Monatelange Lieferverzögerungen Neuer Abgastest wird für VW zum Milliardenrisiko

Die Umstellung auf eine neue Abgasnorm könnte für Volkswagen teuer werden. Dem VW-Konzern drohen nach SPIEGEL-Informationen Verzögerungen bei der Produktion und der Auslieferung von Hunderttausenden Fahrzeugen.

VW-Produktion in Wolfsburg
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VW-Produktion in Wolfsburg

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Der neue Abgastest namens WLTP setzt Volkswagen immer stärker unter Druck. Der Konzern schafft es nicht, seine Modellpalette pünktlich zum Starttermin am 1. September nach dem neuen, strengeren Standard zu zertifizieren. Deshalb drohen teils monatelange Verzögerungen bei der Auslieferung.

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Heft 24/2018
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Konzernkreisen zufolge kalkuliert der VW-Konzern das Risiko möglicher Verluste im Vergleich zur ursprünglichen Produktions- und Verkaufsplanung inzwischen auf eine mittlere sechsstellige Zahl an Fahrzeugen. Das bedeutet, dass diese Neufahrzeuge den Händler womöglich verspätet oder gar nicht erreichen, weil sie nicht rechtzeitig ein WLTP-Zertifikat erhalten haben. Für den Konzern ist das ein Milliardenrisiko.

Ähnlich wie seine Wettbewerber hat VW das Problem unterschätzt: Noch Ende 2017 ging der Konzern davon aus, mit fast allen Fahrzeugen im Zeitplan zu liegen. In internen Präsentationen hieß es: Nur eine fünfstellige Zahl an Autos, ein Zwanzigstel der heutigen Größenordnung, sei von möglichen Verzögerungen betroffen.

Auf einer Betriebsversammlung am Mittwoch hatte VW-Konzernchef Herbert Diess bereits angekündigt, dass der Konzern im dritten Quartal mit Ausfällen in der Produktion rechnen müsse. Nach den Werksferien im Juli baue Volkswagen in Wolfsburg Fahrzeuge, die die neuen WLTP-Normen erfüllten. Allerdings rechnet der Konzern dabei mit Engpässen, weil er nach eigenen Angaben nicht über ausreichend Prüfstände verfügt. Die Auslieferungen der Fahrzeuge, so Diess, erfolgten "nach und nach, sobald die erforderlichen Zulassungen vorliegen".

VW erklärt dazu, man habe Gegenmaßnahmen geplant, um die Auswirkungen auf die Produktion zu reduzieren. Man rechne im zweiten Halbjahr 2018 mit einem Effekt von etwa 200.000 bis 250.000 Fahrzeugen, die später als vorgesehen gebaut würden. Temporäre Produktionsengpässe seien nicht auszuschließen. Insgesamt würden die Ziele für 2018 aber bestätigt.

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Neuer Abgastest WLTP: Bei diesen Modellen müssen Kunden warten

Seit Wochen haben große Teile der Autobranche Probleme mit dem neuen Abgastest WLTP. Deshalb kommt es bei vielen Modellen, auch von BMW oder Porsche zu Lieferengpässen. Zahlreiche Hersteller bieten derzeit nur eine eingeschränkte Produktpalette, weil Modellvarianten noch kein WLTP-Zertifikat haben.

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insgesamt 51 Beiträge
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frummler 08.06.2018
1. selber schuld !
die ganze deutsche autoindustrie hatte genau wie alle andern hersteller auch ganze 4 jahre zeit sich darauf einzustellen! aber grössere motoren und die schummelsoftware dafür was denen ja wichtiger als die umwelt und die neue richtlinien der eu
dirk1962 08.06.2018
2. Deutsche Realsatire
Hat schon jemand etwas von Japanischen Herstellern gehört, die den Abgastest nicht schaffen? Natürlich nicht. Das hören wir nur unseren Autobauern. Bei mir macht sich der Eindruck breit, dass unsere angeblichen Premium Hersteller legal einfach nicht können? Haben sich die Herrschaften einmal mehr darauf verlassen, die Merkel und der Scheuer werden es schon richten? Schade für die Mitarbeiter - aber vielleicht auch ein Hinweis an sie das es Zeit wird das sinkende Schiff zu verlassen?
ardbeg17 08.06.2018
3.
ein etwas anderes Bild ergibt sich hier: http://m.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/neue-abgasnormen-fuer-benziner-bremsen-porsche-15620745.html. Interessant wäre mal, wie es bei Renault etc. aussieht. Toyota dürfte aufgrund seiner weit geringeren Variantenzahl mit dem Testen früher durch sein.
thorstenwege 08.06.2018
4. Verzögern, taktieren und lobbyen...
Wenn VW und Co auch nur einen Bruchteil der Energie in die Vorbereitungen zum WLTP gesteckt hätten, die die Konzerne in den Brüssler Arbeitsgruppen in die Lobbyarbeit gesteckt haben, wären sie heute im Zeitplan. Verzögerung, taktieren, technisch megacomplexe Umrechenprogramme entwickeln, dafür hatten sie Zeit und unendlich viel human capital in Brüssel. Alles darauf gerichtet künstlich niedrige Werte aufs Papier zu kriegen. Bloß keine neue wirkungsvolle Technologie entwickeln. Und jetzt jammern daß die zeit zu knapp ist. Ich spreche aus Erfahrung
geraldwinkeler 08.06.2018
5. Wo ist die Ursache?
Ich habe immer noch keine plausible Begründung für die Verzögerungen gehört. Die Zahl der Prüfstände und die Dauer jedes Prüfstandslaufes dürften doch wohl bekannt gewesen dein. Dazu hat man sich bei VW die Arbeit schon durch Streichung div. Motor/Getriebevarianten zum Nachteil der Kunden erleichtert. Hat man auf eine Verschiebung des Stichtages oder auf Ausnahmegenehmigungen gehofft? Oder war man zu sehr mit der Entwichlung neuer Rückleuchtengrafiken, Einstigsleistenbeleuchtungen, Gestensteuerungen und anderen Schnickschnacks beschäftigt? Fragen über Fragen. Ich bin mal gespannt, wer für die entstehenden finanziellen Verluste haft bar gemacht wird. Wird da ein Vorstandsmitglied haftbar gemacht?
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