Volkswagen-Kontrolleur Piëch: Die letzte Schlacht des Patriarchen

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Hedgefonds drohen mit milliardenschweren Schadensersatzforderungen, doch davon lässt sich Volkswagen-Herrscher Ferdinand Piëch nicht beeindrucken. Mit aller Macht treibt er die Komplettübernahme von Porsche voran. Längst geht es nicht mehr um Geld, sondern um die Vollendung seines Lebenswerks.

Mr. Volkswagen: Ferdinand Piëchs sagenhafte Karriere Fotos
DPA

Berlin - Er hat die Schlacht nicht begonnen, doch jetzt führt er sie zu Ende. Vor gut drei Jahren schien es, als müsse sich Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch dem damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking beugen. Doch bereits wenige Monate später hatten sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt. Heute sitzen Statthalter aus Wolfsburg im Porsche-Vorstand. Die Porsche-Ingenieure müssen sich mit den Entwicklungsabteilungen der anderen Konzernmarken abstimmen. Für Sonderwege ist die Erlaubnis aus Wolfsburg nötig.

Eigentlich könnten Piëch und sein Adlatus, Volkswagen-Vorstandschef Martin Winterkorn, es dabei bewenden lassen. Die Integration beider Unternehmen ist schließlich schon so weit fortgeschritten, dass es im Prinzip keinen Unterschied mehr macht, ob Porsche sich nun in eine VW-Tochter verwandelt oder gesellschaftsrechtlich eigenständig bleibt. Eigentlich.

Doch längst geht es nicht mehr um schnöde Betriebswirtschaft. Es geht um die Vollendung von Piëchs Lebenswerk. Die beiden Unternehmen Volkswagen und Porsche, die seit Jahrzehnten untrennbar mit dem Schicksal der Familie Porsche-Piëch verknüpft sind, sollen endlich unter einem Dach zusammengeführt werden.

Milliardenrisiken bei der Übernahme

Die Frage nach dem kaufmännischen Sinn stellt sich umso mehr, als die vollständige Übernahme von Porsche durch Volkswagen unkalkulierbare finanzielle Risiken birgt. Denn eine ganze Reihe internationaler Investmentfonds haben im Zusammenhang mit dem Übernahmekampf extrem viel Geld verloren und werfen Wiedeking und dem damaligen Finanzvorstand Holger Härter jetzt vor, den Kurs der VW-Aktie manipuliert zu haben.

Ende Dezember reichten die Fonds beim Landgericht Stuttgart Klage gegen die Porsche SE und die beiden Manager ein.Eine andere Klägergruppe zog vor das Landgericht Braunschweig. Nach Informationen des manager magazin hat Porsche den Fonds bereits eine freiwillige Zahlung in niedriger dreistelliger Millionenhöhe angeboten, wenn sie ihre Klagen fallenlassen. Doch die Fonds lehnten die Offerte ab. Sie fordern rund zwei Milliarden Euro.

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Chronologie: Wie sich Porsche an VW verhob
Dem manager magazin zufolge haben inzwischen auch die Erben des Pharma-Unternehmers Adolf Merckle Schadensersatzansprüche gegen Porsche geltend gemacht. Sie verlangen rund 250 Millionen Euro. Adolf Merckle hatte sich im Januar 2009 umgebracht, nachdem er mit Fehlspekulationen auf die VW-Aktie Hunderte Millionen Euro verloren hatte.

Zwar gibt man sich in Wolfsburg demonstrativ gelassen. Doch das Risiko, womöglich mit einem Milliardenbetrag zur Kasse gebeten zu werden, wenn die Porsche-Holding die Schadensersatzprozesse als Volkswagen-Tochter verlieren sollte, scheuen selbst die Entschlossenen im Konzern.

Deshalb denken die Hausjuristen derzeit über ein kleine Lösung nach: Sie wollen der Porsche-Holding die restlichen 50,1 Prozent der Porsche AG abzukaufen, in der das operative Geschäft gebündelt ist. Volkswagen und Porsche hatten sich seinerzeit im Rahmen des Grundlagenvertrags über die Verschmelzung für das Paket gegenseitig Kauf- beziehungsweise Verkaufsoptionen eingeräumt, um sicherzustellen, dass das Autogeschäft nicht in die juristischen Auseinandersetzungen um die Holding hineingezogen werden kann.

Es geht ums Große und Ganze

Der Stuttgarter Rechtsanwalt Brun-Hagen Hennerkes, dessen Kanzlei auf die Beratung großer Familienunternehmen spezialisiert ist, sieht ohnehin eher persönliche Gründe Piëchs hinter den Fusionsbestrebungen. "Für Piëch gehören Volkswagen und Porsche schon deshalb zusammen, weil beide Unternehmen auf Basis einer Konstruktion seines Großvaters groß geworden sind", erklärt er. "Ein wichtiges Motiv dürfte aber auch Piëchs tiefe Überzeugung sein, er könne das Gesamtunternehmen besser führen als ein angestellter Manager wie Wiedeking."

