Abgasaffäre Allianz-Tochter will VW auf Schadensersatz verklagen

VW droht der nächste Ärger: Auch der Allianz-Konzern will offenbar wegen der Abgasaffäre gegen den Autobauer vorgehen. Die französische Justiz hat indes ihre Ermittlungen ausgeweitet.

VW-Touran auf dem Prüfstand
Spiegel Online

VW-Touran auf dem Prüfstand


Auf der Betriebsversammlung wollte VW-Vorstandschef Matthias Müller den Beschäftigten Mut zusprechen - und rief sie zur Geschlossenheit auf. Die kann der Konzern auch gebrauchen: Denn Volkswagen drohen wegen der Abgasaffäre nun auch in Deutschland hohe Schadensersatzforderungen von Investoren. Die Allianz Chart zeigen werde sich über ihren Vermögensverwalter AGI in den nächsten Tagen voraussichtlich an einer Sammelklage gegen den Autobauer beteiligen, heißt es aus Finanzkreisen.

Wie andere Kläger werde auch AGI geltend machen, dass VW zu spät über die Manipulationen an Dieselfahrzeugen informiert, und damit die Pflicht zur Veröffentlichung potenziell aktienkursbewegender Erkenntnisse verletzt habe. Auch andere große Investmenthäuser in Deutschland prüfen Finanzkreisen zufolge eine Klage.

"Bisher wurde keine Klage gegen Volkswagen eingereicht", sagte ein Sprecher der Allianz-Tochter auf Anfrage. Im Interesse der Kunden sei man allerdings verpflichtet, mögliche Ansprüche zu prüfen. Von Privatanlegern wiederum liegen dem Landgericht Braunschweig bereits mehrere Klagen vor, die wegen des Kursverfalls der VW-Aktie Chart zeigen Schadensersatz fordern.

Der Wolfsburger Konzern hatte die Klagen stets als unbegründet zurückgewiesen. Dem Vorstand seien erst am 18. September 2015 - unmittelbar bevor der Skandal öffentlich wurde - wesentliche Informationen rund um die Manipulation von Diesel-Motoren bekannt geworden, argumentierte VW. Zu der neuesten Entwicklung wollte sich Volkswagen nicht äußern.

Französische Justiz ermittelt wegen schweren Betrugs

AGI zählt zu den größten Asset-Management-Firmen der Welt und verwaltet nach eigenen Angaben Vermögen in Höhe von 427 Milliarden Euro. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters hält AGI 0,06 Prozent an VW.

Die Fondsgesellschaft ist damit zwar nur ein kleinerer Aktionär. Dass die Allianz gegen den Autobauer vorgeht, sorgt aber trotzdem für Aufmerksamkeit, schließlich arbeiten beide Konzerne im Tagesgeschäft eng zusammen. So gibt es etwa ein Gemeinschaftsunternehmen in der Autoversicherung. Außerdem gehört die Allianz zu jenen Versicherern, die als Konsortium potenzielle Fehler der VW-Manager finanziell absichern. Solche Versicherungen werden von den Unternehmen abgeschlossen und bezahlt, weil Schadensersatzforderungen das Vermögen von Vorständen meist deutlich übersteigen.

In Braunschweig wiederum ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen 17 Verdächtige. Und auch die französische Justiz hat ihre Ermittlungen gegen den deutschen Autobauer ausgeweitet. Die Pariser Staatsanwaltschaft leitete Mitte Februar eine sogenannte richterliche Voruntersuchung wegen schweren Betrugs gegen Volkswagen ein, wie am Dienstag bekannt wurde. Drei Untersuchungsrichter leiten nun die Ermittlungen zu den Software-Manipulationen. In Frankreich ist es üblich, dass bei komplexeren Fällen Untersuchungsrichter eingeschaltet werden.

In Frankreich sind rund 950.000 Autos von der Affäre betroffen. Im Zuge der Ermittlungen hatten die Behörden im Oktober auch den VW-Sitz in dem Land durchsucht. Die dem Pariser Wirtschaftsministerium unterstehende Anti-Betrugs-Behörde war ebenfalls aktiv geworden. Sie betonte, dass mehrere Elemente den absichtlichen Charakter des Betrugs belegt hätten.

In den USA, wo der Abgas-Skandal durch die Umweltbehörde EPA öffentlich gemacht worden war, steht eine Strafe von bis zu 46 Milliarden Dollar im Raum. Die Summe dürfte nach Einschätzung von Juristen allerdings deutlich niedriger ausfallen, wie frühere Fälle vermuten lassen. Experten schätzen, dass der Abgasskandal einschließlich Schadensersatzzahlungen am Ende mehr als 30 Milliarden Euro kosten könnte. Allein in den USA sind bereits mehr als 500 Sammelklagen eingegangen.

apr/Reuters/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.