VW-Chef Herbert Diess Demütig im Ton, hart in der Sache

Er spricht von Kulturwandel und Demut: Herbert Diess will Volkswagen verändern. Im Fokus wird die Rendite stehen - und dabei können die Arbeitnehmer wenig Rücksicht erwarten.

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Sie hörte sich gut an, die Rede von Herbert Diess auf der Hauptversammlung der Volkswagen-Aktionäre in Berlin. Der Konzern müsse "noch ehrlicher, offener und anständiger" werden, sagte der neue VW-Chef. Es müsse klar sein, dass nicht alles, was legal sein möge, auch legitim sei. Eine offene Unternehmenskultur sei nötig, in der Widerspruch nicht erstickt, sondern belohnt werde.

Man kann davon ausgehen, dass Diess es ernst damit meint, schließlich hat der Ingenieur seine Karriere bei Bosch und BMW begonnen, in Unternehmen also, die bereits eine besondere Unternehmenskultur pflegten, als in Wolfsburg noch recht autoritäre Verhältnisse den Ton bestimmten.

Doch am Donnerstag im Citycube auf dem Berliner Messegelände wird Diess bestimmt auch daran gedacht haben, seine Widersacher zu umgarnen. Denn die Art und Weise, wie VW mit seinen Kunden im Zusammenhang mit dem Dieselskandal umgegangen ist, hat viele wütend zurückgelassen.

imago/ Sven Simon

Viel Widerspruch kam allerdings nicht aus dem Plenum bei der Hauptversammlung. Die guten Zahlen trugen ebenso zu der recht entspannten Stimmung bei, wie die Rede des Vorstandschefs. Der wandte nach der selbstkritischen Einleitung schnell den Blick nach vorn und lieferte Skizzen, wie der Konzern geordnet sein müsste, um Entscheidungen zu beschleunigen und Doppelarbeit zu vermeiden. Zentral ging es es um die Anforderungen, die die Mobilität in Zukunft für die Autokonzerne bereithält. Dazu gehören Elektroantrieb, Roboterautos und digitale Plattformen, auf den die Menschen ihre Reisen organisieren.

Befindlichkeiten spielen keine Rolle

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Auf Befindlichkeiten wird er kaum Rücksicht nehmen, ganz gleich, ob sie den Porsche/Piëch-Clan betreffen oder die Arbeitnehmer. Was sich als Ballast erweist, wird hinterfragt.

  • Ein Beispiel könnte der Motorradhersteller Ducati sein, den Konzern-Patriarch Ferdinand Piëch einst in die VW-Welt geholt hatte. Diess' Vorgänger Matthias Müller hatte schon einmal versucht, das komplizierte Geschäft loszuwerden, doch die Familie hatte die Pläne schnell beerdigt. Auch für Diess gehört Ducati nicht zum Kerngeschäft und dürfte die Konzentration auf das Wesentliche stören.

  • Für die Arbeitnehmer dürfte der neue Kurs schwierig werden. Bereits vor einem Jahr war Diess, damals als VW-Markenchef, mit Bernd Osterloh, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, wegen seiner forschen Gangart aneinandergeraten. Osterloh bekräftigte jüngst im "Handelsblatt", der Streit sei beigelegt und man habe einen Weg zueinander gefunden; doch mit der Harmonie könnte es schnell vorbei sein, wenn der Systemwechsel vom Verbrenner und zum Elektroantrieb nicht mehr nur zusätzliche Arbeitsplätze schafft, sondern welche kostet.

  • Außerdem gibt es Anzeichen, dass die Loyalität zwischen Konzernvorstand und Betriebsräten längst nicht mehr so sehr gegeben ist, wie in der Ära Piëch. Diess riskiert eher den Konflikt als den faulen Kompromiss - auch wenn er sich mit einflussreichen Vertretern wie Osterloh oder IG-Metall-Chef Jörg Hofmann anlegen muss, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Zur Not ist er bereit, eine Einigung zu unterminieren, wenn sie seinen Vorstellungen nicht entspricht. So versuchte er Anfang 2017, ein nach monatelangem Streit vereinbartes Sparpaket in seinem Sinne nachträglich zu verändern. Dank der Unterstützung des Familienclans kam er damit durch, obwohl selbst der damalige Vorstandchef Müller sich auf die Seite der Arbeitnehmer geschlagen hatte.

