Oberster VW-Händler zum Diesel-Urteil "Wir haben die Verunsicherung der Kunden vor Augen"

Mit dem Leipziger Diesel-Urteil drohen in deutschen Städten Fahrverbote. Deutschlands oberster VW- und Audi-Händler fordert Steuergelder für Nachrüstungen.

Verkehr in Stuttgart
imago/Arnulf Hettrich

Verkehr in Stuttgart

Ein Interview von


2018 schien gut zu beginnen: Der Volkswagenkonzern meldete stolz, er habe seine Verkaufszahlen in Deutschland trotz Abgasskandal stabilisieren können. 97.900 Fahrzeuge wurden Firmenangaben zufolge im Januar auf dem Heimatmarkt ausgeliefert. Ein Plus von 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat - dicker Eintauschprämien sei dank.

Doch dann kam erst der Skandal um Abgastests an Affen - und am Dienstag das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, nun drohen Fahrverbote. Die Zahl der Klagen von Dieselbesitzern steigt - und schon ab April sollen in Hamburg erste Fahrverbote kommen.

Die VW- und Audi-Händler befinden sich in einer Zwickmühle. Einerseits sind sie auf den Hersteller angewiesen - der Konzern stellt Autos und Marke, derzeit handeln beide Seiten die neuen Verträge für den Handel aus. Andererseits fürchten sie nach dem Diesel-Urteil eine weitere Verunsicherung ihrer Kunden, die zu Absatzrückgängen führen könnte. Und müssen für ein mögliches Misstrauen der Kunden in die Hersteller sensibel sein.

Im Herbst 2017 hatte Händlerverbandschef Dirk Weddigen von Knapp VW in einem SPIEGEL-Gespräch vorgeworfen, der Konzern lasse die Autoverkäufer mit den Folgen des Abgasskandals im Stich - und umfassende Hardware-Nachrüstungen an den Fahrzeugen gefordert. Nach der Entscheidung der Leipziger Richter will Deutschlands oberster VW- und Audi-Händler für diese Nachrüstungen nun nicht mehr nur den VW-Konzern bezahlen lassen - sondern auch die Steuerzahler.

Zur Person
  • Oliver Vosshage
    Dirk Weddigen von Knapp ist Chef des Volkswagen- und Audi-Partnerverbands. Er vertritt mehr als 1300 Händler und knapp 1000 Servicepartner der Marken VW und Audi. VW vertreibt rund drei Viertel seiner gut 600.000 jährlich verkauften Autos in Deutschland über die Händler.

SPIEGEL ONLINE: Sie fahren selbst einen Diesel-Golf. Wissen Sie schon, wie Sie künftig in die Städte gelangen?

Dirk Weddigen von Knapp: Selbstverständlich mit meinem Euro-5-Golf, den meine Familie und ich fahren. Die Städte haben laut Urteil zwar das Recht, Fahrverbote zu erteilen. Aber sie dürfen es nur in einem sehr eingeschränkten Rahmen, als letzte Möglichkeit. Das bedeutet, es würde für Fahrzeuge der Euro-Abgasnorm 4 beginnen - und auch nur in den Straßen, in denen es für die Luftreinhaltung nötig ist. Euro-5-Fahrzeuge würden dem Urteil zufolge frühestens ab 1. September 2019 infrage kommen und die Euro-6-Fahrzeuge sind überhaupt nicht betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Sind auch Ihre Kunden so entspannt?

Weddigen von Knapp: Nicht alle. Einige befürchten, dass ihr Diesel jetzt weniger wert ist. Manche möchten keinen Diesel mehr kaufen, weil sie glauben, dass sie damit nicht mehr in die Städte fahren dürfen. Für uns bedeutet das ein hohes Risiko. Wie sich das auf unsere Verkaufszahlen auswirkt, ist noch offen. Wir haben den höchsten Auftragsbestand, den wir je hatten und sind über den aktuellen Absatz sehr glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Das Urteil gilt erst mal nur für die Städte Stuttgart und Düsseldorf. Was ist mit den anderen Kommunen, in denen unterschiedliche Regelungen drohen?

Weddigen von Knapp: Wir dringen darauf, dass es keinen Flickenteppich gibt. Stellen Sie sich einen Handwerker mit Diesel-Fahrzeug ohne Ausnahmegenehmigung im Ruhrgebiet oder anderen Ballungsräumen vor: Der könnte um seine Mobilität und damit sein Geschäft gebracht werden. Das wird eines der ersten innenpolitischen Themen für die neue Große Koalition sein.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher, dass eine einheitliche Regelung kommt? Das Bundesverkehrsministerium hatte es zuletzt auch nicht geschafft, neue Regeln zur Verminderung der Abgaswerte einzuführen.

