Volkswagen-Affäre 2016 kann ja nur besser werden

VW hat ein Horrorjahr hinter sich - und die Abgasaffäre ist längst nicht ausgestanden. Der Konzern muss sich komplett neu erfinden. Erste Anfänge sind gemacht.

Bauarbeiten im VW-Werk Wolfsburg: Vor VW liegt ein langer Weg
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Bauarbeiten im VW-Werk Wolfsburg: Vor VW liegt ein langer Weg

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Es gibt nicht wenige bei Volkswagen, die zur Not auch eine Milliarde drauflegen würden, auf all die Straf- und Schadensersatzzahlungen, wenn damit das Thema nur endlich erledigt wäre. Doch selbst ein Königreich würde nicht genügen, um den Zeitpunkt Null für den Neuanfang vorzuziehen. 2016, das lässt sich jetzt schon mit Sicherheit voraussagen, wird für die Wolfsburger ein Jahr der Unsicherheit bleiben - mit Negativschlagzeilen, immer neuen Enthüllungen und öffentlichen Vorwürfen.

Dabei waren schon die vergangenen neun Monate nicht ohne. Ein kurzer Rückblick.

Piëch kontra Winterkorn

Ursula Piëch, Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch 2013: Da war noch alles gut
REUTERS

Ursula Piëch, Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch 2013: Da war noch alles gut

Anfang April sorgte Konzern-Patriarch Ferdinand Piëch für den ersten großen Paukenschlag, als er seinen Protegé Martin Winterkorn im SPIEGEL infrage stellte. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", sagte der 78-Jährige. Solche wie beiläufig ausgesprochenen Sätze kennt man von dem Alten, sie lassen keinen Raum für Interpretationen. Fortan galt der Vorstandsvorsitzende als Mann auf Abruf.

Doch der Alte, wie sie ihn in den Fluren der Konzernverwaltung nennen, hatte die Rechnung ohne den Aufsichtsrat gemacht. Betriebsratschef Bernd Osterloh und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil - beide im Aufsichtsrat - stellten sich hinter Winterkorn. Und Piëch-Cousin Wolfgang Porsche und das VW-Präsidium ziehen nach.

Weil Piëch sich nicht geschlagen gab und weiterhin im Hintergrund die Abwahl Winterkorns auf der anstehenden Hauptversammlung betrieb, wird er schließlich zum Rücktritt gedrängt. Auch seine Frau und Vertraute Ursula muss den Aufsichtsrat verlassen.

Winterkorn hatte den Machtkampf zwar gewonnen, sein Nimbus als unumschränkter Herrscher aber war gebrochen. Zu viel ist in den Aprilwochen über seine Schwächen diskutiert worden, den Ansehensverlust konnte auch die Diskussion um eine vorzeitige Verlängerung seines Vertrags bis Ende 2018 nicht mehr wirklich wettmachen.

Paukenschlag aus den USA

EPA-Chefin Gina McCarthy: VW öffentlich an den Pranger gestellt
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EPA-Chefin Gina McCarthy: VW öffentlich an den Pranger gestellt

Sie endet ohnehin abrupt - am 23. September. Es ist der Tag, an dem das Präsidium des Aufsichtsrats den Vertrag offiziell absegnen will. Ausgerechnet an diesem Tag drängt sich ein Thema in den Mittelpunkt, dass den Konzern in seinen Grundfesten erschüttern wird. Der Abgasskandal. Eine Woche zuvor hatte Gina McCarthy, die Chefin der mächtigen US-Umweltbehörde EPA, VW wegen Unregelmäßigkeiten bei den Abgasmessungen öffentlich an den Pranger gestellt. Statt über letzte Details des Vertrags zu reden, muss Winterkorn jetzt erklären, was es mit den Vorwürfen auf sich hat.

Ein Schuldeingeständnis per Video rettet ihn nicht. Denn schnell wird klar, dass es sich um einen Skandal gewaltigen Ausmaßes handelt. Denn es sind elf Millionen Autos, deren Motorsteuerung erkennt, wenn gerade der Messzyklus auf dem Rollenprüfstand absolviert wird und dann auch die Filterstationen im Auspufftrakt aktiviert, die im Alltagsbetrieb abgeschaltet sind. Winterkorn muss auch erklären, warum seine Ingenieure nach den ersten Anfragen der EPA-Kontrolleure stillgehalten haben, anstatt gleich zu reagieren.

