Abgasaffäre VW-Chef Diess kritisiert Verhaftung von Audi-Chef Stadler

VW-Konzernboss Herbert Diess hat mit Unverständnis auf die Verhaftung des Audi-Chefs Rupert Stadler reagiert. Der Schritt sei "nur schwer nachvollziehbar". Er selbst habe Stadler "als Problemlöser erlebt".

Herbert Diess (l.) und Rupert Stadler
REUTERS

Herbert Diess (l.) und Rupert Stadler


VW-Vorstandschef Herbert Diess zeigt sich bestürzt über die Festnahme von Audi-Chef Rupert Stadler. "Das war für mich in der Tat ein Riesenschock", sagte Diess der "Bild am Sonntag". "Der Vorstandschef einer großen Automarke in U-Haft: Das gab es noch nie."

Audi ist eine Tochterfirma des VW-Konzerns - und gilt als Keimzelle des Abgasskandals um Betrugssoftware für Dieselmotoren.

Die Staatsanwaltschaft München hatte den Audi-Chef im Juni wegen Verdunklungsgefahr verhaften lassen. Die Ermittler werfen ihm vor, weiter den Verkauf von manipulierten Fahrzeugen zugelassen zu haben, obwohl er schon davon wusste. Die Verhaftung war nach SPIEGEL-Informationen notwendig geworden, nachdem die Staatsanwaltschaft Stadlers Telefon abgehört sowie E-Mails und SMS ausgewertet hatte.

Kurz nach der Festnahme hatte der VW-Konzern reagiert und Stadler zunächst vorläufig beurlaubt.

"Für mich ist die Festnahme nur schwer nachvollziehbar", sagte Diess nun. "Ich habe Rupert Stadler als Problemlöser erlebt. Als Audi-Chef, der vieles aufklärt." Für ihn sei es eine Frage der Integrität, in schwierigen Situationen fair mit Menschen umzugehen. Solange keine anderen Fakten bekannt seien, gelte für ihn die Unschuldsvermutung. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr von Stadler vorstellen könne, sagte Diess: "Es kommt auf die Fakten an. Sollten die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffen, ist die Entscheidung klar."

Die Chronik der VW-Affäre:

