Rücktritt von VW-Chef Winterkorn Herbst der Patriarchen

In atemberaubendem Tempo hat der Abgas-Skandal Volkswagen-Chef Martin Winterkorn demontiert. Nach Ferdinand Piëch muss damit auch der zweite starke Mann bei VW abdanken. Für den versprochenen Neuanfang reicht das noch nicht.

Winterkorn bei der IAA-Eröffnung: Wandel ganz zum Schluss
AFP

Winterkorn bei der IAA-Eröffnung: Wandel ganz zum Schluss

Von


Der Widerstand von Martin Winterkorn währte 24 Stunden: Am Dienstagnachmittag kündigte der Vorstandschef von Volkswagen noch per Videobotschaft an, er werde trotz des Skandals um manipulierte Abgaswerte nicht zurücktreten. Es dürften "wegen der schlimmen Fehler einiger weniger" nicht sämtliche VW-Mitarbeiter in Verdacht geraten, sagte der 68-Jährige - und meinte damit wohl auch sich selbst. Nahezu um dieselbe Zeit am Mittwoch dann die Kehrtwende: "Volkswagen braucht einen Neuanfang", so Winterkorn. "Auch personell."

In atemberaubendem Tempo hat der Skandal damit die VW-Unternehmensspitze erreicht und hinweggefegt: Erst am vergangenen Freitag hatte die US-Umweltbehörde EPA ihre Erkenntnisse bekannt gemacht, wonach Deutschlands größter Autobauer mithilfe einer speziellen Software den Stickoxid-Ausstoß bei Tests manipuliert. "Wir haben Mist gebaut", räumte US-Chef Michael Horn bereits am Montagabend ein.

Obwohl sich die VW-Aktie Chart zeigen bereits im freien Fall befand, schien Winterkorn zu diesem Zeitpunkt noch zum Kämpfen entschlossen. Vielleicht spürte er ja noch das Adrenalin vom letzten Duell im Blut: Mit den Worten "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" hatte VW-Patriarch Ferdinand Piëch erst im April versucht, seinen langjährigen Vertrauten zu stürzen. Doch Piëch unterschätzte Winterkorns Rückhalt im Aufsichtsrat - und musste selbst gehen.

Nun also hat Deutschlands größter Autobauer innerhalb weniger Monate auch die zweite Führungsfigur verloren. Doch reicht das für den versprochenen Neuanfang? Wohl kaum.

Fotostrecke

6  Bilder
Winterkorn-Rücktritt: Das sind die Kandidaten für die VW-Spitze
Denn noch ist völlig unklar, wer von den Manipulationen wusste. Winterkorn beteuerte zum Abschied lediglich, er sei sich "keines Fehlverhaltens bewusst". Konzernkenner halten es für unwahrscheinlich, dass der VW-Chef in keiner Form über die Manipulationen informiert war. Schließlich gilt Winterkorn als Kontrollfreak, der Mitarbeiter schon wegen kleinster Mängel öffentlich rundmachen konnte.

Der sowohl von Winterkorn als auch von Piëch gepflegte autoritäre Führungsstil könnte allerdings auch dazu geführt haben, dass Untergebene ohne Wissen der Chefs zu Manipulationen gegriffen haben. Gerade in den USA war der Erfolgsdruck zuletzt groß: Der Anfang des Jahres angetretene Michael Horn ist bereits der dritte US-Chef des Unternehmens in kurzer Zeit. Seine Vorgänger mussten schnell wegen mangelnden Erfolgs gehen.

Spröde Ingenieure mit Skandalserie

Doch auch wenn US-Manager des Konzerns Verantwortung treffen sollte: Ohne Unterstützung aus Wolfsburg kann der anspruchsvolle Softwaretrick kaum gelungen sein. Unangenehme Fragen dürften deshalb auch auf frühere Vorstandskollegen Winterkorns wie Entwicklungschef Ulrich Hackenberg zukommen, der mittlerweile in gleicher Funktion bei Audi arbeitet.

Außer der möglichen Verantwortung weiterer Mitarbeiter stellt sich die Frage, wie stark Volkswagen sich als Konzern verändern muss - schließlich ist es bei Weitem nicht der erste Skandal des Unternehmens: von der López-Affäre um angeblich bei Opel gestohlene Unterlagen über den berüchtigten Lustreisen-Skandal, an dem auch der frühere Arbeitsdirektor Peter Hartz beteiligt war, bis zur gescheiterten VW-Übernahme durch Porsche, die mit dem Gegenteil endete. Für einen Konzern, der im Ausland gerne mit dem eher spröden Charme und der Zuverlässigkeit deutscher Ingenieure wirbt, geht es im Umfeld von VW schon länger ganz schön halbseiden zu.

