Machtzuwachs für VW-Betriebsrat Osterloh Die Chefs kommen und gehen, er bleibt die Nr. 1

Der designierte VW-Chef Herbert Diess war einst vom Porsche-Clan geholt worden, um die Macht der Gewerkschaft zu brechen. Von seinem Aufstieg an die Spitze profitieren die Arbeitnehmervertreter nun aber sogar.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (Archiv)
REUTERS

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh (Archiv)

Von manager-magazin.de-Redakteur


So werden Karrieren bei VW in Wolfsburg gemacht: Mit Herbert Diess kommt der Manager, der angetreten war, die Gewerkschaftshochburg Volkswagen zu schleifen, voraussichtlich ganz nach oben - und das mit dem Segen von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Für den Wolfsburger Kompromiss wird jedoch auch die besondere Macht der Beschäftigten gesichert. So stellt sich jedenfalls die Lage vor der Entscheidung im VW-Aufsichtsrat dar. Dessen Sitzung wurde offenbar von Freitag auf Donnerstag vorgezogen.

Die Personalie Gunnar Kilian ist das deutlichste Signal. Der Osterloh-Vertraute soll neuer Personalvorstand werden. Er würde in dem Amt Karlheinz Blessing ablösen, einen langjährigen IG-Metaller, der einst für den legendären Gewerkschaftschef Franz Steinkühler arbeitete, später SPD-Generalsekretär und Stahlwerksleiter im Saarland wurde. So weit, so normal im mitbestimmten Konzern.

Kilian aber ist ein anderes Kaliber: Er war bisher nicht einfach irgendein gewerkschaftsnaher Manager, sondern Generalsekretär des Konzernbetriebsrats. Osterloh könnte Diess also praktisch doppelt gegenübertreten, persönlich als Betriebsrat und über seinen ehemaligen Zuarbeiter, der künftig im Vorstand sitzt.

Die Gegenmacht im Betriebsrat

Gunnar Kilian, Noch-Sprecher des Volkswagen Betriebsrates
DPA

Gunnar Kilian, Noch-Sprecher des Volkswagen Betriebsrates

Der wichtigste Garant für den Einfluss des Betriebsrats bleibt aber immer noch der Betriebsrat selbst. Bernd Osterloh hat vier Jahrzehnte Erfahrung in Wolfsburg und führt das Gremium schon seit 2005. Damals rückte er für den im Bestechungsskandal gestürzten Klaus Volkert nach.

Osterloh wurde schon mehrfach gefragt, ob er nicht selbst Personalvorstand werden wolle - in der deutschen Industrie nicht völlig ungewöhnlich. Bei RWE gab es das beispielsweise, in der Stahlindustrie haben die Arbeitnehmer nach der gesetzlichen Montan-Mitbestimmung sowieso ein Vetorecht für den Arbeitsdirektor. Auch Bahn und Post haben schon Gewerkschaftsbosse zu Personalchefs ernannt.

Osterloh aber lehnte ab; in seinem Fall wäre das wohl ein Machtverlust. Denn als oberster Vertreter der Beschäftigten mit seiner Erfahrung und Vernetzung, nicht zuletzt mit seinem bulligen Erscheinungsbild, kann er die Top-Manager hart konfrontieren und auch in die Enge treiben.

Mit Herbert Diess geriet er mehrfach heftig aneinander, bis hin zu einer Aufsichtsratssitzung im vergangenen Jahr, die mit Osterloh die ganze Arbeitnehmerbank boykottierte. Die ultimative Forderung, der des Vertragsbruchs bezichtigte Diess müsse weg, ist passé. Fragt sich nur, wer wen gezähmt hat.

Der Co-Manager

Fotostrecke

15  Bilder
Konzernumbau: Herbert Diess' Weg an die Volkswagen-Spitze

Besonders Furore machte der Betriebsrat 2014, indem er die damalige Forderung des Managements nach Einsparungen von fünf Milliarden Euro aufnahm. "Wir können das ohne externe Berater am besten", wehrte Osterloh die gefürchteten Besuche von McKinsey ab - und übergab ein eigenes Sparprogramm mit Vorschlägen der Beschäftigten auf 400 Seiten. Ob Standortwahl, Modellpolitik oder Zukunftstechnologien - der Betriebsrat denkt strategisch mit.

Osterloh ist zugleich Mitglied der Aufsichtsräte des Volkswagen-Konzerns, der Dach-Holding Porsche SE, der Töchter Skoda, Seat und Volkswagen Truck & Bus. Und als Betriebsrat hat er sich ein Gehalt immerhin auf Niveau eines Abteilungsleiters - 200.000 Euro jährliches Festgehalt plus in manchen Jahren üppiger Bonus - zusichern lassen. Darauf verzichtet er derzeit zumindest vorübergehend, um die Vorstände in einem Untreueverfahren zu schützen.

Der Volkstribun

Betriebsversammlung in Wolfsburg
DPA / Volkswagen

Betriebsversammlung in Wolfsburg

Neben dem Anzugträger Osterloh, der die Manager im Wettbewerb um die höhere Fachkompetenz herausfordert, gibt es auch den streitlustigen Kämpfer Osterloh, wenn nötig. Zuletzt brandmarkte er den Vorstand im Tarifstreit im Februar als "asozial", weil der Heiligabend und Silvester nicht mehr als Feiertage behandeln wollte. Nicht zu vergessen: Der Betriebsrat spricht nicht nur für sich selbst, sondern vor allem als Vertreter einer der größten Mannschaften des Planeten.

642.292 Beschäftigte zählte der Konzern zum Jahresende 2017 und nannte sich deshalb "einer der weltweit größten privaten Arbeitgeber" - wohl zu Recht. Immerhin 45 Prozent davon arbeiten in Deutschland. Selbst nach Abzug der Töchter wie Audi oder Porsche und der Belegschaft von Firmen wie Volkswagen Sachsen, die in schlechteren Zeiten außerhalb des Haustarifs ausgelagert wurden, bleibt immer noch eine rund 120.000 Kopf starke Streikmacht für Deutschlands größten Firmentarif, vor allem in Niedersachsen.

Besonders die Betriebsversammlungen im Stammwerk Wolfsburg sind immer wieder machtvolle Demonstrationen. Und kaum irgendwo hat die Gewerkschaft IG Metall deutlichere Mehrheiten.

Das Enfant terrible

Uwe Hück
DPA

Uwe Hück

Wenn den VW-Vorständen Bernd Osterloh zu wild wird, gibt es immer noch Uwe Hück, sein Pendant bei der Konzerntochter Porsche. Die beiden lieferten sich wortgewaltige Gefechte, als Porsche Volkswagen feindlich übernehmen wollte und es schließlich doch umgekehrt kam.

Inzwischen übt sich Osterloh gern im Schulterschluss mit dem Thaiboxer Hück, wenn er Diess die Grenzen besonders klar zeigen will. Dazwischen macht der Schwabe seine Alleingänge ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Schwesterfirmen. Über Audi schimpfte er wegen des Dieselskandals beispielsweise von "kranken Motoren", man fühle sich betrogen und er könne "diese ganzen Lügen nicht mehr ertragen". Da erscheint Osterloh schon wieder moderat und verlässlich - und die angegriffenen Manager sind trotzdem geschwächt.

Das Gespenst des Alten

Ferdinand Piëch und Bernd Osterloh, 2007
AP

Ferdinand Piëch und Bernd Osterloh, 2007

Bemerkenswert an dem designierten Personalvorstand Gunnar Kilian ist auch, dass er als Unterbrechung seiner Betriebsratszeit 2012 bis 2013 im Salzburger Büro des damaligen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch arbeitete. Es war eine "spannende und lehrreiche Zeit mit Herrn und Frau Piëch, für die ich sehr dankbar bin", sagte er den "Wolfsburger Nachrichten" damals.

Der Patriarch der Großaktionärsfamilie ist zwar abgetreten. Bruder Hans-Michel Piëch und Cousin Wolfgang Porsche bringen aber nicht dessen Machtwillen, Überblick und Detailwissen auf, um den Konzern wirklich zu lenken. Daher wirken Allianzen mit dem Alten bis heute fort - zumindest als Schule, um die richtigen Strippen zu ziehen.

Ferdinand Piëch war ein Großmeister der Ränkespiele unter den Eigentümern und im Management, wofür er immer wieder auch Osterloh einspannte - und der wiederum Piëch für seine Zwecke. Ob der damalige Porsche-Übernahmeplan mitsamt des Top-Managements fallen gelassen wurde oder später der Über-CEO Martin Winterkorn, der Betriebsratschef stand meist wissend lächelnd neben dem in dürren Worten dozierenden Piëch. Die Porsches mögen Diess geholt haben, um Osterloh zu bremsen. Als Chef installieren können sie ihn nur mit seiner Hilfe und Zugeständnissen.

Das ganze Land

Stephan Weil
DPA

Stephan Weil

Ein gemeinsames Interesse verbindet den Betriebsrat mit der niedersächsischen Landesregierung: die Standorte des wichtigsten Arbeitgebers im Land zu halten und auszubauen. Da Niedersachsen mit einem Fünftel der Stimmrechte auch maßgeblicher Aktionär ist (einflussreicher als das Emirat Katar mit einem höheren Kapitalanteil), geht gegen dieses Bündnis nichts.

Und das Land wird derzeit vom gewerkschaftsfreundlichen SPD-Ministerpräsident Stephan Weil geführt, der ebenso wie CDU-Wirtschaftsminister Bernd Althusmann auch im Aufsichtsrat von Volkswagen sitzt.

