VW-Chef in der Krise Herr Müller zur Kopfwäsche, bitte!

In der VW-Affäre berät das Präsidium des Aufsichtsrats über die desaströse USA-Mission von Matthias Müller. Der Vorstandschef wird unangenehme Fragen beantworten müssen - denn seine Fehler dürften den Konzern viel Geld kosten.

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Volkswagenchef Müller (in Detroit): Kühle Abfuhr von der US-Umweltbehörde
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Volkswagenchef Müller (in Detroit): Kühle Abfuhr von der US-Umweltbehörde


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Als Matthias Müller im September sein Amt antrat, versprach er eine neue Führungskultur. Hierarchiedenken und das Verschweigen von Schwachstellen sollten endgültig der Vergangenheit angehören, Volkswagen brauche keine Jasager, sagt der Manager. "Jeder muss verinnerlichen, dass Fehler bei uns erlaubt sind, wenn wir daraus lernen können".

Wohl kaum einer innerhalb und außerhalb des Konzerns ahnte da, dass ausgerechnet der Volkswagen-Chef einer der ersten sein würde, der die neue Nachsicht in Anspruch nehmen muss. An diesem Dienstag trifft sich das Präsidium, um über die verkorkste USA-Reise des Vorstandschefs zu beraten - und darüber, was man daraus lernen kann.

Mit wenigen Sätzen in einer Sendung des Radioverbunds NPR hatte Müller zu Beginn der Detroit Motor Show die monatelange Arbeit der Konzerndiplomaten zunichte gemacht. Den Abgasskandal tat er als rein technisches Problem ab, das keinerlei Rückschlüsse auf die Konzernethik zulasse.

Am Morgen darauf hörten die PR-Strategen das Statement im Radio und schickten ihren Chef noch einmal vor das Mikrofon des Senders, um den verheerenden Eindruck des ersten Auftritts wettzumachen. Doch der Schaden ließ sich nicht beheben.

Im Gegenteil: Es ging schlecht weiter. In anschließenden Gesprächen mit der US-Umweltbehörde EPA erteilte deren Vorsitzende Gina McCarthy Müllers Plänen eine kühle Abfuhr. Wahrscheinlich, so rechnen Experten vor, wird es jetzt für Volkswagen erheblich teurer werden, die Affäre aus der Welt zu schaffen.

Ablösung unwahrscheinlich

Das Präsidium wird die zu erwartenden Kosten wahrscheinlich zähneknirschend hinnehmen, wie aus Konzernkreisen zu erfahren war. "Die Demission von Müller halte ich für extrem unwahrscheinlich", sagt ein Insider. Die Großaktionäre hätten sich bereits klar hinter den Top-Manager gestellt. Kritische Töne kämen dagegen aus dem Lager der Arbeitnehmer, die jedoch wegen des Sparkurses ohnehin schlecht auf Müller zu sprechen seien.

Der Rückhalt für Müller hat einen entscheidenden Grund: Nach Überzeugung der Anteilseigner ist er schlicht der beste, der derzeit für diesen Job zur Verfügung steht. In den vergangenen Monaten hat er dem Umbau mit überraschendem Tempo vorangetrieben und dabei auch unbequeme Entscheidungen durchgesetzt.

Möglich war das nur, weil Müller über ein Netzwerk im Konzern verfügt, das ihm die dafür nötige Schlagkraft verleiht. Andere Kandidaten, die das Talent hätten, einen Konzern wie VW zu führen, haben dieses Netzwerk (noch) nicht. VW-Markenvorstand Herbert Diess zählt dazu, aber auch Lkw-Chef Andreas Renschler.

Müllers Talente wiegen seine Schwächen auf diplomatischem Parkett immer noch mehr als auf. Im Konzern sehen es viele ohnehin als Treppenwitz, dass er jetzt als derjenige gilt, dem vorgeworfen wird, die Schuld von Volkswagen in der Abgasaffäre kleinzureden. Ausgerechnet Müller, der die Betrügereien am schärfsten verurteile, wie man in seinem Umfeld versichert. Allerdings sei der Chef eben auch der Überzeugung, dass nicht der gesamte Konzern kriminell sei, nur weil ein kleiner Kreis Gesetze gebrochen habe.