Auf den allerletzten Metern hatte Winterkorn noch begonnen, das Unternehmen zu verändern: Auf der IAA stellte ein ungewohnt lässiger VW-Chef den geplanten Kulturwandel seines Unternehmens vor: Die Tochtermarken sollten mehr Eigenständigkeit bekommen, das von Piëch geprägte Patriarchen-System durch mehr Kollektiventscheidungen ersetzt werden. "Wir sind dabei, Volkswagen ein Stück weit neu zu erfinden", sagte der VW-Chef. Jetzt werden dringend neue Erfinder gesucht.

Mitarbeit: Michael Kröger

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
burkhard.salz@web.de 23.09.2015
1. Herr Winterkorn oder
ein MitarbeiterIn von VW trägt Schuld an dem Dieselproblem. Der gnadenlose internationale Wettbewerb im Automobilbau mit Gewinnsicherung mit Sicherung qualifizierter Arbeitsplätze ergibt so etwas auf das gesamte Auto und betrifft alle Autohersteller. Für diese sogenannten Experten des WWWAutos ist dieser Erfolg nichts anderes wie Hallo Herr Lehrer ich weiss wer im Keller das Licht angelassen hat. VW verfügt über SpitzenIngenieureInnen und die können locker dieses Problem nachbessern. Aber die amerikanischen Behörden wollen keine Nachbesserung sondern Geld und die Zerstörung von tausenden deutschen Arbeitsplätzen um letztendlich jeden guten deutschen und europäischen Bürger in TTIP kapitalkonform zu vergewaltigen. Höflichkeit und Menschlichkeit tut nicht weh passt halt nicht zu der USA UnitedShooterAssociation.
londonpaule 23.09.2015
2. Definitiv falsch dass Winterkorn nichts wusste!!
das ist ein absolutes Ammenmaerchen! Solch eine daemliche Behauptung gerade jetzt noch in die Welt zu setzen - da gehoert der gesamte Aufsichtsrat augenblicklich oeffentlich geohrfeigt! Wie koennten sonst 11 Millionen Fahrzeuge (weltweit) betroffen sein - die kommen nicht aus den USA!! (dort gibts nur 500 000). Dass es diese Zykluserkennungssoftware gibt darueber hat der Spiegel schon vor (ziemlich praezise!) einem Jahr berichtet. Die Schadstoffreduzierung ist offensichtlich ein Kernthema derzeit, es ist vollkommen undenkbar dass der Entwicklungschef bei einem 11Mio mal verbauten Motor nicht weiss wie das erreicht wurde!!!! jedenfalls Winterkorn, und auch Piech wussten ganz genau Bescheid. Und falls je doch (faktisch ausgeschlossen), dann haette er sich nicht um "scheppernde Lenkradverstellungen" oder Spaltmasse (Fugen-Ferdl) kuemmern sollen sondern um die Kernthemen. Aber selbstverstaendlich wussten beide ganz genau Bescheid! das wird auch rauskommen, die Amis haben schliesslich 100% Zugriff auf alle emails, Handygespraeche und vermutlich Bettkommunikation der beiden Herren
Lagavulin 23.09.2015
3. Alte Männer und die Macht
Und wie immer sind es die unanständig überbezahlten alten Männer, die von ihrer Macht nicht lassen können (Blatter läßt grüßen). Und wie immer ist es ein übermächtiger Chef, der angeblich nicht weiß, was in seinem Hause vor sich geht. Beschämend und charakterlos, daß Winterkorn nicht sofort die Verantwortung übernommen und seinen Sessel geräumt hat.
halitd 23.09.2015
4. Es kam wie immer
Erst keine Abtritt, dann doch und mit viel Geld die Flucht vor der Verantwortung. Das ist der Typus deutscher Manager. Arrogante, unfähige, machtgeile und feige Greise. Bald kommt das Bauernopfer und keiner spricht mehr drüber. Wie bei der Deutschen Bank. Es ist so simpel, das Schauspiel.
dedoors 23.09.2015
5.
Wenn Piech sich nicht zu alt für den Posten fühlt, sollte er noch einmal ran. Als Piech bei Audi den 80er B3/B4 und 100er C3/C4 und bei VW den Passat B5 und Golf IV durchgebracht hatte, war der VW-Konzern der beste Autobauer der Welt. Das waren Modelle, die für die Ewigkeit zementiert" wurden unter Regie eines wirklich guten Ingenieurs und Managers. Bis heute gibt es wenige, vielleicht der w123 oder der W201 von Mercedes, die von ähnlich hoher Qualität und Langlebigkeit waren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.