Abgasaffäre Hinhaltetaktik macht VW verdächtig

Die US-Behörden äußern den Verdacht, Volkswagen habe bei weiteren Motoren manipuliert. Erhärten lässt sich der Vorwurf bislang nicht. Trotzdem wirken die Wolfsburger schuldig - weil sie so langsam aufklären.

SUVs von Volkswagen und Audi: Sechszylinder im Verdacht
Getty Images

SUVs von Volkswagen und Audi: Sechszylinder im Verdacht

Von


Es ist nicht einfach, in der VW-Abgasaffäre den Überblick zu behalten. Am Wochenende erneuerte die US-Umweltbehörde EPA ihre Vorwürfe gegen die Volkswagen-Tochter Audi: Auch Drei-Liter-Dieselmotoren seien mit einer Software ausgestattet, welche die Abgasreinigung hochfährt, wenn sie eine Testsituation erkennt - ein Verstoß gegen amerikanisches Gesetz.

Vor zwei Wochen hatte das Unternehmen dies noch energisch zurückgewiesen. Nun, nach den neuerlichen Vorwürfen aus den USA, ging die noble VW-Tochter auf Tauchstation, "kein Kommentar", hieß es - was in solchen Zeiten einem Schuldeingeständnis zumindest recht nahe kommt.

Schweigen ist das Letzte, was sich der Konzern in diesen Tagen leisten kann. Schon längst werten weite Teile der Öffentlichkeit den spärlichen Informationsfluss als Hinhaltetaktik. Zugegeben wird nur, was ohnehin nicht mehr zu bestreiten ist. Die Glaubwürdigkeit sinkt gegen null.

Wer einmal lügt...

Dabei nennen Audi-Fachleute durchaus Details zu der strittigen Software - sie wollen aber nicht mit Namen zitiert werden. Von Manipulationssoftware könne keine Rede sein, sagt einer. Jedenfalls nicht in dem Sinne wie beim "Defeat Device" in den knapp 500.000 Autos mit 1,6- bis 2,0-Liter-Motoren. Es handle sich vielmehr um ein Programm, dass die Chemiefabrik im Auspuff während der Warmlaufphase auf Trab bringe, um möglichst schnell gute Ergebnisse bei der Abgasreinigung zu erzielen.

Klar, dass ein Audi-Mann so etwas sagt, denkt man sofort. Wer einmal lügt, dem glaubt man schließlich nicht. Doch die Aussage scheint zunächst durchaus glaubwürdig, denn die kalifornische Umweltbehörde CARB hat sie heute in Grundzügen bestätigt, auch wenn sie ganz andere Bewertungen daraus ableitet.

Zwar hätten die Messungen auf dem Prüfstand auch bei den großen Motoren deutlich bessere Abgaswerte ergeben als auf freier Strecke, sagte jetzt ein Sprecher. Doch noch könne nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob - wie bei den Zwei-Liter-Diesel-Modellen - eine illegale Software dafür gesorgt hat, oder nur das sogenannte Auxiliary Emissions Control Device (AECD).

Das dürfte dann zwar auch ein teures Bußgeld nach sich ziehen, aber es wäre bei Weitem nicht so schwerwiegend wie der Betrug mit den kleinen Dieseln. Denn diese AECDs sind im Prinzip erlaubt, sie müssen aber von CARB und der für den Rest der USA zuständigen EPA abgesegnet werden, und zwar jedes Jahr aufs Neue.

Zäher Aufklärungsprozess

Für Volkswagen ist das neuerliche Aufflammen der Affäre heikel. Denn es wirft ein Schlaglicht auf die Art und Weise, wie der Konzern damit umgeht. Vielen geht der Aufklärungsprozess viel zu zäh voran. So wirbt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotiv Management in Bergisch Gladbach, zwar für Verständnis - denn angesichts der Vielzahl verdächtiger Modelle sei die Recherche extrem kompliziert.

Allerdings hätte Volkswagen das durch ein Plus an Transparenz ausgleichen müssen. "VW hätte häufiger Zwischenstände publizieren müssen", sagt der Autoexperte. "Zur Aufklärung gehört auch, dass man der Öffentlichkeit mitteilt, wo und wonach man gerade sucht - auch wenn noch keine konkreten Ergebnisse vorliegen."