Hackordnung klargestellt

Wer im Haus künftig regiert, stellte Aufsichtsrat Wolfgang Porsche kurz vor der Hauptversammlung in einem Interview mit dem "Stern" klar: Diess und niemand anders. "Arbeitnehmer sollten bei Themen, die die Mitarbeiter betreffen, mitbestimmen. Aber es sollte sich daraus kein Anspruch auf ein Co-Management ableiten."

Die Nachricht hat Osterloh offensichtlich verstanden. Im "Handelsblatt" machte er nicht einmal den Versuch, die Forderungen Porsches zu relativieren. Und der Streit mit Diess? Längst vergessen. Der neue Chef sei der richtige Mann, sagte der Betriebsratsvorsitzende: "Mit seinen drei Jahren bei VW kennt er das Unternehmen, er ist aber freier in seinen Entscheidungen als andere Manager vor ihm."



insgesamt 9 Beiträge
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ribaldc 03.05.2018
1. Fraglich, sehr fraglich ist:
Ob diese Demut (die nur im Teaser deutlich wird) auch von den "Spitzen" des VW-Konzerns (inkl. des Hr. Diess) eingefordert wird, z.B. durch Zahlung einer der Situation des VW-Konzens angepassten Entlohnung. Oder sollen nur die abhängig Beschäftigten zur Kasse gebeten werden; so verstehe ich das nämlich. Fraglich deswegen, weil der Artikel stante pede auf die guten Zahlen des VW-Konzerns verweist, eigentlich siganlisiert, daß alles doch nicht so schlimm ist, weil die Kunden unbedeeindruckt weiter VWs kaufen (d.h. die Dieselkumpanei goutieren).
joG 03.05.2018
2. “...noch ehrlicher, offener und anständiger...”...
....soll VW werden? Das ist nicht viel und eigentlich am Thema vorbei. Es wäre schon schön, wenn keine weiteren Verbrechen begangen werden und die Gesundheitsschäden der NOx Vergifteten sowie die Verwandten der daran Verstorbenen entschädigt werden.
dirk1962 03.05.2018
3. Mal sehen wie lange
die Demut wohl noch anhällt, wie lange sich die heutige Technik des VW Konzerns noch so gut verkaufen läßt. In ganz Europa ist der Diesel ein Auslaufmodell und sonst hat VW kaum etwas anzubieten. Die Benzinmotoren sind bekanntlich nicht der Hit und Innovationen gibt es nur als Projekt. Wenn nicht bald ein moderner Antrieb zum vernünftigen Preis im den Preislisten steht, könnte es schnell eng werden mit der Auslastung der Werke.
hellsfoul 03.05.2018
4. Oh je
joG: "und die Gesundheitsschäden der NOx Vergifteten sowie die Verwandten der daran Verstorbenen entschädigt werden." Dann müssten die Raucher in Deutschland aber deutlich mehr Entschädigungen zahlen. Denn der Feinstaubausstoß von Rauchern ist enorm. Von den anderen Herstellern aus dem Ausland redet in Deutschland auch keiner. Ich bin immer skeptisch bei großangekündigten Veränderungen. Meist bekommt man diese nicht so einfach durch und wenn, dann sind die Mitarbeiter am unteren Ende die Leidtragenden. Denn wichtig ist nur die Stimmung der Aktionäre. Daran wird Herr Diess auch nichts ändern können.
coyote38 03.05.2018
5. Im Fokus wird die Rendite stehen ...
Das ist ja mal was "ganz Neues" ...^^ Hat bei VW "und Consorten" jemals etwas ANDERES im Fokus gestanden, als die Rendite ...? Wofür hat man denn Millionen von Diesel-Käufern vorsätzlich betrogen, nicht entschädigt und sich schließlich im Schulterschluss mit der Regierung gewunden wie ein Aal, um nur JA keine Hardware-Nachrüstung der vorsätzlich betrügerisch verkauften Selbstzünder vornehmen zu müssen, wenn NICHT "die Rendite im Fokus gestanden" hat ...? Unter normalen Umständen müsste diese ganze "Manager-Bande" LÄNGST "gesiebte Luft atmen". ETWAS mehr BESCHEIDENHEIT wäre so langsam WIRKLICH mal angezeigt ... und nicht wieder nur platte Unternehmensberater-Sprüche aus dem Erstsemester des BWL-Studiums ...
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