Konkurrenz durch Google & Co. Volkswagen-Chef erwägt Zukäufe von Softwarefirmen

Im Wettrennen um die Elektromobilität schätzt VW-Chef Diess die Gewinnchancen der deutschen Autobauer auf 50 Prozent ein. Zukäufe von Softwareunternehmen könnten bei der digitalen Transformation helfen.

Herbert Diess
DPA

Herbert Diess


Geht es nach VW-Chef Herbert Diess, müssen die deutschen Autobauer sich kräftig anstrengen, um bei der Entwicklung intelligenter Autos nicht zurückzubleiben. Sonst würden Softwarekonzerne wie Google und Amazon das Feld übernehmen. Das sagte er dem "Handelsblatt".

Die deutschen Autohersteller würden das Wettrennen um die neue Mobilität nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent gewinnen. Diese frühere Einschätzung bekräftigte der Manager in dem Interview. "Ich halte sie für ziemlich realistisch. Wir müssen in der aktuellen Situation aufrütteln, deshalb rede ich lieber Klartext", sagte er der Zeitung. Mit dem Elektroantrieb gebe es für die Hersteller weniger Unterscheidungsmöglichkeiten, sagte Diess. "Eine Differenzierungsmöglichkeit bietet vor allem die Intelligenz des Autos."

Software im Auto spiele die entscheidende Rolle: "Doch wenn wir ganz ehrlich sind: Das ist bisher nicht die Domäne der deutschen Autohersteller, das können Konzerne wie Google und Amazon noch deutlich besser." Klar sei aber auch: "Wir müssen die digitale Transformation bewältigen, wenn wir überleben wollen."

"Extrem schneller Kompetenzaufbau"

Der VW-Chef kündigte zusätzliche Anstrengungen an - auch durch Übernahmen oder Partnerschaften mit anderen Unternehmen wolle Volkswagen sich die entsprechenden Fähigkeiten erschließen. Details nannte er in dem Interview nicht, kündigte aber "weitere Ergebnisse" in den kommenden Monaten an. "Wir brauchen hier einen extrem schnellen Kompetenzaufbau", sagte er. "Schwächen darf sich ein Konzern wie Volkswagen nicht erlauben."

Von 10.000 Entwicklern in Wolfsburg arbeiten laut Diess nur wenige Hundert im Softwarebereich. "Also müssen wir uns diese Fähigkeiten erschließen, auch durch Partnerschaften mit anderen Unternehmen", sagte der VW-Chef. Auch über den Zukauf von Software-Unternehmen denkt er nach. "Hier werden wir in den kommenden Monaten weitere Ergebnisse sehen."

Das Auto der Zukunft werde voll vernetzt wie ein Smartphone sein, Software-Updates für neue Funktionen sollten "over the air" erfolgen, also ohne Kabelverbindung und ohne Werkstattbesuch, sagte Diess weiter. Außerdem müssten die Hersteller bei der Auswertung der Daten besser werden - es gebe immer noch zu viele Autofahrer, die sich unterwegs lieber auf Handy-Informationen statt auf die Navigationsgeräte der Autobauer verließen. Mit der Vernetzung der Autos werde sich die Zeit der Internetnutzung weltweit in etwa verdoppeln, sagte Diess. "Da entstehen ganz neue Märkte."

Trotz neuer Konkurrenten wie Tesla oder Tech-Unternehmen in den USA gebe es gute Chancen im Wettbewerb. "Das werden wir auch zeigen, wenn wir in den nächsten zwei Jahren mit unserer Elektrooffensive beginnen."

Volkswagen setze auf den Elektroantrieb, dennoch warnte Diess vor Euphorie. Der Strom zum Betrieb der Autos und auch zur Produktion der Akkus müsse möglichst kohlendioxidfrei produziert werden, wenn der E-Antrieb sinnvoll sein solle. Er selbst favorisiere Investitionen von Autozulieferern, weniger von den Autobauern selbst, sagte Diess. Für einen rentablen Betrieb komme es auf hohe Stückzahlen an.

"Ich finde es erschreckend, dass wir in diese große Abhängigkeit geraten sind."

Eine hohe Belastung sieht der Volkswagen-Chef dabei in der enormen Marktmacht asiatischer Anbieter bei Batteriezellen für E-Autos. Es sei aber noch nicht zu spät, in die Batteriefertigung einzusteigen, sagte der Manager in dem Interview. "Ich finde es erschreckend, dass wir in diese große Abhängigkeit geraten sind." Bis 2025 geht er von einem potenziellen Umsatz von bis zu 60 Milliarden Euro mit Auto-Akkus aus.

Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte eine VW-eigene Produktion von Batteriezellen zuletzt nicht ausgeschlossen. Im Werk Salzgitter wird eine Pilotfertigung von Zellen aufgebaut, um Erfahrungen zu sammeln.

Anfang Juli war außerdem der Vertrag für ein Großprojekt des chinesischen Herstellers CATL in Thüringen unterzeichnet worden. Dort soll eine der größten Batteriezellen-Fabriken für Elektroautos in Europa entstehen - als erster Kunde vergab der VW-Rivale BMW einen Milliarden-Auftrag. Diess sagte dem "Handelsblatt": "Die Chinesen zeigen in Deutschland ja gerade, dass der Einstieg auch mit etwas Verspätung machbar ist."

Volkswagen, Daimler und BMW kaufen Zellen bisher in Asien und bauen diese dann selbst zu großen Akkus zusammen. Eine noch größere Herausforderung als der Einstieg in die Elektromobilität sei es allerdings, "das Auto nahtlos mit dem Internet zu verbinden."

ire/dpa-AFX/AFP

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.