2006
Der VW-Vorstand beschließt, mit dem "Clean Diesel" den amerikanischen Markt zu erobern.
Herbst 2006
Beim Versuch, den Zwei-Liter-Motor so abzustimmen, dass er die strengen Abgasvorschriften in den USA erfüllt, stoßen die Ingenieure an ihre Grenzen. Die Kollegen von der Softwareabteilung sollen helfen. Ein interner Streit entbrennt, weil allen Beteiligten klar ist, dass es sich nur um ein Programm handeln kann, das geeignet ist, die Vorschriften zu unterlaufen. Schließlich entscheidet ein ranghoher Manager - eine Ebene unter dem Markenvorstand - den Streit. Ergebnis des Meetings sinngemäß: Go, aber lasst Euch nicht erwischen!
Januar 2007
Martin Winterkorn steigt vom Entwicklungsvorstand zum allmächtigen Konzernchef auf. Allmächtig, wenn man von Ferdinand Piëch absieht, der als Aufsichtsratschef im Hintergrund die Fäden zieht und nie einen Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen lässt.
2007
Schon früh zeigen sich die ersten Nebenwirkungen der Software-Manipulation: Die Motorsteuerung schaltet immer wieder zwischen Alltags- und Prüfstandmodus hin und her, die Filter der Abgasanlage verstopfen dann schnell. Abhilfe ist teuer, die Produktionskosten würden um 250 Euro pro Auto steigen. Eine Entscheidung, die normalerweise nur von höchster Stelle genehmigt werden kann...
Oktober 2007
Nach Überzeugung der US-Ermittler hat VW mit der Entscheidung, den Clean Diesel mit neu abgestimmter Software weiterhin zu verkaufen, eine rote Linie überschritten. Ab diesem Zeitpunkt ist der Betrug fest in den Genen der US-VWs verankert - und die Ingenieure entwickeln immer ausgefeiltere Methoden, um die Manipulationen vor Entdeckung zu schützen. Der Betrug wird vom vorübergehenden Ausweichmanöver zur Dauerlösung.
Frühjahr 2013
Die technischen Probleme, die die Schummelsoftware verursacht, erfordern weiteres "Feintuning". Die Ermittler sind überzeugt, dass der damalige Entwicklungschef der Motorensparte Heinz-Jakob Neußer die Arbeiten genehmigt hat. Laut Zeugenaussagen soll er schon früh in die Manipulationen eingeweiht gewesen sein.
April 2014
Die Umweltforscher vom International Council of Clean Transportation (ICCT) veröffentlichen eine Studie, die den tatsächlichen Schadstoffausstoß im Alltagsbetrieb entlarvt. Bei VW erkennt man die Brisanz der Studie sofort und berät, was zu tun ist. Ein Vertrauter Winterkorns soll an der Konferenz beteiligt gewesen sein. Ob er seinen Chef einweihte, ist jedoch unklar. Nach Informationen des "Handelsblatts" ging ein schriftlicher Vermerk an Winterkorn, es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass er ihn auch gelesen hat.
2014
Die Unterhändler von VW begegnen den zunehmend drängenden Fragen der US-Behörden EPA und CARB (Kalifornien) mit einer Hinhaltetaktik. Man suche nach dem Fehler, den man sich selbst nicht erklären könne. Das Katz-und-Maus-Spiel dauert Monate.
Juli 2015
Winterkorn bestellt den zuständigen Ingenieur zum Rapport. Nachdem dieser die ganze Dimension des Betrugs erklärt hat, soll der Konzernchef überraschend cool reagiert haben. Das haben laut „Süddeutscher Zeitung“ Zeugen ausgesagt. Es sei der Eindruck entstanden, als ob Winterkorn von der Sache bereits gewusst hätte. Bei dem Treffen soll auch der kurz zuvor von BMW auf die Stelle des VW-Markenchefs gewechselte Herbert Diess anwesend gewesen sein. Der Konzern teilt später mit, der konkrete Inhalt der Besprechung sei nicht im Detail zu rekonstruieren. Von Verstößen gegen US-Recht sei nach bisherigem Kenntnisstand nicht die Rede gewesen.
19. September 2015
Einen Tag nach Eröffnung der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt tritt EPA-Chefin Gina Mc Carthy vor die Presse und macht die Manipulation öffentlich. Winterkorn, der noch am Abend zuvor bei der Eröffnungsparty von VW von Verantwortung für Umwelt und Menschen gesprochen hatte, ist darauf nicht vorbereitet. VW muss gut 480.000 Autos in den USA zurückrufen.
23. September 2015
In einem Video erklärt Winterkorn seinen Rücktritt als Vorstandschef des VW-Konzerns. Er bestreitet jede Kenntnis der Manipulationen. An seine Stelle tritt Matthias Müller, der zuvor die Geschicke von Porsche bestimmt hatte. Derweil werden immer neue Details über die Dimensionen des Betrugs bekannt. Laut Volkswagen sind mehr als elf Millionen Autos mit der fraglichen Software ausgeliefert worden, davon mehr als 8,3 Millionen allein in Europa.
Oktober 2015
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen mehrere Mitarbeiter des VW-Konzerns.
November 2015
Der Skandal zieht immer weitere Kreise. Jetzt sind auch die Drei-Liter-Motoren betroffen, die die Luxusautos von Audi und Porsche antreiben. Der Verkauf auf dem US-Markt wird gestoppt. Die Behörden - speziell in den USA - werden immer ungeduldiger.
Dezember 2015
Ein Gericht in Kalifornien nimmt eine Sammelklage von geschädigten VW-Besitzern an. In Deutschland gerät auch der Zulieferer Bosch ins Visier der Ermittler.
Januar 2016
Das US-Justizministerium erhebt Anklage gegen VW wegen Verletzung des Clean Air Acts. Damit drohen Strafen in Milliardenhöhe. Die US-Umweltbehörde lehnt, anders als das deutsche Kraftfahrtbundesamt, die Umrüstpläne für die 1,6-Liter-Motoren ab.
