VW-Abgasskandal Neue Enthüllungen erhöhen Druck auf Vorstände

Es läuft nicht gut für Volkswagen. Neue Enthüllungen in der Abgasaffäre belasten Mitglieder des amtierenden Vorstands. Nur die Gespräche mit den US-Umweltbehörden scheinen voranzukommen.

Stammwerk von Volkswagen in Wolfsburg
Getty Images

Stammwerk von Volkswagen in Wolfsburg


Der Abgasskandal, so scheint es, nimmt für Volkswagen so schnell kein Ende. Sammelklagen, der holprige Start der Nachrüstung der 11 Millionen manipulierten Fahrzeuge und die Hinhaltetaktik bei der Aufklärung verschaffen den Wolfsburgern regelmäßig negative Schlagzeilen. Nach den Nachrichten vom Wochenende dürfte sich der Druck noch einmal erhöhen:

  • Markenchef Herbert Diess und Konzernvorstand Francisco Javier Garcia Sanz sollen nach SPIEGEL-Informationen schon am 24. August 2015 vom Einsatz der verbotenen Motorsoftware erfahren haben - Wochen bevor VW den Gesetzesverstoß offiziell einräumte. (Den entsprechenden Bericht im neuen SPIEGEL finden Sie hier.) Berichtet hat danach der damalige Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer vom Einbau der Defeat Devices in den US-Modellen. Nach Aussagen von Zeugen gegenüber der Anwaltskanzlei Jones Day soll Garcia als Gast an der Sitzung teilgenommen haben. Besonders pikant: VW-Manager Garcia ist im Vorstand zuständig für "die Aufarbeitung" der Folgen des Betrugs. Er verhandelt mit der US-Umweltbehörde EPA über die Entschädigung der Kunden. Ein VW-Sprecher sagt: "Zum Inhalt von Vorstandssitzungen geben wir grundsätzlich keine Stellungnahme ab."

  • Auch die Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters in den USA könnte noch für Ärger sorgen. Der Mann hat Anfang März bei einem Gericht im US-Bundesstaat Michigan Klage gegen die "Volkswagen Group of America" eingereicht. Wie NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" berichten, erklärt der frühere IT-Mitarbeiter laut Klageschrift, er habe nach dem 18. September bei seiner Tätigkeit im VW-Rechenzentrum in Michigan im Auftrag eines Vorgesetzten zu verhindern versucht, dass dort Daten gelöscht werden.

    Der Ex-Mitarbeiter trägt in seiner Klageschrift außerdem vor, er habe intern bei mehreren Gesprächen Bedenken geäußert, die US-Tochter von VW behindere die Justiz. VW sei offenbar davon ausgegangen, dass er die EPA, das Justizministerium, das FBI und eventuell weitere Behörden über die Löschungen informiere. Daraufhin sei ihm gekündigt worden. Ein VW-Sprecher wollte sich zu "arbeitsrechtlichen Differenzen" nicht äußern.

  • Der Rechercheverbund berichtet außerdem, dass die Manipulationen an der Motorsoftware offenbar umfangreicher waren als bisher bekannt. VW habe die Manipulationssoftware in Dieselfahrzeugen überarbeitet, als die kalifornische Umweltbehörde CARB den Konzern bereits wegen deutlich erhöhter Abgaswerte im Visier gehabt habe. Die Entwickler hätten anscheinend die illegale Abschaltvorrichtung noch zum Jahreswechsel 2014/2015 unbemerkt von den US-Behörden durch ein Update erweitert. Die Motorsteuerung konnte demnach fortan noch klarer unterscheiden, ob das Auto auf einem Prüfstand getestet wurde oder auf der Straße fuhr.

Unterdessen meldete die "Welt am Sonntag", dass die kalifornische Umweltbehörde CARB sich inzwischen kompromissbereiter zeige. Unter Verweis auf interne Aussagen eines CARB-Vertreters schreibt das Blatt, die Behörde beharre nicht mehr auf der kompletten Umrüstung aller knapp 600.000 betroffenen Autos in den USA.