Natürlich gibt es auch ein paar ganz sachliche Gründe, die eine komplette Integration von Porsche in den Konzern nahelegen. "Juristisch selbständige Unternehmen führen zu erheblich mehr Bürokratie", erklärt Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler. Schließlich müsse jede einzelne Dienstleistung und Transaktion zwischen Volkswagen und Porsche mit einem Vertrag besiegelt werden, schon allein um die Transparenz gegenüber den Steuerbehörden sicherzustellen. Insgesamt beziffert Porsche-Sprecher Hans-Gerd Bode die Synergieeffekte auf rund 700 Millionen Euro pro Jahr. Keine besonders eindrucksvolle Summe für den Volkswagen-Konzern mit zuletzt knapp 127 Milliarden Euro Jahresumsatz und 7,1 Milliarden Gewinn. Glaubt man den Kritikern der Verschmelzung, dann dürfte die Summe der Einsparungen sogar noch erheblich kleiner ausfallen.

Aber solche Erwägungen, das darf man getrost annehmen, sind für einen wie Piëch zweitrangig. Für ihn geht es ums Große und Ganze. Der 74-Jährige setzt durch, was er für richtig hält - koste es, was es wolle. Kritiker lasten ihm teure Prestigeprojekte wie den Bugatti Veyron und den VW Phaeton an. Bewunderer stellen die Qualitäten der Autos in den Mittelpunkt und loben seinen unternehmerischen Weitblick.

Fusion sichert Porsches Überleben

"Wer weiß - vielleicht spielen persönliche Motive die entscheidende Rolle für Piëch", sagt Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut IHS Automotive. "Aber was macht das schon, wenn die Übernahme auch objektiv Sinn ergibt". Porsche gelte schon lange als zu klein, um langfristig auf eigenen Beinen zu stehen. Die Entwicklung neuer Modellreihen zum Beispiel käme ohne starken Partner nicht in Betracht.

Und wie groß ist die Gefahr, dass Porsche als eine unter vielen Konzerntöchtern seinen Ruf als exklusive Sportwagenschmiede verliert? "In Wolfsburg hat man schon bewiesen, das man in solchen Fällen mit großem Geschick vorgeht", erwidert Stürmer. Lamborghini und Bentley bedienten sich regelmäßig aus dem VW-Konzernregal, um Entwicklungskosten zu sparen. Sie seien damit erfolgreicher denn je.

Viel größer sei das Risiko, dass der kunstvoll austarierte Konzern in der Ära nach Piëch und Winterkorn aus der Balance gerät, fürchtet der Experte. "Ein Nachfolger könnte mit der Steuerung des Zwölf-Marken-Riesen überfordert sein."

Aber ein Wachwechsel ist für die beiden Manager an der Volkswagen-Spitze offensichtlich derzeit ohnehin kein Thema. Winterkorns Vertrag läuft noch bis Ende 2016, obwohl er im Mai schon 65 Jahre als wird. Und auf der Hauptversammlung am 19. April will sich Piëch für eine dritte fünfjährige Amtszeit als Aufsichtsratschef zur Wahl stellen - zwei Tage nach seinem 75. Geburtstag. Dass der Plan schiefläuft, damit ist kaum zu rechnen. Die Arbeitnehmer stehen geschlossen hinter ihm. Wahrscheinlich wird die Ära Piëch bei Volkswagen also erst enden, wenn der Patriarch sein 80. Lebensjahr vollendet hat.