Februar 2016
Die US-Ermittler erheben Anklage gegen Winterkorn, seinen Nachfolger Müller und den Chef der US-Konzerntochter, Michael Horn. Letzterer, der als Vertriebsmann an den Tricksereien an der Motorsteuerung nicht beteiligt war, verlässt die USA. In Hannover erweitert die Staatsanwaltschaft den Kreis der Verdächtigen von 6 auf 17.
Juni 2016
VW einigt sich mit Umweltbehörden und Verbraucheranwälten in den USA auf Straf- und Entschädigungszahlungen in Höhe von rund 15 Milliarden Dollar. Der gesamte Umrüst- und Entschädigungsplan wird im Frühjahr rechtskräftig.
September 2016
Die Zahl der Aktionäre, die sich von VW geschädigt sehen, steigt immer weiter. Rund 1400 Klagen sind bereits anhängig. Bei Audi muss Technikchef Stefan Knirsch gehen.
November 2016
Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch gerät zunehmend unter Druck. In seiner Rolle als Finanzvorstand des Konzerns ist er nach Überzeugung der Ermittler mitverantwortlich für die Verletzung der Auskunftspflicht gegenüber den Aktionären. Der Vorwurf: Marktmanipulation. Pötsch und der Konzern teilen mit, die Ermittler "in vollem Umfang“ zu unterstützen.
Januar 2017
Das FBI verhaftet Oliver Schmidt, der bis März 2015 für die Kommunikation mit den US-Behörden zuständig war. Die Ermittler werfen ihm Verschleierung vor. Im schlimmsten Fall drohen ihm 169 Jahre Haft. Auch die Zahl der Klagen gegen Topmanager wächst weiter. In Braunschweig führen die Staatsanwälte jetzt auch Winterkorn als Verdächtigen.
Februar 2017
Konzernpatriarch Piëch hat Winterkorn in einer Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig schwer belastet. Winterkorn habe früher als bislang eingeräumt von dem Dieselbetrug erfahren. Piëch selbst habe Ende Februar 2015 den Hinweis erhalten, dass VW ein großes Problem in den USA habe - und zwar vom ehemaligen Chef des israelischen Inlandsgeheimdienstes. Anschließend habe er Winterkorn und später auch die Aufsichtsräte Stephan Weil, Bernd Osterloh, Berthold Huber und Wolfgang Porsche informiert. Alle vier Kontrolleure bestreiten das jedoch.
15. März 2017
Die Staatsanwaltschaft München lässt bei der VW-Tochterfirma Audi Büros durchsuchen. Auch beim Mutterkonzern in Wolfsburg gibt es eine Razzia. Gegenstand der Ermittlungen sind rund 80.000 Autos für den US-Markt, die Audi mit Dieselmotoren ausgestattet hat.
17. April 2017
Ein US-Gericht stimmt einem Vergleich des Justizministeriums in Höhe von 4,3 Milliarden Dollar zu. Damit sind strafrechtliche Ermittlungen gegen Volkswagen beigelegt. Erst im Januar hatte VW ein Schuldbekenntnis und damit Straftaten wie Verschwörung gegen Umweltgesetze und Behinderung der Justizbehörden eingeräumt.
7. Dezember 2017
Der VW-Manager Oliver Schmidt wird zu sieben Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Das US-Gericht sieht es als erwiesen an, dass Schmidt half, die Manipulation von Diesel-Motoren in den USA zu vertuschen. Volkswagen entlässt den Manager daraufhin - angeblich, weil es die Statuten des Konzerns nicht anders erlauben.
3. Mai 2018
Kurz nachdem die US-Justiz Anklage gegen den früheren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn erhoben hat, gewährt sie dem neuen VW-Chef Herbert Diess eine seltene Ausnahme: Er darf weltweit frei reisen, ohne befürchten zu müssen, im Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Dieselmanipulationen verhaftet zu werden. Im Gegenzug soll Diess den Ermittlern Auskunft geben.
11. Juni 2018
Daimler muss auf Anordnung von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hunderttausende Dieselfahrzeuge in die Werkstätten holen. In den Autos soll die Abgasreinigung manipuliert worden sein. Die Zahl der europaweit betroffenen Fahrzeuge beträgt rund 774.000. Gleichzeitig wird bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen Audi-Chef Rupert Stadler ermittelt. Es geht ebenfalls um die Manipulation der Abgasreinigung in Dieselfahrzeugen. Die Staatsanwälte werfen Stadler Betrug vor.
13. Juni 2018
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig verhängt gegen den VW-Konzern ein Bußgeld von einer Milliarde Euro. Das Unternehmen akzeptiert. Von der Entscheidung unberührt bleiben die bei den Gerichten anhängigen zivilrechtlichen Verfahren, etwa die Klagen der Autokäufer sowie die in Braunschweig weitergeführten strafrechtlichen Ermittlungsverfahren gegen derzeit 49 Personen.
18. Juni 2018
Audi-Chef Rupert Stadler wird wegen Verdunkelungsgefahr verhaftet. Ihm wird Betrug beim Verkauf von Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung vorgeworfen. Stadler bestreitet die Vorwürfe. Verdunkelungs- und dazu noch Fluchtgefahr war auch der Grund dafür, dass die Stuttgarter Justiz im April einen leitenden Porsche-Mitarbeiter verhaften ließ. Dritter im U-Haft-Bunde ist ein ehemaliger Chef der Audi-Motorenentwicklung und früherer Porsche-Entwicklungsvorstand. Er sitzt seit September 2017 in Untersuchungshaft. Einer seiner früheren Mitarbeiter bei Audi in Neckarsulm ist seit November 2017 wieder frei.