Die Vetorechte genießt Niedersachsen aufgrund des VW-Gesetzes, das zur Privatisierung des einstigen Staatskonzerns 1960 erlassen wurde und zuletzt auch vom Bund vor Angriffen der EU-Kommission bewahrt wurde. In der Neufassung sahen die Luxemburger Europarichter 2013 keine unzulässige Beschränkung des freien Kapitalverkehrs mehr, auch wenn faktisch Sonderrechte für Niedersachsen und ein Veto der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat bei Standortentscheidungen blieben.

Die Moral

Kraftwerk im Zentrum des VW-Stammwerks Wolfsburg
DPA

Kraftwerk im Zentrum des VW-Stammwerks Wolfsburg

Das VW-Gesetz stellt eine Anomalie dar, weil es über die allgemeine Mitbestimmung in Deutschland hinaus geht - und anders als die ältere Montan-Mitbestimmung auch für ein einzelnes Unternehmen, nicht eine ganze Branche. Wolfsburg ist eine andere Welt als die übrige Autoindustrie im Land, das erklärt auch die Irritation des von BMW Chart zeigen gekommenen Aufräumers Herbert Diess über den "erstaunlich hohen Organisationsgrad" der Gewerkschaft IG Metall selbst im Vorstand.

Doch für die Ausnahmeregeln gibt es eine historische Begründung. Denn der Grundstein des Volkswagenwerks - und der Stadt Wolfsburg - wurde von der Naziorganisation KdF gelegt, zum Teil mit beschlagnahmtem Vermögen der aufgelösten Gewerkschaften und mit Zwangsarbeit. Die Sonderrechte für die Beschäftigten und Standortgarantien sind also eine Art Wiedergutmachung.

Top-Manager des Naziwerksbaus war Ferdinand Porsche, ausgerechnet der Urahn der heutigen Großaktionäre. Auch denen können die Belegschaftsvertreter also, wenn es ernst wird, die Geschichte als moralisches Argument für ihre Macht entgegenhalten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels schrieben wir von außertariflich Beschäftigten der Auto 5000 GmbH. Diese Gesellschaft wurde jedoch bereits 2009 wieder in die Volkswagen AG eingegliedert. Wir haben diesen Fehler korrigiert.



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
christianu 12.04.2018
1. Nach Bekanntwerden des Dieselskandals
sagte Herr Osterloh ohne Umschweife, dass Herr Dr. Winterkorn nichts davon gewusst habe. Allein für eine so blödsinnige Aussage hätte man ihn sofort feuern müssen. Oder kann er ins Gehirn anderer schauen? Ich bin fest davon überzeugt, dass der Dieselskandal nur in einem so verfilzten Unternehmen wie VW geschehen konnte. Die anstehende Personenrochade ist alles Mögliche, aber keine Neuorientierung.
joG 12.04.2018
2. "Der Betriebsrat denkt strategisch mit"...
...und wusste nicht, dass die Angaben zu Auspuffgasen den Kunden falsch informierte, die tatsächlich ausgestoßenen Mengen zum Teil um ein vielfaches die gesetzlichen Grenzwerte zum Schutz der Bevölkerung überschritten, man zumindest nach den Gesetzen im Ausland Betrug beging und dies alles den Anlegern verschwieg trotz der Wertimplikationen? Das kann doch nicht sein.
and777 12.04.2018
3. Man muss sich wundern...
...nicht über die Mischpoke in Niedersachsen und Wolfsburg. Jedoch warum ausgerechnet der Osterloh und seine Machenschaften im Gegensatz zu anderen "Top-Managern" medial immer in Ruhe gelassen wurde...
realplayer 12.04.2018
4.
Zitat von christianusagte Herr Osterloh ohne Umschweife, dass Herr Dr. Winterkorn nichts davon gewusst habe. Allein für eine so blödsinnige Aussage hätte man ihn sofort feuern müssen. Oder kann er ins Gehirn anderer schauen? Ich bin fest davon überzeugt, dass der Dieselskandal nur in einem so verfilzten Unternehmen wie VW geschehen konnte. Die anstehende Personenrochade ist alles Mögliche, aber keine Neuorientierung.
VW ist ja nicht der einzige Laden der manipuliert hat. Man sollte außerdem mal den Grenzwerte diskutieren. In den USA werde diese gerade wieder hoch gesetzt.
Tumtrah 12.04.2018
5.
Unternehmensgewinne, Einkommen und Beschäftigungsverhältnisse sind sehr gut, mehr als 600000 Beschäftigte weltweit profitieren davon. Mir leuchtet nicht ein was daran schlecht ist. Abgaskandal hin oder her trotz Manipulation ( bei allen Herstellern ) hatte VW auf der Straße gemessen immer noch die besten Werte in Europa.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.