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1. Finanzierungsproblem?
prophet46 21.01.2012
Zitat von sysopHedgefonds drohen mit milliardenschweren Schadensersatzforderungen, doch davon lässt sich*Volkswagen-Herrscher Ferdinand Piëch nicht beeindrucken. Mit aller Macht treibt er die Komplettübernahme von Porsche voran. Längst geht es nicht mehr um Geld, sondern um die Vollendung seines Lebenswerks. Volkswagen-Kontrolleur Piëch: Die*letzte Schlacht des Patriarchen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809569,00.html)
Vielleicht besteht Piech aus einem anderen Grund so vehement auf die Fusion von VW und Porsche. Wie kamen die Porsche/Piech-Familien in den Besitz eines großen Stammaktienpakets von VW, mit dem sie sich die industrielle Führung dieses Riesenunternehmens mit bald 500 Td. Beschäftigten sichern konnten? Man spricht von einem Anteil von 30 bis 50 %. Porsche und Piech galten in der Vergangenheit eher als mittelschwere Milliardäre. Geschah der Kauf der VW-Aktienkauf etwa unter Einsatz von Krediten, die im Gegenzug durch den Kauf ihres Anteils an Porsche durch VW abgelöst werden sollten? Dann könnten jetzt die kreditgebenden Banken drücken. Gesetzten Fall die Milliardenklagen gegen Porsche kommen durch, das Vergleichsangebot von Porsche spricht dafür, dann wäre das Unternehmen vermutlich deutlich weniger wert. Die Erlöse bei einem Verkauf von Porsche an VW würden sich dadurch verringern. Können Porsche und Piech die Kredite nicht in Gänze zurück zahlen, müssten sie sich wohl von einem Teil ihrer Stammaktien an VW trennen, was ihren Einfluss wiederum schmälern würde. Es ist nur eine reine Spekulation, aber vielleicht sind das die wahren Beweggründe.
2. Quelle von Wulffs "Schenkung" ?
ekenkis 21.01.2012
Zitat Denn eine ganze Reihe internationaler Investmentfonds haben im Zusammenhang mit dem Übernahmekampf extrem viel Geld verloren und werfen Wiedeking und dem damaligen Finanzvorstand Holger Härter jetzt vor, den Kurs der VW-Aktie manipuliert zu haben. Zitatende Jemand, der damals im Vorstand bei VW sass, wusste ja was lief und wie es laufen würde und konnte sein Insiderwissen jemandem geben, der ihn nach einer erfolgreichen grösseren Spekulation dafür belohnte. Warum graben die Medien, z.B. SPON, da nicht mal ??? Können sie es nicht oder dürfen sie es nicht ?
3. Es geht nur um Macht
mamasliebling 21.01.2012
Wer Piech jemals erlebt hat, weiß es geht hier nur um Macht und anderen den "Todesstoß" zu versetzen um zu zeigen, wie klein sie sind! Ach ja Piech hatte (MP) Schröder und dessen damalige Frau mal mit zum Wiener Opernball genommen...................
4. Tüchtigkeit gepaart mit Altersstarrsinn
eckawol 21.01.2012
Zitat von sysopHedgefonds drohen mit milliardenschweren Schadensersatzforderungen, doch davon lässt sich*Volkswagen-Herrscher Ferdinand Piëch nicht beeindrucken. Mit aller Macht treibt er die Komplettübernahme von Porsche voran. Längst geht es nicht mehr um Geld, sondern um die Vollendung seines Lebenswerks. Volkswagen-Kontrolleur Piëch: Die*letzte Schlacht des Patriarchen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809569,00.html)
hat schon große Unternehmen(Borgward, Grundig) in den Untergang geführt, weil der Patriarch ein Lebenswerk vollenden wollte.
5.
biobanane 21.01.2012
Zitat von prophet46Vielleicht besteht Piech aus einem anderen Grund so vehement auf die Fusion von VW und Porsche. Wie kamen die Porsche/Piech-Familien in den Besitz eines großen Stammaktienpakets von VW, mit dem sie sich die industrielle Führung dieses Riesenunternehmens mit bald 500 Td. Beschäftigten sichern konnten? Man spricht von einem Anteil von 30 bis 50 %. Porsche und Piech galten in der Vergangenheit eher als mittelschwere Milliardäre. Geschah der Kauf der VW-Aktienkauf etwa unter Einsatz von Krediten, die im Gegenzug durch den Kauf ihres Anteils an Porsche durch VW abgelöst werden sollten? Dann könnten jetzt die kreditgebenden Banken drücken. Gesetzten Fall die Milliardenklagen gegen Porsche kommen durch, das Vergleichsangebot von Porsche spricht dafür, dann wäre das Unternehmen vermutlich deutlich weniger wert. Die Erlöse bei einem Verkauf von Porsche an VW würden sich dadurch verringern. Können Porsche und Piech die Kredite nicht in Gänze zurück zahlen, müssten sie sich wohl von einem Teil ihrer Stammaktien an VW trennen, was ihren Einfluss wiederum schmälern würde. Es ist nur eine reine Spekulation, aber vielleicht sind das die wahren Beweggründe.
Nicht die Familie Porsche hat die VW-Aktien gekauft, sondern die Firma Porsche. Porsche gehört anteilig den Porsches und den Pierchs. Die Firma Porsche hat die Aktien zuerst aus den Rücklagen gekauft, dann über Kredite. Hätte die EU das VW-Gesetz gekippt, dann hätte das mit der Übernahme wohl geklappt. Insgesamt alles sehr bizarr, da Pierch als VW-Chef gegen seine eigene Firma nämlich Porsche, gearbeitet hat. Wohl nur dadurch zu erklären, dass er der einzige aus der Porsche-Enkel Generation war, der das Autogeschäft im Blut hatte, sich aber bei Porsche nicht gegen die Familie Porsche durchsetzten konnte und deshalb zu anderen Autobauer ging, ich glaube zuerst war er bei Ford. Andererseits verstehe ich nicht, warum die Finanzunternehem nun so jammern. Das ist eben das Risiko bei solchen Geschäften. Wer Aktien verkauft, die er nicht hat, der muss sich Gedanken machen, ob die überhaupt noch gehandelt werden. Und so funktioniert nun mal die Börse, wenn keiner was verkaufen will, dann steigen die Preise.
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