29.03.2016
2.
Bewegtbild? Habt ihr deutsch vergessen oder was? Ist "video" als Wort zu amerikanisch?
jojack 29.03.2016
3. Spät dran
Netflix, Hulu, Amazon, Apple, Google und Co haben im Content-Geschäft etliche Jahre Vorsprung. Insofern ist erst einmal jeder Konkurrent spät dran, das wieder aufzuholen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass ein auf länderspezifische Geschmäcker ausgerichteter europäischer Anbieter vielleicht trotzdem nicht chancenlos ist.
Tiberias 29.03.2016
4. Nein, das passt
Zitat von patihubiBewegtbild? Habt ihr deutsch vergessen oder was? Ist "video" als Wort zu amerikanisch?
"Bewegtbild" ist wesentlich umfassender als nur Video. Wenn Herr Berlusconi mit von der Partie ist, wird der neue Anbieter bestimmt auch animierte GIFs mit Pornomotiven im Angebot haben ("Bewegtbild"). Sozusagen die technologische Weiterentwicklung des Daumenkinos :-)
dirkozoid 29.03.2016
5. Watchever?
Gehört nicht watchever zu Vivendi? Das sollte man vielleicht erwähnen. Und dazu kann man auch gleich sagen, dass es der schwächste der Streaming-Anbieter ist.
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