Eine Führungsschwäche bei Audi sieht Diess durch Stadlers U-Haft nicht. "Bei uns ist das Geschäft so: Wenn der Vorstandsvorsitzende einige Zeit weg ist und das restliche Team ist da, dann merken Sie da noch nicht viel", sagte der VW-Chef. "Dauert es zu lange, dann wird das natürlich zu einem Problem. Aber ich bin überzeugt, dass wir da wieder rauskommen. Denn Audi hat sehr viel Substanz, eine gute Mannschaft und baut weiterhin tolle Autos."

stk/dpa



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Seite 1
max-mustermann 01.07.2018
1.
Der Schritt sei "nur schwer nachvollziehbar" Das zeigt wunderbar wie abgehoben unsere selbstrnannten "Leistungsträger" im Lande inzwischen sind. Recht und Gesetz haben schließlich nur für den gemeinen Pöbel zu gelten aber nicht für die Gangster in Nadelstreifen.
dirk.resuehr 01.07.2018
2. Wie man ein Problem löst
Ganz einfach, schlag nach bei Trump oder Putin. Lügen bis zum Exitus und, hilft das nicht mehr, alternative Wahrheiten erfinden. Dann kann man alles lösen, bis man selbst aufgelöst ist!
lwette 01.07.2018
3.
"Das war für mich in der Tat ein Riesenschock. Der Vorstandschef einer großen Automarke in U-Haft: Das gab es noch nie." - Dann wird's vielleicht mal Zeit...
frankfurtbeat 01.07.2018
4. eigentlich ...
eigentlich gehört der komplette Vorstand weg gebunkert. Soweit nachweislich informiert sind diese Nieten in Nadelstreifen für den verursachten Schaden letztendlich auch in die Privathaftung zu nehmen. Es kann nicht sein, das man sich die Taschen vollstopft und dann auch noch den Staat und die Kunden abzockt - widerlich welche Spezie sich auch noch als unschuldig bezeichnet ... Problemlöser ... wenn man selbst Teil des Problems ist wird es schwierig.
tomymind 01.07.2018
5.
Herr Diess hat Recht! Piech hätte schon vor Stadler einfahren müssen!
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