Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Volkswagen-Affäre: Eigentor 

Von

Aufsichtsratschef Pötsch (l.), Konzernchef Müller Zur Großansicht
DPA

Aufsichtsratschef Pötsch (l.), Konzernchef Müller

VW wehrt sich gegen Klagen von Aktionären - mit einem mehr als 100 Seiten dicken Schriftstück. Doch die Aktion geht nach hinten los: Das Papier bringt Konzernboss Müller und Aufsichtsratschef Pötsch unter Druck.

Eigentlich hatte die Aktion Entlastung bringen sollen: Vor dem Oberlandesgericht Braunschweig strengten die Anwälte des VW-Konzerns ein Musterverfahren an, um den Vorwurf etlicher Kläger aus der Welt zu schaffen, man habe die Anleger nicht rechtzeitig über das Ausmaß der Abgasaffäre informiert.

Doch aus dem Befreiungsschlag wird wohl nichts. Im Gegenteil. Plötzlich geraten zwei Top-Manager in Rechtfertigungsnot, die ihre Jobs nicht zuletzt deshalb bekommen haben, weil sie als unbelastet galten: der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch.

Die beiden wussten womöglich schon früher über Tricks bei den Abgaswerten Bescheid. Müller war damals Chef der VW-Tochter Porsche. Pötsch saß als Finanzchef im Vorstand - und hätte die für den Aktienkurs relevanten Informationen möglicherweise in Form einer sogenannten Ad-hoc-Mitteilung veröffentlichen müssen. So jedenfalls sehen es die Kritiker und Kläger.

Neue Nahrung erhalten die Vorwürfe ausgerechnet durch die mehr als 100 Seiten umfassende sogenannte Klageerwiderung von VW, in der die Anwälte des Konzerns detailliert zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Demnach hat der Konzern die Öffentlichkeit rechtzeitig über die Affäre informiert, sobald ausreichend Fakten auf dem Tisch lagen, um das Ausmaß annähernd abschätzen zu können.

Zwar seien ab Mai 2015 erste Hinweise zum Vorstand vorgedrungen, dass illegale Software eingesetzt worden sein könnte, um die strengen Abgasvorschriften in den USA zu erfüllen. Doch die Techniker der betreffenden Abteilungen hätten auch auf intensive Nachfragen hin nur zögerlich Informationen preisgegeben.

Die Behinderungen bei der internen Aufklärung hätten schließlich dazu geführt, dass VW sich am 3. September 2015 den US-Umweltbehörden EPA und CARB offenbarte, ohne wirklich über das Ausmaß des Betrugs im Bilde zu sein. Die verfügbaren Informationen hätten aber der Hoffnung Nahrung gegeben, eine Einigung mit den Aufsehern zu finden, das kalkulierte Strafgeld habe mit einem dreistelligen Millionenbetrag unter der kursrelevanten Schwelle gelegen.

Zweifel an den Einlassungen des VW-Vorstands

Glaubt man dieser Darstellung der VW-Verteidiger, hätte der Gang an die Öffentlichkeit unter diesen Umständen den Interessen der Anleger eher geschadet als genutzt. Von einer (schadensersatzpflichtigen) Pflichtverletzung könne deshalb keine Rede sein.

Das sieht Klägervertreter Andreas Tilp ganz anders. Aus seiner Sicht sind die Einlassungen des VW-Vorstands, das Ausmaß des Skandals sei nicht zu erahnen gewesen, unglaubwürdig. "Durch den Musterklageantrag haben sich die Chancen auf einen Prozesserfolg deutlich erhöht", sagt der Tübinger Anlegeranwalt.

Abseits des Anlegerprozesses liefert die Klageerwiderung jedoch noch einige aufschlussreiche Details, die die Rollen von Müller und Pötsch unter Umständen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Bislang nämlich hatten die beiden Top-Manager wiederholt erklärt, dass sie von den Betrügereien mit der Manipulationssoftware lange Zeit nichts erfahren hätten. Die Klageerwiderung legt nun zumindest den Verdacht nahe, dass das falsch ist.

Das Thema lag im Vorstand auf dem Tisch

Bereits am vergangenen Freitag war bekannt geworden, dass Müllers Vorgänger Martin Winterkorn schon im Mai 2014 von Unregelmäßigkeiten bei den US-Abgastests und den Ermittlungen von EPA und CARB erfahren hatte. Wenige Wochen später lag das Thema noch einmal auf dem Tisch - und zwar im Vorstand.

Man diskutierte über die Frage, inwieweit der erhöhte Stickoxidausstoß durch einen Rückruf zu beheben sei, der rund 20 Millionen Euro kosten sollte. Beteiligt war nach Informationen des "Handelsblatts" jedenfalls das Ressort von Pötsch. Aber auch Müller soll davon erfahren haben - laut "Bild am Sonntag" spätestens am 8. September 2015, als Winterkorn während der dienstäglichen Vorstandssitzung das Thema ansprach.

Trotz der alarmierenden Fakten beschloss die Runde demnach, die Sache vorerst unter Verschluss zu halten, eben weil man auf eine kostengünstige gütliche Einigung mit EPA und CARB hoffte. Eine krasse Fehleinschätzung, wie sich am 18. September zeigte: Da machte EPA-Chefin Gina McCarthy den Skandal öffentlich.

