VW-Abgasskandal Zirkel der Schuldigen

Wer trägt die Schuld am VW-Desaster? Die wichtigsten Köpfe des Aufsichtsrats bekommen heute erste Ergebnisse der internen Prüfung.

VW-Logo: Und was wusste Piëch?
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VW-Logo: Und was wusste Piëch?

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Der Aufsichtsrat von Volkswagen treibt die Aufklärung des Abgasskandals voran. Die Sondersitzungen des mächtigen Präsidiums haben längst keinen Ausnahmecharakter mehr. Beinahe wöchentlich rufen Interims-Chefaufseher Berthold Huber, Wolfgang Porsche, Betriebsratschef Bernd Osterloh und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil die Ermittler zum Rapport.

Auch am Mittwochabend trifft sich das Gremium. Im Mittelpunkt werden wieder wichtige Personalentscheidungen stehen. Besonders spannend ist die Frage, ob Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch tatsächlich sein Amt als Aufsichtsratschef antreten darf. Eine Prognose ist nicht ganz einfach, denn es gibt durchaus Widerstand gegen den Finanzexperten - auch wenn der Porsche-Piëch-Clan nach wie vor hinter ihm steht, wie es aus dem Umfeld der Familie heißt.

Die Entscheidung dürfte auch von den Erkenntnissen der Konzerndetektive abhängen. Kommen Details ans Licht, die den Beweis liefern, dass Pötsch von den Manipulationen Kenntnis hatte - oder gehabt haben könnte -, dann dürfte es schwierig für ihn werden.

Schon jetzt sieht die Bilanz, nach allem, was bisher bekannt geworden ist, erschreckend aus. Rund elf Millionen Fahrzeuge sind mit dem inzwischen berüchtigten Motor mit der Kennung EA 189 ausgerüstet, davon rund 2,8 Millionen in Deutschland, etwas mehr als 360.000 in Österreich, mehr als 900.000 in Frankreich und weitere 1,2 Millionen in Großbritannien. Offen ist noch, wie viele davon die in dem jeweiligen Land gültigen Schadstoffgrenzen überschreiten, und ob das Problem durch technische Nachrüstung zu beheben ist.

Wer verantwortlich ist

Täglich wächst auch die Zahl der Schadensersatzklagen. Zuerst von enttäuschten US-Kunden, die jetzt vor weitgehend unverkäuflichen Autos stehen, aber auch von Aktienbesitzern, die noch nach dem 8. September VW-Papiere Chart zeigen gekauft hatten. An dem Tag hatte der Konzern gegenüber der US-Umweltbehörde EPA seine Schuld eingestanden - den Finanzmärkten aber eine Gewinnwarnung vorenthalten.

Auch zeichnet sich allmählich ab, wer die Verantwortung für das Desaster trägt. Zwar weist die gerichtlich verwertbare Beweiskette noch Lücken auf, doch bei der Managementkultur im Hause Volkswagen kann man getrost davon ausgehen, dass nicht einige Jungfüchse in der Motorenentwicklung die millionenfache Manipulation ausgeheckt haben.

Schon 2005 unter der Ägide der damaligen Chefs Bernd Pischetsrieder (Konzern) und Wolfgang Bernhard (Marke VW) machten die Ingenieure klar, dass der neue Diesel-Vierzylinder nicht mit einfachen Mitteln zu entgiften ist. Damals allerdings, so lautet sinngemäß die eidesstattliche Versicherung beider Top-Manager, sei noch keine Entscheidung über die Abgasreinigung gefallen.

2007 schließlich übernahm Martin Winterkorn den Vorstandsvorsitz von Pischetsrieder. Mit ihm kamen Ulrich Hackenberg als Entwicklungschef und Wolfgang Hatz, der für die Motoren verantwortlich sein sollte. Ob ihnen nachzuweisen ist, dass sie die Softwaremanipulation explizit befahlen, ist noch nicht klar. Doch auch die unausgesprochenen Wünsche der Oberen galten bei VW als Befehl. Wer an seinem Posten hing oder gar Karriere machen wollte, präsentierte Lösungen statt Einwände.

