Abgasaffäre VW-Chef Müller spricht von historischer Krise

Volkswagen-Chef Matthias Müller sieht das Unternehmen wegen der Abgasaffäre vor der "größten Bewährungsprobe" seiner Geschichte. Gegen Vorgänger Winterkorn wird ermittelt. Und die Stadt Wolfsburg erlässt eine Haushaltssperre.

Neuer VW-Chef Müller: "Schonungslose und konsequente Aufklärung"
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Neuer VW-Chef Müller: "Schonungslose und konsequente Aufklärung"


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Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller hat Manager des Konzerns auf harte Zeiten eingestimmt. Er sehe VW vor der "größten Bewährungsprobe" der Unternehmensgeschichte, sagte Müller laut einer Mitteilung von Volkswagen am Montagabend vor Führungskräften. "Dazu braucht es eine schonungslose und konsequente Aufklärung."

Es gehe darum, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, sagte Müller weiter. Vor dem Unternehmen liege ein "schwerer Weg". Der bisherige Porsche-Chef hatte vergangene Woche die Führungsrolle bei VW übernommen. Er folgte auf Martin Winterkorn, der wegen des Skandals um manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zurücktreten musste.

Zu Müllers Nachfolger als Porsche-Chef soll noch in dieser Woche Oliver Blume berufen werden. Das berichten die Nachrichtenagenturen dpa und Reuters unter Berufung auf Konzerninsider. Blume arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten im VW-Konzern und ist seit 2013 als Porsche-Vorstand für Produktion und Logistik verantwortlich.

Ex-VW-Chef Winterkorn gerät nun auch ins Visier der Justiz. Nach mehreren Strafanzeigen leitete die Braunschweiger Staatsanwaltschaft am Montag ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. Der Fokus liege auf dem Vorwurf des Betrugs durch den Verkauf von Autos mit manipulierten Abgaswerten, teilte die Behörde mit.

Weitere Personalien im Zuge der Affäre sind abzusehen. Nach SPIEGEL-Informationen müssen Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg, VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer und Porsche-Forschungsvorstand Wolfgang Hatz gehen. Mittlerweile sollen alle drei beurlaubt sein. VW bestätigte bereits in der vergangenen Woche Beurlaubungen, lehnt einen Kommentar zu einzelnen Personen jedoch weiterhin ab. Nach dpa-Informationen wehrt sich Hackenberg juristisch gegen seine Suspendierung.

Treffen mit Belegschaft geplant

Das genaue Ausmaß des Skandals ist rund eine Woche nach Bekanntwerden der Affäre ebenso unklar wie alle konkret betroffenen Marken, Modelle und Märkte. Der neue Konzernchef Matthias Müller hatte nach seiner Ernennung "maximale Transparenz" angekündigt - er will kommende Woche nach Betriebsratsangaben die Belegschaft in Wolfsburg informieren.

Volkswagen hat eingeräumt, dass es bei insgesamt rund elf Millionen Fahrzeugen weltweit "Abweichungen" gebe. Die Motoren vom Typ EA 189 wurden mit einer Software ausgestattet, die die Messung des Ausstoßes von Stickoxiden manipulierte.

Müller sagte, die Software sei nur in einem Teil der elf Millionen Fahrzeuge aktiviert. "Wir rechnen deshalb damit, dass die Zahl der tatsächlich betroffenen Fahrzeuge letztlich geringer sein wird." VW werde in den nächsten Tagen die betroffenen Kunden informieren, dass der Abgasausstoß ihres Fahrzeugs in Kürze nachgebessert werden müsse.

Dem Präsidium des VW-Aufsichtsrats soll voraussichtlich am Mittwoch ein erster Zwischenbericht zu internen Ermittlungen vorgelegt werden. Demnach fiel die Entscheidung zum Einbau der Manipulationssoftware in Diesel-Fahrzeugen bereits in den Jahren 2005 und 2006 - und zwar in der Motorenentwicklung der VW-Zentrale. Mithilfe der Software hatte VW Abgaswerte in US-Dieselfahrzeugen manipuliert.

Damals, zu Zeiten von Bernd Pischetsrieder als Konzernchef und Wolfgang Bernhard als VW-Markenchef, wollte Volkswagen angesichts von Problemen auf dem US-Markt mit Dieselfahrzeugen punkten. Die Vorgabe sei gewesen, die Autos trotz der schärferen Abgaswerte kostendeckend anzubieten, hieß es in den Konzernkreisen. Die Einhaltung der Grenzwerte, zumindest auf dem Prüfstand, sei aber nur mithilfe der Manipulationssoftware möglich gewesen. VW habe darauf verzichtet, eine bestimmte Technologie zur Abgasreinigung in die Autos einzubauen, weil dies als zu teuer angesehen wurde, wie es hieß.

Wolfsburg verhängt Haushaltssperre

VW-Markenchef Herbert Diess soll am Dienstag in Brüssel Gespräche mit der EU-Kommission über den Abgasskandal sprechen. Der Top-Manager werde Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska treffen und über die jüngsten Entwicklungen informieren, teilte die Kommission mit.

Nach massiven Verlusten in der Vorwoche brach die Volkswagen-Aktie Chart zeigen am Montag um fast acht weitere Prozent ein. Auf die unsicheren Perspektiven reagierte auch der wirtschaftlich extrem von VW abhängige Konzernsitz Wolfsburg: Die niedersächsische Stadt erließ mit sofortiger Wirkung eine Haushaltssperre und einen Einstellungsstopp.