Untergangspropheten rechnen den Schaden bereits auf mehr als 100 Milliarden Dollar hoch, vorsichtige Schätzungen belaufen sich auf einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag.

Der neue Mann an der Spitze

Vorstandschef Müller: Die Furcht vor den autoritären Herrschern vertreiben
Getty Images

Vorstandschef Müller: Die Furcht vor den autoritären Herrschern vertreiben

Für den Konzern ein Drama. Wenige Monate zuvor schien es noch, als könnte Volkswagen sein Ziel, weltweit die Nummer eins der Branche zu werden, schon zwei Jahre früher erreichen. Zu den letzten Baustellen gehörte noch die Arbeit an der schmalen Rendite der Marke VW. Jetzt steht das Unternehmen ohne die beiden Führungsfiguren da, die es Jahrzehnte lang geprägt und den märchenhaften Aufstieg erst ermöglicht haben. Und die Reputation ist auch hin.

Die Aufgabe, Volkswagen da herauszuführen, fällt Matthias Müller zu. Als Chef von Porsche hat er genügend Abstand, um nicht vom Strudel der Abgasaffäre erfasst zu werden, nach rund 40 Jahren im Unternehmen verfügt er aber über das notwendige Netzwerk, um die Aufklärung vorantreiben zu können. Der zweite Teil der Aufgabe ist nicht einfacher. Es gilt, einen Kulturwandel herbeizuführen, Widerspruchsgeist und Kreativität zu wecken - und die Furcht vor den autoritären Herrschern der Vergangenheit zu vertreiben.

Müllers Counterpart im Aufsichtsrat wird der bisherige Finanzchef Hans Dieter Pötsch, ein Mann, der ebenso strategisch wie pragmatisch denkt. Dem nachgesagt wird, dass er die Mechanismen der Macht bei der Piëch/Winterkorn-Ära kennt, ohne ihnen nachzuweinen.

Pötsch und Müller wagen den Neuanfang

Chef-Duo Pötsch und Müller: Rotationen sollen Verkrustungen verhindern
DPA

Chef-Duo Pötsch und Müller: Rotationen sollen Verkrustungen verhindern

Die ersten Pflöcke haben beide bereits eingeschlagen. So sollen die einzelnen Bereiche im Konzern zukünftig eigenständiger agieren, Fachleute sollen nach einigen Jahren mit den Kollegen der anderen Marken tauschen, um Verkrustungen zu verhindern. Konkurrenzdenken bleibt der Antrieb, Fehler sind ausdrücklich erlaubt, Ressortegoismus ist künftig verpönt.

Es wird eine Zeit dauern, bis die Veränderungen wirken. Ebenso wie es dauern wird, bis die letzten Details der Abgasaffäre aufgedeckt sind. Rund 450 Revisoren, teils aus dem eigenen Hause, teils von der US-Kanzlei Jones Day und der Beratungsgesellschaft Deloitte arbeiten sich durch Akten, E-Mails und technische Aufzeichnungen. Sie befragen Manager und einfache Mitarbeiter, um zu erfahren, wer Anweisungen gab und was ihn dazu trieb. Die Antworten werden den wenigsten gefallen, aber damit rechnet auch niemand.

Ausweis für den Aufklärungswillen ist die Aufregung um falsche Angaben zu CO2-Emissionen von europäischen VWs, die eine Zeitlang als zweite Abgasaffäre galten. Ein Mitarbeiter hatte das Thema zur Sprache gebracht und die Konzernoberen waren damit sofort an die Öffentlichkeit gegangen - wohl aus Angst, erneut der Verschleppung geziehen zu werden. Am Ende löste sich das Ganze in Luft auf.

Für ein schnelles Ende der Gerichtsprozesse soll Kenneth Feinberg sorgen. Der amerikanische Rechtsanwalt besitzt einen guten Instinkt für Kompromisse, mit denen empörte Kunden und Geschädigte ebenso leben können wie die Konzerne. Seine Kanzlei soll ein Paket zur Entschädigung der 570.000 amerikanischen VW-Kunden ausarbeiten, deren Diesel-Pkw durch den Skandal deutlich an Wert verloren haben.

Im Januar entscheidet ein Richter in San Francisco darüber, wie viele der Sammelklagen zugelassen werden und welche Anwaltskanzleien das Mandat erhalten. Dann obliegt es Feinberg, möglichst viele Betroffene von einer außergerichtlichen Einigung zu überzeugen. Für Volkswagen wird das nicht unbedingt billiger - aber dann ist die Sache vom Tisch.