Belastende Indizien

Dass den technisch hochbegabten Bossen Winterkorn und Hackenberg die Abgasproblematik des Triebwerks verborgen geblieben sein könnte, ist kaum vorstellbar. Und wenn nicht am Anfang, so musste es ihnen jedenfalls bei der nächsten Modellpflege klar geworden sein. Denn der Motor wurde im Laufe der Jahre immer wieder verfeinert und an verschärfte Abgasgrenzwerte angepasst. Wieso schaffte der kleine Vierzylinder diese Hürde jedes Mal, während für die bauartbedingt weniger kritischen Sechs- und Achtzylinder immer aufwendigere Verfahren zur Abgasreinigung notwendig wurden?

Auch der seit 2011 für die Motoren der Marke VW verantwortliche Heinz-Jakob Neußer gilt als Mitwisser und wurde deswegen ebenfalls bereits suspendiert. Kaum wenige Monate im Amt, soll er von einem Techniker über die Manipulationen informiert worden sein. Neußer wehrt sich ebenso wie Hackenberg gegen den Rausschmiss, doch die Indizien wiegen schwer.

Eine Frage ist allerdings noch offen: Inwieweit war der damalige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch in die Vorgänge eingeweiht? Dem versierten Motorentechniker kann nicht entgangen sein, dass hier anders als bei den größeren Aggregaten vergleichsweise billige Technik zum Einsatz kam. Einer wie Piëch aber fragte schon bei viel unbedeutenderen Details nach.

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Zusammengefasst: Der Aufsichtsrat von VW versucht, die Abgasaffäre aufzuklären. Die wichtigsten Verantwortlichen haben sie bereits identifiziert. Das Stühlerücken in der Top-Etage des Konzerns geht schnell voran, die Frage nach dem künftigen Chef des Aufsichtsrats ist dagegen noch ungeklärt.

insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
bartsuisse 30.09.2015
1. und das Traurige daran
beim schuftenden Volk kommt nichts an vom Betrug. 18. im Durchschnitt im Lebensstandard aber 4. im Wettbewerb trotz Betrug. Arme Deutschen
Spiegelleserin57 30.09.2015
2. warum nicht, viel Technik, sehr kompliziert und schnell defekt..
"Wieso schaffte der kleine Vierzylinder diese Hürde jedes Mal, während für die bauartbedingt weniger kritischen Sechs- und Achtzylinder immer aufwendigere Verfahren zur Abgasreinigung notwendig wurden?" was heißt bauartbedingt? Das diese vergleichsweise großen Autos aufwendigere Motoren haben dürfte doch nachvollziehbar sein und auc h die ganze Technik die hochwertigeren Autos dürfte eine andere sein. Wen wundert es also dass die Abgasreinigung nicht auch komplizierter ist als bei einem kleineren Auto! Das ist doch sehr gut nachvollziehbar oder?
Spiegelleserin57 30.09.2015
3. abwarten und Tee trinken...
das Leben geht weiter und VW wird wissen was der Konzern tut...also wozu die Vermutungen?
didi2212 30.09.2015
4. Gewusst haben es wohl alle Führunskräfte..
aber solange kein Schriftstück oder Datensatz dieses Wissen untermauern, können sie, unter Einbezug der Verantwortlichkeit im jeweiligen Bereich, gekündigt werden..... haftbar machen kann man sie leider nicht!
fortune423-xxx 30.09.2015
5.
Die Fahndung nach einem Alleinschuldigen wird bald Erfolg haben. Denn es gibt bereits ein konkretes Täterprofil: Techniker aus dem mittleren Management mit Wohnsitz Friedhof oder Klappsmühle.
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