"Auch wenn unsere Stadt schuldenfrei ist und wir Rückstellungen bilden konnten, sind deutliche Gewerbesteuereinbußen zu erwarten", sagte am Montag der Wolfsburger Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD). Der städtische Haushalt für 2016 sollte eigentlich am 7. Oktober in den Rat der Stadt eingebracht werden. Nun wurde der Termin auf den 16. Dezember verschoben, verabschiedet wird der Haushalt voraussichtlich erst im Frühjahr.


Zusammengefasst: Europas größter Autobauer VW schlingert weiter durch die Abgaskrise. Noch immer ist unklar, welche Autos und Märkte in welchem Umfang betroffen sind. Nun gibt es Ermittlungen gegen Ex-Chef Winterkorn, mehrere Manager werden zudem suspendiert. Die Aktie rutscht weiter ab. Die Stadt Wolfsburg, wo VW seine Zentrale hat, erließ mit sofortiger Wirkung eine Haushaltssperre und einen Einstellungsstopp. Der neue Chef Matthias Müller spricht von der größten Bewährungsprobe der Firmengeschichte.

Anmerkung der Redaktion: Der Text gibt den Informationsstand zum Zeitpunkt des Erscheinens wider. Am 28. September 2015 hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig eine Pressemitteilung herausgegeben, wonach ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen VW-Chef Martin Winterkorn eingeleitet worden sei. Am 1. Oktober korrigierte die Staatsanwaltschaft diese Darstellung und teilte mit, es sei kein Ermittlungserfahren gegen Winterkorn eröffnet worden.

dab/dpa/Reuters

insgesamt 123 Beiträge
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bartsuisse 28.09.2015
1. Endlich klare Worte
aber das wird den Fall VWs kaum aufhalten. Der Vertrieb ist bereits eingebrochen. Die Händler wissen nicht mehr was sagen und wie reagieren. In drei europäischen Ländern werden keine betroffene Fahrzeuge verkauft. ( immerhin schon ein Gebiet mit 80 mio Einwohner ) . Die freien schweizer Händler haben bereits rechtliche Schritte angekündigt. Kunden werden bis auf weiteres die Finger von VW lassen. Das kann sich keine Firma leisten. Wolfsburg tut gut daran sich auf den Winter vorzubereiten.
markmach 28.09.2015
2. Seltsam,
dass die Staatsanwaltschaft nicht schon bei vw Hausdurchsuchungen durchgeführt hat. Die werden auch nicht stattfinden denn ob Regierung oder vw wollen nicht aufdecken sondern vertuschen. Bei jedem mittelständischen Unternehmen wäre schon am nächsten Tag die Staatsanwaltschaft im Hause gewesen und hätte sämtliche Computer Festplatten Akten etc beschlagnahmt. Ein Witz.
catweezle 28.09.2015
3. Nur die Stadt Wolfsburg?
Das Land Niedersachsen ist im Aufsichtsrat vertreten. Dieser war ab, laut Presse, 2011 informiert - aber wohl Desinteressiert. Da wird das Land Niedersachsen wohl wegen des VW-Gesetzes mit 20 Prozent am Schaden haften dürfen. Das wird für das Land vermutlich ziemlich teuer. Hoffe, die hohlen das dann auch vom damaligen Ministerpräsidenten zurück. Und Herr Winterkorn wird wohl seine Tantieme gleich an die Strafverfolgungsbehörde überweisen dürfen. Aber ich bin gelassen - als Schwabe "darf" ich für den Betrug nur zweimal bezahlen - einmal über die lokal ausgefallenen Gewerbesteuer und einmal durch den veränderten Länderfinanzausgleich für Niedersachsen ...
mielforte 28.09.2015
4. unternehmerisches Handeln hat kriminelles Moment
Dennoch ist es mir schleierhaft, daß ein nichteuropäischer Staat ein Unternehmen wegen fehlender zugesicherter Eigenschaften in Existenznot bringen kann. Waren wir also wirklich noch nie souverän?
Meerkönig 28.09.2015
5. Haushaltssperre, Einstellstop? Es lebe der Neokapitalismus
Nirgendwo taucht auf um welchen materiellen Schaden es gehen wird. Es sollten mindestens 60 Mrd. Euro veranschlagt werden. Davon trägt der Steuerzahler die Hälfte, es sei denn, es kommt innerhalb Deutschlands zu einer VW-Motoren -Generalamnestie. Dann beträgt der Schaden vieleicht nur die Hälfte. Die Kosten der Umrüstung jeden einzelnen Motors werden 3000,-Euro betragen. Dazu kommen die Entschädigungszahlungen an die Besitzer. Hier der momentane Istsituation: VW wird NICHT durch Abänderung einer Software die Kunden, Gesetzgeber usw. zufriedenstellen können! Sonst hätte man mit Sicherheit diese versprochene Softwareänderung direkt eingebaut. Es geht nur über Leistungsabsenkung, damit verbunden Öffnungs- und Schließzeitenänderungen, also anderer Nockenwelle, andere Zahnriemen, andere Verdichtung, andere Einspritzdrücke, andere Einspritzdüsen usw.usw. Nur ein Beispiel: Wollte man den 2ltr.- 190PS -BMW Motor im neuen "X1" ohne Trickserei nach amerikanischen Standards umrüsten, würde dieser Motor noch eine Leistung von 143 PS erbringen. Genau dieser 143 PS- Motor wird aus diesem Grund an Toyota geliefert.
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