Zusammengefasst: Mit Hochdruck arbeiten Hundertschaften bei Volkswagen an der Aufklärung der Abgasaffäre. Einige unbequeme Wahrheiten werden dabei wohl noch ans Licht kommen. Doch die sind weniger ein Problem als die Zeit, die die Detektivarbeit noch in Anspruch nimmt. Denn erst nachdem die ganze Wahrheit auf dem Tisch liegt, ist der Neuanfang möglich.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
rantamplan 27.12.2015
1. Keine Angst..
solange die Medien hinter VW stehen und nicht die ganze Wahrheit über den Diesel und den VW Betrug berichten, wird der Unterbelichtete Europäer weiter Volksvergasungswagen kaufen.
Spiegelleserin57 27.12.2015
2. zu einfach!
Zitat von rantamplansolange die Medien hinter VW stehen und nicht die ganze Wahrheit über den Diesel und den VW Betrug berichten, wird der Unterbelichtete Europäer weiter Volksvergasungswagen kaufen.
denn es betrifft nicht nur VW der so gerne angeprangert wird sondern auch einige andere Autobauer. Auch sind einigen HU-Stelle die Akkreditierungen entzogen worden. Erstaunlicherweise werden die anderen Autobauer nur in kleinen Artikeln wenn überhaupt erwähnt. Außerdem geht es wohl auch um falsche Angaben in den Bedienungsanleitungen und nicht nur um Diesel sondern auch um Benziner, also die komplette Sparte Auto! Ich finde es sehr einseitig wenn nur immer VW erwähnt wird und nicht die ganze Problematik unter Nennung all der betroffenen Automarken und was sich da entwickelt hat. Der Kauf von VWs hat nur bedingt es etwas mit dem ganzen Skandal zu tun der weltweite Kriese zeiht. Es ist erschreckend wie schnell sich Menschen von den Medien beeinflussen lassen und nur EINE Zeitung lesen!
ray8 27.12.2015
3. Spannende Geschichte
Wann wurde jemals ein so großes System wie VW auf den Kopf gestellt? Das Jahr 2016 wird tatsächlich nicht minder spannend hinsichtlich der Prozesse intern und extern. Aber man sollte VW nicht unterschätzen. Die schiere Größe kann behäbig machen, aber tausende von exzellenten Ingenieuren, die jetzt an ihrer Ehre gepackt werden, können auch eine große Innovationskraft entfachen. Kein Auto-Konzern hat so ein bestechendes Marken-Portfolio! Letztlich kommt es schlicht darauf an, die Kunden wieder zu gewinnen. Mögliche Mrd-Strafen sind damit verglichen Peanuts für dieses Unternehmen.
observer2014 27.12.2015
4. Versagen der Politik
SPON spricht aus Angst vor Verlust von Werbeeinnhamen den eigentlichen Skandal gar nicht erst an: Das Versagen der Polilitk und Behörden bzw. deren Kungelei mit der Autoindustrie bei der Überprüfung und Durchsetzung von geltenden Abgaswerten im Realbetrieb konkret in den Innenstädten. Der größere Betrug an Wählern und Bürgern ist ja wohl, dass die festgelegten Grenzwerte reine Symbolik sind und im Realbetriebvon keinem Auto mit Verbrennungsmotor auch nur annähernd eingehalten werden. Wie auch. Ein Zweitonnen-SUV mit gefühlten ein Meter breiten Reifen kann im Stadtverkehr unmöglich die geltenden Werte einhalten. Deswegen kann es nur eine wahre und ehrliche Konsequenz aus dem sogenannten VW-Skandal geben. Fahrverbot in den Innenstädten für alle Fahrzeuge, die die Abgaswerte nicht einhalten. Für den innerstädtischen Verkehr stehen als Alternative Elektro oder Hybridfahrzeuge zur Verfügung. Außerdem ließe sich bereits mit erdgasbetriebenen Motoren der Schadstoffausstoß deutlich senken.
jackjackjack 27.12.2015
5. Strategie 2030
es wird sooooooo ganz langsam auch für VW Zeit eine Vision für 2030 zu präsentieren Wasserstoff, Li-Ion, Li-xy, xyz ,synthetische Treibstoffe ... aber bitte nichts mit fossilen Brennstoffen
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