Kritiker wie der Duisburger Professor für Automobilwirtschaft, Ferdinand Dudenhöffer, fordern nach den jüngsten Enthüllungen die Ablösung von Müller und Pötsch, um dem Konzern "einen wirklichen personellen Neuanfang" zu ermöglichen.

Noch perlen solche Rücktrittsforderungen von außen am VW-Management weitgehend ab. Erst recht, nachdem Aufsichtsrat Wolfgang Porsche dem VW-Chef an diesem Montag noch einmal das Vertrauen ausgesprochen hat. "Ich finde, dass Matthias Müller einen wirklich guten Job macht", sagte der Großaktionär. "Ich hoffe, er macht den Job noch lange." Konzern und Aufsichtsrat sollten nicht von externen Managern geleitet werden, die das Unternehmen nicht kennen. Auch Pötsch stellte er nicht infrage.

Vom Tisch ist das Thema damit aber noch nicht. Spätestens bei der Hauptversammlung am 22. Juni dürfte es wieder relevant werden.

Zum Autor
Michael Kröger
Arne Siemeit

Michael Kröger ist Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in Berlin.

Mehr Artikel von Michael Kröger

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schon erstaunlich
tageskolumne 07.03.2016
Es ist schon erstaunlich: da legt VW ein Papier vor, dass den Hergang des sog. Abgas-Skandals transparenter macht - und alle Welt zieht sofort wieder über den Konzern her. Dabei ist nun nur noch einmal bestätigt worden, dass der sog. Skandal gar nicht von einer US Umweltbehörde aufgedeckt wurde. Sondern VW selbst hat die sog. Schummel-Software bei den US-Behörden angezeigt, und eine Lösung für dieses Problem erörtert. VW hat sich also gewissermaßen selbst angezeigt und konstruktiv an dem Problem gearbeitet. Dass das Problem dann einseitig öffentlich gemacht wurde, und es in wenig sachlicher Weise skandalisiert wurde, ist nicht die Schuld von VW. Und strafbar gemacht hat sich die Autoforma dadurch auch kaum. Es sollte daher nun mal endlich aufgehört werden, hier wild zu hetzen. Damit ist niemandem geholfen. Auch nicht der Umwelt, wie oft heuchlerisch angemerkt wird.
2. Das Wissen um die Schummelsoftware ist alt
thomasbär 07.03.2016
2013 wunderte sich die auto motor und sport über die Fahrleistungen von BMW M5, Audi RS 6, die nicht zu den angegebenen "nur" 560 PS passten. Nachmessungen ergaben dann auch bis zu 620 PS, nur der Porsche Panamera Turbo S war clean. Erklärung damals: "Prüfstandserkennungssoftware" begrenzt die Leistung auf nicht gar so auffällige Werte. Und in den frühen 1980ern, vor der Softwarelösung, konnte man als Maschinenbaustudent mit Prüfstandsfahrten Geld verdienen - Einblick in Schummelpraktiken inklusive.
3. Ich kann Es nicht so gut erkennen,....
joG 07.03.2016
.....wie Herr Porsche, wie gut Herr Müller seinen Job macht. Sicher scheint mir, dass Es ziemlich unwahrscheinlich scheint, dass ein Vorstand nicht wusste, dass in der Unternehmung, die er leitete und seit längerem angehörte, den Absatz in einem wesentlichen und dafür bekannten, dass Betrug, Umweltverbrechen und schäden an Menschen ernst genommen und zerstörerisch teuer sind durch eben diese erreicht wurde. Wenn er es nicht wusste, war es aber eigentlich nicht besser. Er hätte dann Es nicht geschafft seinen Job zu machen mit katastrophalen Folgen.
4. Salamitaktik und Vertrauensverlust mit Ansage
monika-fo 07.03.2016
So stellt VW mit Sicherheit kein Vertrauen wieder her. Autobesitzer in deren Fahrzeug die Betrugssoftware zum Einsatz kommt werden ungleich behandelt. Scheibchenweise wird bekannt, dass der Vorstand wohl doch mehr und früher von den Betrügereien gewusst haben soll. Außerdem stinkt es ja wohl zum Himmel zu behaupten, die Techniker hätten gemauert. Dafür gibt es Interne Revisionen, die finden sehr schnell heraus was der Vorstand wissen muss und will. Oder aber die Angstkultur bei VW ist soweit fortgeschritten, dass selbst die Revision auf beiden Augen blind war. VW wird nur Vertrauen wiederherstellen können, indem richtig ausgemistet wird und personell aufgeräumt wird. Geschädigte Autobesitzer sind finanziell US-Buergern gleichzustellen bzw. VW kauft die Fahrzeuge zurück, sofern dies verlangt wird. Selbstverständlich sind Aktionäre ebenfalls zu entschädigen. Leider muss wohl ein Grossteil der Entschädigungsleistungen gerichtlich festgestellt werden. VW wird dadurch nicht vertrauenswürdiger.
5. Ja wer denn eigentlich
Frankrde 07.03.2016
Wann immer ich darüber lese, frage ich mich, wer denn nun eigentlich nicht bemerkt hat, dass offenbar aus Versehen bei VW ein Riesenbetrug am Laufen war. Habe ich verpasst, als da Namen genannt wurden ? Ich lese jedenfalls immer nur wer alles von nichts eine Ahnung hatte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: