Wolfsburg Angst vor Jobabbau bei VW

Bei der Betriebsversammlung will VW-Chef Matthias Müller den Mitarbeitern Mut zusprechen - doch das gelingt nicht wirklich. Betriebsratschef Bernd Osterloh warnt vor einem Jobabbau.

VW-Betriebsversammlung
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VW-Betriebsversammlung


Die Botschaft war eindeutig: "Ein Team. Eine Familie.", stand auf den T-Shirts, die sich die Volkswagen-Mitarbeiter übergezogen hatten. Das war auf der VW-Betriebsversammlung im Oktober 2015, wenige Wochen nach Beginn der Abgasaffäre.

Heute ist die Stimmung längst nicht mehr so optimistisch. Es ist viel passiert in den vergangenen fünf Monaten: In den USA drohen dem VW-Konzern Strafen in Milliardenhöhe. Der Vorstand soll schon früher als bislang zugegeben von den Tricks gewusst haben, sieht die Verantwortung jedoch bei einzelnen Mitarbeiten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 17 Angestellte. Jüngst erklärte Aufsichtsrat Wolfgang Porsche, auch schwierige Themen wie Entlassungen dürften kein Tabu sein.

Entsprechend gedrückt ist die Atmosphäre an diesem Dienstag in Wolfsburg. Wieder sind mehr als 20.000 Mitarbeiter in die große Halle am Stammwerk des Autobauers gekommen, es ist die dritte Betriebsversammlung seit Bekanntwerden der Manipulationen. Nur wenige haben die VW-T-Shirts mit dem Slogan wieder an. Die Solidarität ist zwar noch immer groß, die Sorgen sind es inzwischen aber auch.

Weil warnt vor schlechten Nachrichten

Vorstandschef Matthias Müller will den Angestellten "heute Mut zusprechen" und ruft sie zur Geschlossenheit auf. "Volkswagen war in der Vergangenheit immer wieder mit großen Herausforderungen konfrontiert." Es sei aber auch immer wieder gelungen, sich in Krisenzeiten neu auszurichten, "zu restrukturieren und - zum Beispiel durch neue Aufgaben - für sichere Beschäftigung zu sorgen".

Osterloh, Pötsch, Weil und Müller
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Osterloh, Pötsch, Weil und Müller

Doch das kann den Angestellten ihre Angst um ihre Jobs und ihre Zukunft nicht nehmen. Betriebsratschef Bernd Osterloh wird in seiner Rede deutlich: "Sollte die Zukunftsfähigkeit von Volkswagen durch eine Strafzahlung in bislang einmaliger Höhe nachhaltig gefährdet werden, wird dieses auch dramatische soziale Folgen haben - nicht nur an unseren US-amerikanischen Standorten, sondern auch in Europa und anderswo."

Verantwortung für Mitarbeiter

Auch die Worte von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sind nur bedingt zum Aufmuntern geeignet. Da das Bundesland zweitgrößter Aktionär beim Autobauer ist, sitzt Weil mit im Aufsichtsrat. Die Zeit schlechter Nachrichten infolge der Krise sei wohl noch nicht vorbei, sagt der SPD-Politiker. "Wir werden in diesem Jahr immer mal wieder mit unangenehmen Nachrichten im Zusammenhang mit 'Dieselgate' konfrontiert werden." Weiter geht er auf seine Warnung nicht ein.

Die Ersten haben die Folgen der Krise bereits zu spüren bekommen: Hunderte Leiharbeiter mussten gehen, zuletzt wurden die Verträge in den Werken in Emden und Hannover nicht verlängert. Ministerpräsident Weil verkündet nun, dass die Verantwortung von VW für die Betroffenen damit nicht ende. Die für ihre Betreuung und Vermittlung zuständige Firma Autovision müsse den Betroffenen Beschäftigungsmöglichkeiten an anderen Stellen eröffnen, fordert Weil. Und klingt dann doch noch optimistisch: Glücklicherweise sei der Arbeitsmarkt in Niedersachsen "derzeit ausgesprochen aufnahmebereit".

brk/dpa

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insgesamt 105 Beiträge
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joe_ 08.03.2016
1.
Es betrifft ja "nur" den normalen Maloocher. Ein Herr Winterkorn ruht sich auf seiner immer noch fetten Pension aus, statt im Knast zu sitzen.
unbekanntgeblieben 08.03.2016
2. Vorschlag
Die Strafen könen die Manger oder anderen High-Ups (deren Gegenleistung für das Gehalt eigentlich, Verantwortung und Konsequenz sind) von ihrem Gehalt bezahlen, alle behalten ihren Job und keiner muss dauerhaft leiden. Konzern wird nicht belastet. Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass die Idee einer Schummel-Software nicht über höhere Kreise gelaufen ist. Das ist anders bei Zeiterfassung nicht möglich und sowas kann nicht von einer Hand Mitarbeiter unbemerkt geplant und ausgeführt worden sein. Sonst kann man erst Recht das Management für Schlammpigkeit feuern. Ich kann nur drohen für die Sauerei mir kein Auto bei euch zu kaufen ...
f_eu 08.03.2016
3.
Da stöhnt eine privilegierte Arbeitnehmerschaft, mit einem Betriebsratschef Osterloh, der mehr als die Bundeskanzlerin verdient, auf sehr hohem Niveau.
lynx2 08.03.2016
4. Sauerei!
Sollte nur 1 Job verloren gehen, wegen des Dieselbetrugs, dann gehört dieser Laden total bestreikt. Das Management (überbezahlt, unfähig und ausgestattet mit krimineller Energie) hat diese Suppe eingebrockt. Es gehört entlassen, sofort und ohne Mio.-Abfindungen.
rathat 08.03.2016
5. Problem?
Da haben tausende Mitarbeiter Jahrzehnte lang gut davon gelebt, dass das Unternehmen, in dem Sie gearbeitet haben, ihnen durch wettbewerbsverzerrende Betrügereien und Gesetzesverstöße, von denen heute natürlich niemand niemand gewusst haben will, selbst im Vergleich zur Premium-Konkurrenz überdurchschnittliche Löhne zahlen konnte, und nun, da das Lügengerüst langsam zusammen bricht und vergeblich versucht wird, dieses durch immer weiteren Lügen des ach so unbelasteten Vorstandes aufrecht zu erhalten, aber der Untergang immer deutlicher wird, beschweren sich eben jene Mitarbeiter, wenn nun Entlassungen anstehen. Mein Mitleid für Personen, welche tagtäglich dafür gesorgt haben, dass ihr Unternehmen Massenvernichtungswaffen - anders kann man es nicht nennen - in den Verkauf bringt, hält sich in Grenzen. Die vollkommene Ignoranz und Überheblichkeit des Gesamtkonzerns ist eben auch bis in die Belegschaft vorgedrungen.
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