Weddigen von Knapp: Das ist das Mindeste, was eine neue GroKo leisten muss. Geregelt werden muss, wie die Kommunen überhaupt ein Verbot erlassen können und wie es gegebenenfalls kontrolliert wird. Wollen Sie jedes Auto anhalten?

SPIEGEL ONLINE: Auch andere Verbote müssen kontrolliert werden. Außerdem gibt es schon länger den Vorschlag für eine Blaue Plakette, die schadstoffarme Fahrzeuge kennzeichnet.

Weddigen von Knapp: Die müssen Sie trotzdem erst mal schaffen. Erinnern Sie sich noch an die grüne Plakette? Das war ein Prozess von eineinhalb bis zwei Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Das Urteil kam aber auch für Sie nicht überraschend. Zuvor hatten ja schon Gerichte in Düsseldorf und Stuttgart entschieden. Was tun Sie denn, um Fahrverbote zu verhindern?

Weddigen von Knapp: Wir haben unseren Hersteller aufgefordert, Nachrüstungen anzustreben. Das werden wir auch weiter tun. Wir fordern das für alle VW-Fahrzeuge mit der Euro-5-Norm, um Fahrverbote komplett abzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Wer soll das bezahlen?

Weddigen von Knapp: Die Autohersteller sind in einer moralischen Pflicht. Wir plädieren aber für einen Fonds, der sich aus Mitteln der Hersteller und aus öffentlichen Mitteln speist. Etwas Ähnliches wurde auf dem Dieselgipfel auch für kommunale Maßnahmen vereinbart und auch die Katalysatoren für die grüne Plakette wurden damals so nachgerüstet. Schließlich hat auch der Gesetzgeber Fehler gemacht und die EU-Grenzwerte einfach durchlaufen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren, dass der Bund die Vorgaben aus Brüssel zur Eindämmung des Schadstoffausstoßes nicht hinreichend rechtlich umgesetzt habe. Aber das EU-Recht verpflichtet nun mal zu einer schnellstmöglichen Einhaltung der Werte. Warum soll dafür außer der Branche auch der Steuerzahler für Hardware-Nachrüstungen aufkommen?

Weddigen von Knapp: Weil die einfach übernommenen Grenzwerte nicht akzeptabel sind.

SPIEGEL ONLINE: Auch VW-Autos tragen dazu bei, dass sie nicht eingehalten werden. Wegen der Folgen der Manipulationen an den Abgasanlagen hatten Sie zuletzt sogar Schadensersatz von dem Konzern verlangt. Was ist daraus geworden?

Weddigen von Knapp: Wir haben für unsere Mehrarbeit im technischen Bereich Unterstützung von VW bekommen und sind ansonsten noch im Gespräch. Die Abwicklung des Abgasskandals ist fast vorbei. Mehr als 95 Prozent der Fahrzeuge haben Softwareupdates bekommen. Was wir jetzt vor Augen haben, ist die Verunsicherung der Kunden.

insgesamt 225 Beiträge
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Seite 1
j.cotton 03.03.2018
1. Steuergelder für Dieselnachrüstung
Kurz und knapp: Frechheit pur!
lafari 03.03.2018
2.
Lieber steuerzahler als dass meine dividende drunter leidet. Hahaha. Mit den deutschen kann man es ja machen.
exHotelmanager 03.03.2018
3. Kein Gewissen
Die Händler haben am Verkauf der Diesel mit Schummelsoftware gut verdient. Wie hoch wird ihr Betrag zur Umrüstung sein?
Proggy 03.03.2018
4. Typisch
Zitat "Wir plädieren aber für einen Fonds, der sich aus Mitteln der Hersteller und aus öffentlichen Mitteln speist." Wieso, soll der Steuerzahler ("öffentliche Mittel"=Steuergelder) die Versäumnisse und die nachgewiesenen und eingestandenen Betrügereien von VW, jetzt finanzieren?
neurieder 03.03.2018
5. Steuergeld?
Der spinnt doch, der Mann. Wenn es VW nicht schafft, technische konforme Dieselautos auf den Markt zu bringen, soll der Steuerzahler dafür blechen? Noch dazu in einer Zeit, in der VW dicke Gewinne einfährt, und das eigene Versagen leugnet, wo und solange es nur geht? Komm runter vom Hohen Ross, Mann. VW hat in Deutschland soviel Vertrauen verloren, da braucht es wirklich keine solchen Dummschwätzer mehr.
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