Wenn Müller bei der Präsidiumssitzung jedoch größeren Ärger vermeiden will, sollte er eine Lektion gelernt haben: Dass Respektlosigkeiten gegenüber Justiz und Umweltbehörden in den USA zu den schwersten Fehlern gehören, die man als Chef eines ausländischen Konzerns derzeit begehen kann. Denn Gespräche über etwaige Kompromisse werden erst möglich, wenn die Schuld uneingeschränkt eingestanden und die Reue glaubhaft versichert ist. So gesehen kostet jede falsche Bemerkung Millionen.


Zusammengefasst: Auf der Präsidiumssitzung des VW-Aufsichtsrats muss Volkswagen-Chef Matthias Müller erklären, wie seine USA-Reise zum Fehlschlag werden konnte und wie er Pannen dieser Art künftig vermeiden will. Der Ausrutscher im Interview dürfte den Konzern sehr viel Geld kosten.



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insgesamt 130 Beiträge
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alter_nativlos 19.01.2016
1. Herr Müller wird sden VW-Konzern viel Geld kosten...
Diese Aussage ist nur die halbe Wahrheit: Der Aktionär wird diese Kosten zu tragen haben und hinzu kommt noch die Abfindung in Millionenhöhe für Herrn Müller, wenn er nicht mehr zu halten ist...
southofhighway 19.01.2016
2. Wahrscheinlich...
wird er zu einem Intensiv-Englischkurs zwangsverpflichtet :-)
steeldust2001 19.01.2016
3.
Mir wird aus dem Artikel nicht klar, wieso eine falsche Äußerung Millionen kostet? Autokäufer interessieren sich genau so wenig für Ökologie, wie einen IPhone-Käufer die Arbeitsbedingungen chinesischer Zulieferkonterne kümmert.
amdorf 19.01.2016
4. Arogant
Die Manager von VW haben sich, wie unsere Politiker, von der Realität weit entfernt und schweben in höheren Spähren. VW wird eine Bauchlandung machen. Ob es den Konzern in 10 Jahren noch gibt?
Faktomat 19.01.2016
5. Aufsichtsratfehler
Herrn Mueller kann man nichts vorwerfen. Ebensowenig, wie man einem geistig Behinderten vorwerfen koennte, bei Differentialgleichungen zu schwaecheln. Das Haus brennt. Die Gefahr - in Hoehe von Milliarden, bis hin zur Insolvenz - geht von den USA aus. Die Kriterien fuer die Besetzung des "CEO" sind damit klar: Brilliantes Englisch sowieso. Mehrjaehrige USA Erfahrung. Dabeigewesen bei aehnlichen Krisen und im Umgang mit US-Behoerden. Erfahrung mit US Medien (Interviewtechniken). Solche Manager gibt es durchaus; vielleicht nicht im eigenen Haus, vielleicht nicht bestens geeignet, in Normalzeiten einen Autokonzern zu fuehren. Aber dies waere durch eine Art Doppelspitze loesbar; einem CEO fuer die Aussenpolitik (incl. Verhandlungen mit Behoerden) und einem COO fuers Tagesgeschaeft. Herr Mueller ist eine eklatante Fehlbesetzung und es fragt sich nur, wie schnell der Aufsichtsrat dies korrigiert. (Wie lange hat es bei der Deutschen Bank gedauert ? VW hat nicht so viel Zeit - es geht ums Ueberleben). Man kann Herrn Mueller auch nicht vorwerfen, seine mangelnde Eignung selbst erkannt und den Posten abgelehnt zu haben. Man wird nicht Chef von Porsche ohne das Selbstbewustsein, auch mehr zu koennen. Und wer hat im Aufsichtsrat das Sagen ? SPD Politiker und Gewerkschaftler (nachdem Piech sich zurueckgezogen hat, entweder weil er keine Lust mehr hatte, oder weil er auf den richtigen Zeitpunkt fuer ein Comeback wartet).
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