ARD-Doku zum VW-Skandal Alles gegen Piëch

In einer Dokumentation versucht die ARD, den jüngsten Volkswagen-Skandal aufzuarbeiten. Doch Erklärungen für das aktuelle Desaster liefert sie kaum. Stattdessen schießen sich die Filmemacher auf einen ehemaligen Konzern-Patriarchen ein.

Ehemaliger VW-Aufsichtsratschef Piëch: Das Bild eines Paten
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Ehemaliger VW-Aufsichtsratschef Piëch: Das Bild eines Paten

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Ihren stärksten Moment hat die Dokumentation in der ersten Minute: Unterlegt von Bildern mit Straßenszenen der jeweiligen Stadt verlesen Sprecher der örtlichen Radiosender die Nachricht vom Abgasbetrug durch den Volkswagen-Konzern. Im Hintergrund sorgt dunkle Streichmusik für Dramatik. Noch bevor der Titel der ARD-Sendung "Die Volkswagen-Story" (Montag 22:45 im Ersten) eingeblendet wird, weiß der Zuschauer: Hier geht es um etwas ganz Großes, einen Skandal von historischen Ausmaßen. Das ist großes Fernsehen, perfekt inszeniert.

Der fesselnde Auftakt ist allerdings auch Sinnbild für die größte Schwäche der Dokumentation. Er bleibt ein großes Versprechen, das die Filmemacher nicht einlösen. In den folgenden knapp 45 Minuten liefern sie viele starke Behauptungen, aber kaum substanzielle Argumente dafür, dass die Untaten des VW-Konzerns tatsächlich so verwerflich sind, wie es der dramatische Einstieg nahelegt. Die eigentlichen Ursachen des Skandals - die autoritären Führungsstrukturen im Konzern - werden im Film nur am Rande gestreift.

Umso detaillierter fallen dafür die Rückblicke auf Skandale der Vergangenheit aus, auch wenn diese gar nicht direkt etwas mit dem aktuellen Fall der Softwaremanipulationen zu tun haben: Lustreisen von VW-Betriebsräten, der Industriespionage-Skandal um den Ex-VW-Manager Ignacio López, oder die Übernahmeschlacht mit Porsche.

  • Am schwersten davon wiegt zweifelsohne der 2005 enthüllte Rotlichtskandal um den damaligen Betriebsratschef Klaus Volkert. Der Vorstand hatte dem mächtigen Betriebsratschef damals großzügig Mittel für sexuelle Ausschweifungen zur Verfügung gestellt. Volkert, Personalvorstand Peter Hartz und mehrere andere Manager verloren ihren Job, einige von ihnen landeten sogar vor Gericht und wurden verurteilt.
  • In der López-Affäre ging es dagegen um Betriebsgeheimnisse, die der Anfang der Neunzigerjahre abgeworbene Top-Manager von General Motors mitgebracht hatte.
  • Doch erst im Kapitel, das den Machtkampf mit Porsche beleuchtet, wird deutlich, auf wen die Autoren tatsächlich zielen: Ferdinand Piëch. Der ehemalige Vorstands- und spätere Aufsichtsratschef zog nicht nur bei der versuchten Übernahme des Volkswagen-Konzerns durch den deutlich kleineren Sportwagenhersteller die Fäden, sondern auch - so legen es die Autoren nahe - in den schlagzeilenträchtigen Affären zuvor.

Piëch als Drahtzieher

So zeichnet sich - ohne dass es die Filmemacher explizit erwähnen - das Bild eines Paten ab, der die dunklen Machenschaften dirigiert. Er tut dies nur mündlich, um keine schriftlichen Beweise zu produzieren.

Eine These, die durchaus Stoff für einen eigenen groß angelegten Dokumentarfilm liefern könnte - wenn nur die Argumentation nicht so dünn wäre.

Und wie passt das alles mit dem Titel des Films zusammen? "Wie Volkswagen seinen Ruf verspielte", soll der Zuschauer erfahren. Er will schließlich wissen, was die Manager des Konzerns da angerichtet haben mit ihren rollenden Stickoxid-Schloten.

Die Antwort der Dokumentarfilmer: Volkswagen erscheint als ein skandalgeschütteltes, durch und durch verruchtes Unternehmen, das Gesetze und moralische Maßstäbe ignoriert, wenn es um die Durchsetzung eigener Interessen geht - mit anderen Worten: Dem eigentlich alles zuzutrauen ist

Und was die Stickoxide betrifft: Da soll es sogar Tote gegeben haben, raunt der Film. Einen Nachweis dafür, dass die Abgase der Konzernmodelle daran schuld sind, liefert er nicht. Aber grundsätzlich sei es so, dass Stickoxide töten, sagt die Stimme aus dem Off. Wer so argumentiert, formuliert eher eine gefühlige Anklage, als eine schlüssige Beweisführung.

Dabei hätte es in der Affäre durchaus Details gegeben, auf die man näher hätte eingehen können. Die pomadige Reaktion des Konzerns auf die Nachfragen der US-Umweltbehörde EPA gehört dazu, die die Wut der Kontrolleure überhaupt erst so richtig entfacht hat.

Oder die Chuzpe mit der damalige Konzernchef Martin Winterkorn noch als Vorreiter in Sachen Umweltschutz aufgetreten ist, als die Alarmsignale aus den USA schon unüberhörbar waren. Auch das brutale Regiment der Konzernspitze wird nur am Rande erwähnt, nämlich als der Software-Spezialist Manfred Boy von der TU-München im Interview erklärt, wie schwer der Zwiespalt zwischen Kostendruck und technischen Vorgaben zu bewältigen ist.

Auch Aspekte, die VWs Verfehlungen relativieren, finden in dem Film kaum Platz. Die Rolle der amerikanischen Umweltbehörde EPA zum Beispiel, die auch in den USA selbst auf Kritik stößt. Kritiker monieren die unverhältnismäßig scheinende Härte, vor allem im Vergleich zu Verfehlungen einheimischer Unternehmen wie General Motors. Der Detroiter Autoriese hatte jahrelang Funktionsfehler bei Zündschlössern verschwiegen, die zum Tode von mehr als 130 Menschen führten. Die Strafen dafür fielen vergleichsweise milde aus.

Zusammengefasst: Die ARD-Dokumentation eröffnet einen kurzen Blick auf die dunkle Seite der Macht, geschickt aufbereitet und mit dramatisierender Musik unterlegt. Doch liefert der Film keine klare Beweisführung und konzentriert sich auf frühere Skandale des Konzerns. Es bleiben eine Reihe von Ungereimtheiten und unbewiesene Behauptungen.

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