Die Stimmung könnte jedoch schnell wieder kippen: Behördenvertreter reagieren bekanntlich empfindlich, wenn sie den Eindruck bekommen, dass ein Delinquent nicht vollständig kooperiert.

mik/dpa/Reuters

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flingern 13.03.2016
1. Überraschung?
"Die Entwickler hätten anscheinend die illegale Abschaltvorrichtung noch zum Jahreswechsel 2014/15 unbemerkt von den US-Behörden durch ein Update erweitert." Ja, was haben Sie denn gedacht? Natürlich haben Weltfirmen längst Strukturen, in denen ein innerbetrieblicher Geheimdienst dem von Großmächten in nichts nachsteht. Weitergedacht: Haben NSA und FBI und andere staatliche Behörden wirklich noch die Kontrolle über ihre Daten und Erkenntnisse?
al3x4nd3r 13.03.2016
2.
Eine Entfernung des Defeat Device sollte wohl ohne Diskussionen umgesetzt werden! Ob und wie die Grenzwerte bei verschiedenen Bedingungen umgesetzt werden, sollte Bestandteil einer Auseinandersetzung aller Hersteller sein.
Marinaandthediamondsfan 13.03.2016
3. VW sollte
... die vollen Konsequenzen seines Handelns tragen, das Land Niedersachsen seine Aktien verkaufen und wenn VW pleite geht, dann soll das so sein. Wie ich Deutschland kenne wird dieser Verein aber wieder vom Staat "gerettet". Die Justiz in Deutschland ist ja sowieso längst parteiisch auf der Seite von VW.
genugistgenug 13.03.2016
4. VV statt VW?
VV für V.oll V.ermasselt - doch wer hat eigentlich was anderes erwartet? Einmal gilt 'wir geben nur zu, was man uns beweisen kann' plus 'wir geben nur zu, was wir selbst auch wissen und wir wissen sowieso nie was'. Wie klamm VW schon dasteht beweist die Streichung der T-Shirts für die Mitarbeiter am Band. Oder ist das nur ein Beweis für Inkompetenz? Denn so ein Fiasko beim Zusammenhalt und Schaden für die Marke schafft nicht mal ein Lehrling im 1 Jahr. Als US Justiz würde ich denen die Läden dichtmachen, alles beschlagnahmen und einfrieren was geht - mal sehen wann das geschieht.
Referendumm 13.03.2016
5. Und immer noch
glaubt VW allen weismachen zu müssen, dass die Vorstände inkl. diesem unsäglichen Winterkorn von nichts, aber auch rein gar nichts gewusst zu haben: "Der VW-Konzern sieht nach der bisherigen internen Aufklärung zum Abgas-Skandal keine Hinweise auf eine Mitschuld des Vorstandes. Vielmehr glaubt Volkswagen beweisen zu können, dass der gesamte Vorstand erst wenige Wochen vor dem öffentlichen Auffliegen der Affäre von der Prüfstandserkennung wusste." Na klar, irgendwelche kleinen Softwarebastler haben so mal just for fun diese Betrugs-Software entwickelt (wahrscheinlich aufm Hof beim Zig-Rauchen) und selbstverständlich haben diese das eingebaut und keiner wusste was davon. Ja ne is klar! Das Schlimmste ist doch, dass der neue Chef Müller den Laden entweder immer noch nicht im Griff hat oder, dass er selber an den zig Vertuschungsversuchen aktiv teilnimmt. Anstatt diesen Stall endlich einmal umfassend auszumisten, er einen Kotau vor den US-Behörden macht und die Auto entweder alle komplett verschrottet oder eben in Nullkommanix umrüstet, also einen umfassenden Schlussstrich zieht, geht der VW-Chef Matthias Müller hin und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste und macht aus dieser Partie eine unendliche Geschichte. Aufräumen geht anders, Herr Müller!
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