Aufklärer bei Volkswagen Ausgerechnet der!

VW betraut Einkaufschef Francisco Javier Garcia Sanz mit der Aufarbeitung des Diesel-Skandals. Doch der stand selbst mehrmals im Fokus der Staatsanwaltschaft.

Winterkorn-Vertrauter und neuer Aufklärer in Sachen Diesel: Garcia Sanz
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Winterkorn-Vertrauter und neuer Aufklärer in Sachen Diesel: Garcia Sanz

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Volkswagen-Chef Matthias Müller scherzt mit den Fotografen, bevor er Platz nimmt im MobileLifeCampus in Wolfsburg. In dem Gebäude, das den Bereich Informationstechnologie von VW beheimatet, findet eine historische Pressekonferenz statt. Müller stellt sich den Fragen der Journalisten zu einer der größten Affären in der Unternehmensgeschichte - dem Abgasskandal.

Neben ihm sitzt der neue Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, hinter ihm eine fast symbolträchtige weiße Wand mit "Volkswagen"-Schriftzügen. Doch das Image von VW ist derzeit alles andere als rein. Das wird auch eine Person nicht ändern können, die ab sofort eine zentrale Rolle rund um den Skandal übernehmen soll. Ausgerechnet sie fehlt auf dem Podium: Francisco Javier Garcia Sanz.

Garcia Sanz ist der dienstälteste Vorstand bei VW und nun zusätzlich zu seinem Job als Einkaufschef mit der "Aufarbeitung der Diesel-Thematik" betreut, wie es dazu in einer Pressemitteilung vom 9. Dezember heißt. Doch die Personalie entsetzt Branchenkenner und ehemalige Weggefährten: "Das kann nicht wahr sein", ärgert sich ein Ex-Automanager, der ungenannt bleiben möchte. "Da hat man den Bock zum Gärtner gemacht."

Garcia Sanz gilt als harter Knochen

Garcia Sanz hat - um es vorsichtig zu formulieren - in der Vergangenheit nicht gerade als Aufklärer geglänzt. Mehr noch: Der 58-Jährige, der unter Zulieferern das Image eines "harten Knochen" genießt, war selbst in mehrere Affären verstrickt. Da wäre zum einen die Sponsoringaffäre beim Fußballklub VfL Wolfsburg - dem Werksklub von VW. Garcia Sanz ist dort seit 2009 Vorsitzender des Aufsichtsrats und Mitglied des mächtigen Präsidiums.

In dieser Angelegenheit, in der die Staatsanwaltschaft ab dem Jahr 2011 ermittelte, ging es um ein Koppelgeschäft zwischen Volkswagen und der Telekom-Tochter T-Systems. VW-Manager hatten offenbar die Fortsetzung eines Sponsorings für den Fußballklub verlangt, um im Gegenzug die Pflege von Computersystemen weiterhin an T-Systems zu vergeben. Die Strafverfolger hatten bei Durchsuchungen in Wolfsburg gleich mehrere Hinweise auf Koppelgeschäfte zwischen dem Fußballverein und dem Autohersteller gefunden. Laut "Süddeutscher Zeitung" sind manche Dokumente auch auf dem Schreibtisch von Garcia Sanz gelandet.

Am Ende wurde gegen Volkswagen ein Bußgeld in Höhe von zwei Millionen Euro verhängt, von einem persönlichen Bußgeld gegen den Einkaufsvorstand sah die Staatsanwaltschaft ab. Mit der Begründung: Der Konzern habe nach "Bekanntwerden der Bestechungstaten" Konsequenzen gezogen.

Ist das Misstrauen gegenüber den Technikern so groß?

Garcia Sanz besitzt Eigenschaften wie Teflon, scherzt deshalb ein Headhunter, der ihn kennt. "Alle Vorwürfe prallen an ihm ab." Doch trotzdem wird er sein Schmuddelimage nicht mehr los.

Zu diesem trugen weitere Skandälchen bei: So war Garcia Sanz zusammen mit einem Unternehmer, der von VW Aufträge erhielt, an mehreren Immobilienfirmen beteiligt. In Konzernen, die die Grundsätze der guten Unternehmensführung beherzigen, ist eine solche Verquickung eigentlich unmöglich.

