Interne Berechnungen Neuer Abgastest hat VW bis zu 3,6 Milliarden Euro gekostet

Verzögerte Produktion, Lieferengpässe: Der Abgastest-Standard WLTP belastet die Autobranche. Bisher bezifferte VW die Einbußen auf eine Milliarde Euro. Nach SPIEGEL-Informationen zeigen interne Berechnungen eine deutlich höhere Summe.

VW-Zentrale in Wolfsburg
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VW-Zentrale in Wolfsburg


Im vergangenen Herbst hatte Volkswagen erhebliche Schwierigkeiten mit dem neuen Abgastest-Verfahren WLTP. Weil der Autohersteller es nicht schaffte, alle Fahrzeuge nach dem Standard zu zertifizieren, konnte der VW-Konzern seinen Kunden über Wochen hinweg nur eine stark eingeschränkte Modellpalette anbieten. Die Kosten dieser Probleme hatte das Unternehmen stets auf etwa eine Milliarde Euro beziffert. Jetzt macht die Arbeitnehmerseite jedoch eine andere Rechnung auf.

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Nach einer internen Kalkulation konnten wegen der Abgastest-Probleme eine Million Fahrzeuge nicht wie geplant ausgeliefert werden. Dadurch seien dem Konzern operative Gewinne in Höhe von 3,6 Milliarden Euro entgangen.

VW wurde den Großteil der betroffenen Fahrzeuge - rund 800.000 Stück - am Ende noch los, oft jedoch nur mit deutlichen Preisnachlässen. Oder den betroffenen Kunden wurde einfach ein anderes Auto angeboten. Das führte allerdings zu dem unerwünschten Nebeneffekt, dass Kaufinteressenten sich häufig für ein günstigeres Modell entschieden. Alleine durch diese Effekte, so die Kalkulation, sei das VW-Ergebnis um 1,6 Milliarden Euro belastet worden.

Bei den übrigen 200.000 Autos, die ursprünglich geplant waren, kam ein Geschäft gar nicht erst zustande. Sie wurden nie an Kunden ausgeliefert. Dadurch sind VW laut der Berechnung der Arbeitnehmerseite weitere zwei Milliarden Euro entgangen. Der Konzern kommentiert die Zahlen nicht. Zu diesen Themen - insbesondere den Ergebnisauswirkungen - werde man sich bei der Jahrespressekonferenz in der kommenden Woche äußern.

Schwierigkeiten beim Produktionsstart des Golf 8

Nach SPIEGEL-Informationen treten im Geschäftsjahr 2019 weitere Probleme auf. Nach Angaben aus dem Konzernumfeld hat VW Schwierigkeiten, die Produktion des neuen Golf 8 rechtzeitig hochlaufen zu lassen. Ein verspäteter Start dürfte dazu führen, dass der Hersteller bis zum Jahresende nicht wie geplant mindestens 80.000, sondern nur gut 10.000 Fahrzeuge produziert. Der VW-Gewinn, so schätzen Insider, könnte sich dadurch um bis zu 400 Millionen Euro verschlechtern.

Eine Verspätung beim neuen Golf würde außerdem dazu führen, dass VW das Vorgängermodell Golf 7 länger produzieren und verkaufen muss. Das könnte problematisch werden, weil im September die nächste Verschärfung der Abgasvorschriften bevorsteht. Dann müssen die Fahrzeuge realitätsnähere Straßentests bestehen.

Der beliebte Benzinmotor 1,5 TSI evo jedoch, der in jedem vierten verkauften Golf eingebaut ist, besitzt die nötige Zertifizierung noch nicht. Intern wird deshalb befürchtet, man werde weniger Autos verkaufen können als geplant und müsse höhere Vertriebskosten aufwenden. VW will sich dazu nicht äußern.

sh

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
dk_74 08.03.2019
1. Falsche Überschrift
Nicht der Abgastest hat VW so viel gekostet sondern das selbstgemacht Managementversagen. Die Einführung der Testvorschrift war lange bekannt und das Testverfahren ist auch schon recht alt (wird in den USA schon lange angewendet). Wenn sich dann eine Firma nicht darauf einstellt und rechtzeitig plant, ist das ein Fall von Managementversagen und nicht die Schuld der Vorschrift bzw. des Gesetzgebers.
Axel B. 08.03.2019
2. Nicht der neue Abgastest hat VW 3,6 Mio € gekostet ...
... sondern die Unfähigkeit, etwas, das Jahre zuvor bekannt war, rechtzeitig umzusetzen, weil die schlauen Herren meinten, das noch verhindern zu können. Esrt versagen und dann jammern. Mir fehlen die Worte. Aber egal, Hauptsache die Boni fließen
bayerns_bester 08.03.2019
3.
Der arme VW Konzern. Wurde er doch von diesem heimtückischen Gesetzgeber mit diesem neuen Testverfahren ohne jede Vorwarnung von heute auf morgen überrascht. Das ist bestimmt alles die Schuld dieser DUH Mafia. Was sitzen da eigentlich für Nieten im Vorstand von VW, wenn die so etwas nicht geregelt bekommen?
yonosoymarinero 08.03.2019
4. Gewinn / Verlust
Zitat "Bei den übrigen 200.000 Autos, die ursprünglich geplant waren, kam ein Geschäft gar nicht erst zustande. Sie wurden nie an Kunden ausgeliefert. Dadurch sind VW laut der Berechnung der Arbeitnehmerseite weitere zwei Milliarden Euro entgangen.". Also ein entgangener Gewinn pro entgangenem Autoverkauf von 10.000€. ?!? Das bezweifle ich !
Olli Ökonom 08.03.2019
5.
Zitat von dk_74Nicht der Abgastest hat VW so viel gekostet sondern das selbstgemacht Managementversagen. Die Einführung der Testvorschrift war lange bekannt und das Testverfahren ist auch schon recht alt (wird in den USA schon lange angewendet). Wenn sich dann eine Firma nicht darauf einstellt und rechtzeitig plant, ist das ein Fall von Managementversagen und nicht die Schuld der Vorschrift bzw. des Gesetzgebers.
Das ist so nicht ganz richtig. Die Grenzwerte waren zwar bekannt, nicht aber das Prüfverfahren. Außerdem muss bei diesem Prüfverfahren jede Modell, Motor, Getriebe ja teilweise Ausstattung nach dem Prüfstandard geprüft werden. VW hat als Variantenhersteller das Problem, dass es sehr viele Varainten gibt. Folge Sehr viele Prüfungen - im Gegensatz zu den japanischen Hersteller, von dem es proFahrzeug nur sehr wenige Varianten gibt. Es ist ja auch kein Fahrzeug durch die Test gefallen, man kam halt nicht mit den Prüfungen wie geplant durch.
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