Volkswagen-Chef Müller in den USA Angeschlagener Leitgolf

Volkswagen-Chef Matthias Müller reist am Wochenende in die USA, um über die Abgasaffäre zu sprechen. Dabei wird sich zeigen, ob er der Anführer der Aufklärer ist - oder die Marionette der Vertuscher.

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Volkswagen-Chef Müller: Geduld erschöpft
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Volkswagen-Chef Müller: Geduld erschöpft


Matthias Müller hat ein Problem: sein Image. Sowohl in Deutschland als auch in den USA wirkt der Volkswagen-Chef mit der Aufklärung des Skandals um manipulierte Abgaswerte überfordert - oder wird zumindest öffentlich als überfordert dargestellt. Ab dem Wochenende nun hat er die Chance, sein Image aufzupolieren.

Dann beginnt er eine längere US-Reise, in deren Verlauf er sich unter anderem mit Gina McCarthy, der Chefin der US-Umweltbehörde EPA, zusammensetzen wird. Ziele des VW-Chefs: die Wogen glätten, der Lösung des Abgasskandals ein paar Schritte näher kommen. Sprich: Er will zeigen, dass er die Krise eben doch im Griff hat.

Einfach wird das nicht.

Als Matthias Müller Ende September den Chefposten des VW-Konzerns übernahm, herrschte Chaos bei VW. Für die Suche nach Fehlern blieb kaum Zeit, ebenso wenig wie für eine notwendige Kurskorrektur. Auf Kredit von der Außenwelt durfte Müller nicht bauen: Die Empörung, die Volkswagen speziell in den USA entgegenschlug, war zu groß.

Anfang dieser Woche stieg die Fieberkurve wieder an. Das US-Justizministerium reichte bei einem Gericht im US-Bundesstaat Michigan eine Zivilklage gegen den VW-Konzern ein. Es machte damit klar, dass es mit der Aufklärung der Abgasaffäre bislang alles andere als zufrieden ist. Die Vorwürfe des Ministeriums sind drastisch, die Strafandrohung auch. Analysten schätzen, dass allein nach diesem Verfahren ein niedriger zweistelliger Milliardenbetrag auf der Rechnung stehen könnte.

US-Ermittler im Angriffsmodus

Viel spricht dafür, dass die Staatsanwälte den Zeitpunkt sorgfältig ausgewählt haben, um ihre eigene Position vor Gericht zu stärken. Scharf formulierte Vorwürfe gehören zur Prozessstrategie, ebenso wie der Moment der Streitverkündung.

Aber die Klage belastet eben auch das ohnehin schon schlechte Image des VW-Konzernlenkers. Kritiker sagen, er habe zu lange gebraucht, die US-Behörden von seiner Kooperationsbereitschaft zu überzeugen. Die Universität von West Virginia (WVU) und die Umweltämter EPA und Carb hatten die unerklärbar hohen Abgaswerte der VW-Dieselautos schließlich schon im Mai 2014 festgestellt und unablässig Erklärungen verlangt.

Die VW-Ingenieure wiegelten lange ab, ja, sie beschönigten selbst dann noch, als es längst nichts mehr zu beschönigen gab. Erst im September gestanden sie die Verwendung einer Betrugssoftware ein, mit der Abgaswerte manipuliert wurden. Die Geduld der Ermittler war bereits arg strapaziert, als der Skandal an die Öffentlichkeit drang.

"Erhebliche Versäumnisse, irreführende Informationen"

Und auch danach sei von Auskunftsbereitschaft nicht viel zu spüren gewesen, merken die Staatsanwälte in ihrer Klageschrift an. Dass etwa neben den Zweiliter- auch die Dreilitermotoren des Unternehmens auf dem Prüfstand vorbildliches Abgasverhalten vortäuschen konnten, habe Volkswagen bis zuletzt bestritten. Alle Bemühungen, die Wahrheit herauszufinden, seien "durch erhebliche Versäumnisse und irreführende Informationen behindert und blockiert" worden, monieren die Ermittler.

Zum Ärger des US-Justizministeriums soll zudem beigetragen haben, dass Müllers Unterhändler noch immer mit EPA und Carb zu feilschen versuchen - was mit der Rolle des erwischten Sünders so gar nicht vereinbar ist.

Jüngstes Angebot von Volkswagen ist nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung", rund 115.000 Auto von US-Kunden zurückzunehmen und entweder den Gebrauchtwert zu erstatten, oder - lieber - den Betrag mit dem Kaufpreis eines Neuwagens zu verrechnen. Dabei wolle man großzügig sein, versichern die Unterhändler. In den Ohren der Amerikaner muss das wirken, als hätte man in Wolfsburg den Schuss nicht gehört.

Blamagen auch in Deutschland

Während Müllers Konzern nach Ansicht der US-Behörden bislang vor allem mit Informationen geizte, übertrieb es VW in Deutschland in die andere Richtung. Vor einigen Wochen herrschte Aufregung über die angeblich falschen Angaben zum CO2-Ausstoß von rund 800.000 Fahrzeugen. Ein Kronzeuge hatte das Gerücht in die Welt gesetzt.

Um nicht erneut der Verschleppung geziehen zu werden, reagierte die VW-Presseabteilung prompt. Sie streute die Nachricht sofort breit in den Medien. Am Ende waren es viel weniger Autos, deren CO2-Ausstoß überprüft werden musste. Auch Müller sah dabei nicht gut aus.

Noch peinlicher: VW ist mit der Aufklärung des Abgasskandals nicht mehr im Zeitplan. Dienstag wurde bekannt, dass der Konzernchef in Brüssel um eine Fristverlängerung gebeten hat.

Demut, aber kein Kriechgang

Wenn Müller an diesem Wochenende antritt, braucht er ein Erfolgserlebnis. Er will beweisen, dass er ein anderes Image verdient, als das, was jetzt in der Öffentlichkeit aufscheint.

Etwas mehr Demut will er dazu zeigen (um den Zorn von Justiz und Umweltbehörden zu besänftigen) - aber keinesfalls zu Kreuze kriechen (um vor seinen Leuten nicht als schwach dazustehen).

Sollte es ihm aber tatsächlich gelingen, einen Ausweg aus den festgefahrenen Verhandlungen zu finden, dann würde dies auch seiner Machtposition zu Hause dienen. Die wiederum ist dringend nötig, um den Umbau des Konzerns voranzutreiben. Diese Aufgabe nämlich ist keineswegs leichter zu bewältigen als die Einigung mit den Amerikanern.

Wenn die Amerikaner ihm hingegen eine Abfuhr erteilen, dann wird es für den Konzernlenker auch zu Hause schwer. Denn auch wenn eine neue Kultur Einzug halten soll in die ehrwürdigen Hallen am Mittellandkanal - noch ist dort die Aura von Autorität und Macht gefragt, wenn man den Laden zusammenhalten will.

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