Unternehmen, die Corporate Governance nicht als Übel sehen, sondern als Verpflichtung, hätten Garcia Sanz deshalb womöglich nie eingestellt. Denn bevor der Spanier mit dem Schnauzbart zu VW wechselte, war er in der Gefolgschaft des berühmt-berüchtigten Einkaufschefs José Ignacio López für Opel in Rüsselsheim tätig, später auch für General Motors in Detroit. Anfang der Neunzigerjahre hatte er sein offenbar stark baufälliges Eigenheim in Rüsselsheim renovieren lassen. Die Arbeiten erledigte der Opel-Lieferant Hochtief für knapp 400.000 Mark. Die Rechnungen sollen später über Scheinrechnungen von Opel beglichen worden sein.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte damals wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung, des Betrugs und der Untreue. Weil die Ermittler Garcia Sanz aber abschließend nicht überführen konnten, auf die Auftragsvergabe bei Hochtief Einfluss genommen zu haben, wurde das Verfahren letztlich eingestellt.

Dass Garcia Sanz nun bei VW in der Diesel-Affäre den Aufklärer geben soll, erscheint vielen als ein schlechter Witz. Schließlich galt der studierte Betriebswirt als enger Vertrauter von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Auch er soll - ähnlich wie sein damaliger Chef - mit Schrecken in seiner Abteilung herrschen. Selbst wenn diese Formulierung einer Übertreibung entspringen sollte, für eines steht Garcia Sanz nicht: für den von VW-Chef Müller angekündigten Kulturwandel.

Doch Müller verteidigt Garcia Sanz in der Pressekonferenz in Wolfsburg: Die Entscheidung, ihn als Aufklärer in der Diesel-Affäre einzusetzen, sei ein einvernehmlicher Vorstandsbeschluss gewesen. Man habe jemanden gebraucht, der lange im Unternehmen ist, dieses kennt und entsprechende Erfahrung mitbringe, sagte ein Konzernsprecher. Er kündigte an, dass Garcia Sanz einem Team aus etwa 50 Leuten vorstehen wird, die aus den unterschiedlichen Konzernbereichen wie Technik, Vertrieb oder Finanzen kommen werden.

Der ehemalige Automanager ringt nach Erklärungen für die Personalie: "Es kann nur einen Grund haben: Das Misstrauen gegenüber den Technikern bei VW ist derzeit so groß, dass es einen Fachfremden als Aufklärer bedarf."



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
dirk1962 10.12.2015
1. Passt doch
...damit nur nicht der Eindruck entsteht, VW würde es Ernst meinen mit der Aufklärung. Ist auch noch wirklich nötig, die Lobby macht doch gute Arbeit. Gestern haben wir gelernt, dass es gar kein CO2 Problem gegeben hat. Ich bin sicher, noch mal 6 Wochen weiter und VW hatte auch nie die Diesel Problem. Es wird sich alles als großer Irrtum erweisen und alles ist gut. VW schafft das.
eduardo_dk 10.12.2015
2. Ja, es bedarf eines Fachfremden als Aufklärer
aber der sollte nicht nur fachfremd sondern auch unabhängig und somit VW-fremd sein. Aber Aufklärung ist offensichtlich garnicht gewollt, sondern man sucht nach Möglichkeiten und Personal, welches schadensbegrenzend verschleiern kann.
Pinin 10.12.2015
3. Altes Sprichwort
"Bock zum Gärtner machen" - wir wissen schon was uns VW damit sagen will: Was ihr über uns denkt ist uns sowas von egal ...
raber 10.12.2015
4. Teflon-Garcia als Aufklärer-Boss ist eine bittere Lachnummer
Gerade der Einkaufschef ist eine der schlechtesten Kandidaten für diesen Job. Jetzt wird noch weiter versteckt, verwirrt und geschönt. Teflon-Garcia wird sich schon einiges einfallen lassen und dies auch noch mit Rückendeckung von Müller. Jetzt wird VW noch mehr versaut. Die Behörden können offiziell nichts unternehmen. Aber Niedersachsen ist der grösste Aktionär und hätte sich nicht zu diesem Spielchen überreden lassen sollen. Oder waren die "Argumente" zu gut?
tomita 10.12.2015
5. Ausgerechnet ?
Wäre mein Name nicht Hase sondern VW, dann würde ich sagen: Genau der richtige Anwalt für mich :-) The business must go on!
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