Juristen begründen die zögerliche Informationspolitik auch damit, dass sie als vorschnelles Schuldeingeständnis gewertet werden könne. Diesen Einwand lässt Bratzel jedoch nicht gelten. "Der Preis für den Verlust der Glaubwürdigkeit ist schwieriger zu berechnen", erklärt er. "Doch viel spricht dafür, dass er deutlich höher ausfällt als eine Offenheit, aus der manche einen wirtschaftlichen Rechtsanspruch ableiten könnten." Aus Bratzels Sicht wäre allein eine unabhängige Untersuchungskommission in der Lage, den Sachverhalt objektiv aufzuklären und das Vertrauen der Kunden wieder herzustellen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
gandhiforever 23.11.2015
1. Viele Moeglichkeiten
Es gibt viele Moeglichkeiten, VW zu schnellerer Kooperation zu ermuntern. Man koennte z.B. Strafzahlungen verhaengen, die nach Ablauf einer ungenutzten Frist steigen. Man koennte auch pro jedem neu verkauften Wagen eine vorlaeufige Betrugsausgleichszahlung erheben. Und, wenn das alles nichts beschleunigt, koennte man dem Konzern den Verkauf von Automobilen in den USA ganz untersagen bis zur Klaerung des Betrugs.
dirk1962 23.11.2015
2. US Markt ist kaputt
Mit dieser ganzen Hampelei sorgtder VW Konzern dafür, dass er den US Markt langsam abschreiben kann. In den USA kann durch Strafzahlungen eine Menge bereinigt werden. Aber auf mangelnden Willen zur Aufklärung reagiert man dort schwer allergisch. Ich habe die Vermutung, dass VW die Denke in den USA immer noch nicht verstanden hat.
Tolotos 23.11.2015
3. VW und deutsche Politiker kennen wohl keine rechtsstaatlichen Pflichten für Unternehmen!
Sie haben sich wohl zu sehr darauf eingestellt, dass es (zumindest hier hier) kein funktionierendes Unternehmensstrafrecht gibt. Aber anscheinend stehen unternehmerische Interessen nicht überall in der Welt so alternativlos über der Demokratie wie in Deutschland!
ChristophS82 23.11.2015
4. Transparenz und Medien
Dass ich nicht lache - wenn VW sagt "wir prüfen grad noch die Motoren x, y und z" dann rechnet der Qualitätsjournalismus doch sofort aus wieviele Autos das nun wieder sind und macht ne riesen Schlagzeile draus. War es dann doch nix, wird die Korrektur kurz erwähnt. Heutzutage kannst du doch nix sagen ohne dass die Presse einen riiiiiesen Rummel drum macht. Nicht etwa zur journalistischen Wahrheitsfindung, sondern einzig und allein um die Auflage/Clicks zu steigern. VW kann nixmehr richtig machen und das kleinere Übel ist, die Klappe zu halten.
Havel Pavel 23.11.2015
5. Andersrum würde ein Schuh daraus
Mich macht die Hinhaltetaktik von Volkswagen keineswegs, sondern dies belegt nur, dass es für die Techniker eine enorme Herausorderung bedeutet, die Fahrzeuge derart zu modifizieren, dass sie die getellten Anforderungen an das Abgasverhalten, Leistungsentfaltung und Verbrauch auch tatsächlich erfüllen. All dies lässt sich natürlich nicht im Hauruck-Verfahren lösen, so einfach ist die Sache leider nicht. Ich bin überzeugt davon, dass werksintern die klugsten Köpfe damit befasst sind die gestellte Mammutaufgabe zu lösen, wohlwissend, dass die Resultate ihrer Arbeit kritisch überprüft werden und somit sie sich keine faulen Kompromisslösungen erlauben können. Sollten sie tatsächlich in der veranschlagten kurzen Zeitspanne zu umfassenden alle Bedingungen erfüllenden Lösungen kommen, so gebührt den damit befassten Technikern hohe Anerkennung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.