Von Michael Kröger
Berlin - Er hat die Schlacht nicht begonnen, doch jetzt führt er sie zu Ende. Vor gut drei Jahren schien es, als müsse sich Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch dem damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking beugen. Doch bereits wenige Monate später hatten sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt. Heute sitzen Statthalter aus Wolfsburg im Porsche-Vorstand. Die Porsche-Ingenieure müssen sich mit den Entwicklungsabteilungen der anderen Konzernmarken abstimmen. Für Sonderwege ist die Erlaubnis aus Wolfsburg nötig.
Eigentlich könnten Piëch und sein Adlatus, Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn, es dabei bewenden lassen. Die Integration beider Unternehmen ist schließlich schon so weit fortgeschritten, dass es im Prinzip keinen Unterschied mehr macht, ob Porsche sich nun in eine VW-Tochter verwandelt oder gesellschaftsrechtlich eigenständig bleibt. Eigentlich.
Doch längst geht es nicht mehr um schnöde Betriebswirtschaft. Es geht um die Vollendung von Piëchs Lebenswerk. Die beiden Unternehmen Volkswagen und Porsche, die seit Jahrzehnten untrennbar mit dem Schicksal der Familie Porsche-Piëch verknüpft sind, sollen endlich unter einem Dach zusammengeführt werden.
Milliardenrisiken bei der Übernahme
Die Frage nach dem kaufmännischen Sinn stellt sich umso mehr, als die vollständige Übernahme von Porsche durch Volkswagen unkalkulierbare finanzielle Risiken birgt. Denn eine ganze Reihe internationaler Investmentfonds haben im Zusammenhang mit dem Übernahmekampf extrem viel Geld verloren und werfen Wiedeking und dem damaligen Finanzvorstand Holger Härter jetzt vor, den Kurs der VW-Aktie manipuliert zu haben.
Ende Dezember reichten die Fonds beim Landgericht Stuttgart Klage gegen die Porsche SE und die beiden Manager ein.Eine andere Klägergruppe zog vor das Landgericht Braunschweig. Nach Informationen des manager magazin hat Porsche den Fonds bereits eine freiwillige Zahlung in niedriger dreistelliger Millionenhöhe angeboten, wenn sie ihre Klagen fallenlassen. Doch die Fonds lehnten die Offerte ab. Sie fordern rund zwei Milliarden Euro.
Zwar gibt man sich in Wolfsburg demonstrativ gelassen. Doch das Risiko, womöglich mit einem Milliardenbetrag zur Kasse gebeten zu werden, wenn die Porsche-Holding die Schadensersatzprozesse als Volkswagen-Tochter verlieren sollte, scheuen selbst die Entschlossenen im Konzern.
Deshalb denken die Hausjuristen derzeit über ein kleine Lösung nach: Sie wollen der Porsche-Holding die restlichen 50,1 Prozent der Porsche AG abzukaufen, in der das operative Geschäft gebündelt ist. Volkswagen und Porsche hatten sich seinerzeit im Rahmen des Grundlagenvertrags über die Verschmelzung für das Paket gegenseitig Kauf- beziehungsweise Verkaufsoptionen eingeräumt, um sicherzustellen, dass das Autogeschäft nicht in die juristischen Auseinandersetzungen um die Holding hineingezogen werden kann.
Es geht ums Große und Ganze
Der Stuttgarter Rechtsanwalt Brun-Hagen Hennerkes, dessen Kanzlei auf die Beratung großer Familienunternehmen spezialisiert ist, sieht ohnehin eher persönliche Gründe Piëchs hinter den Fusionsbestrebungen. "Für Piëch gehören Volkswagen und Porsche schon deshalb zusammen, weil beide Unternehmen auf Basis einer Konstruktion seines Großvaters groß geworden sind", erklärt er. "Ein wichtiges Motiv dürfte aber auch Piëchs tiefe Überzeugung sein, er könne das Gesamtunternehmen besser führen als ein angestellter Manager wie Wiedeking."
Natürlich gibt es auch ein paar ganz sachliche Gründe, die eine komplette Integration von Porsche in den Konzern nahelegen. "Juristisch selbständige Unternehmen führen zu erheblich mehr Bürokratie", erklärt Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler. Schließlich müsse jede einzelne Dienstleistung und Transaktion zwischen Volkswagen und Porsche mit einem Vertrag besiegelt werden, schon allein um die Transparenz gegenüber den Steuerbehörden sicherzustellen. Insgesamt beziffert Porsche-Sprecher Hans-Gerd Bode die Synergieeffekte auf rund 700 Millionen Euro pro Jahr. Keine besonders eindrucksvolle Summe für den Volkswagen-Konzern mit zuletzt knapp 127 Milliarden Euro Jahresumsatz und 7,1 Milliarden Gewinn. Glaubt man den Kritikern der Verschmelzung, dann dürfte die Summe der Einsparungen sogar noch erheblich kleiner ausfallen.
Aber solche Erwägungen, das darf man getrost annehmen, sind für einen wie Piëch zweitrangig. Für ihn geht es ums Große und Ganze. Der 74-Jährige setzt durch, was er für richtig hält - koste es, was es wolle. Kritiker lasten ihm teure Prestigeprojekte wie den Bugatti Veyron und den VW Phaeton an. Bewunderer stellen die Qualitäten der Autos in den Mittelpunkt und loben seinen unternehmerischen Weitblick.
Fusion sichert Porsches Überleben
"Wer weiß - vielleicht spielen persönliche Motive die entscheidende Rolle für Piëch", sagt Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut IHS Automotive. "Aber was macht das schon, wenn die Übernahme auch objektiv Sinn ergibt". Porsche gelte schon lange als zu klein, um langfristig auf eigenen Beinen zu stehen. Die Entwicklung neuer Modellreihen zum Beispiel käme ohne starken Partner nicht in Betracht.
Und wie groß ist die Gefahr, dass Porsche als eine unter vielen Konzerntöchtern seinen Ruf als exklusive Sportwagenschmiede verliert? "In Wolfsburg hat man schon bewiesen, das man in solchen Fällen mit großem Geschick vorgeht", erwidert Stürmer. Lamborghini und Bentley bedienten sich regelmäßig aus dem VW-Konzernregal, um Entwicklungskosten zu sparen. Sie seien damit erfolgreicher denn je.
Viel größer sei das Risiko, dass der kunstvoll austarierte Konzern in der Ära nach Piëch und Winterkorn aus der Balance gerät, fürchtet der Experte. "Ein Nachfolger könnte mit der Steuerung des Zwölf-Marken-Riesen überfordert sein."
Aber ein Wachwechsel ist für die beiden Manager an der Volkswagen-Spitze offensichtlich derzeit ohnehin kein Thema. Winterkorns Vertrag läuft noch bis Ende 2016, obwohl er im Mai schon 65 Jahre als wird. Und auf der Hauptversammlung am 19. April will sich Piëch für eine dritte fünfjährige Amtszeit als Aufsichtsratschef zur Wahl stellen - zwei Tage nach seinem 75. Geburtstag. Dass der Plan schiefläuft, damit ist kaum zu rechnen. Die Arbeitnehmer stehen geschlossen hinter ihm. Wahrscheinlich wird die Ära Piëch bei Volkswagen also erst enden, wenn der Patriarch sein 80. Lebensjahr vollendet hat.
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