Dieselaffäre Vier VW-Mitarbeiter belasten Winterkorn und Diess

Was wusste der heutige VW-Konzernchef Herbert Diess über den Abgasbetrug wirklich? Nach SPIEGEL-Informationen haben vier Beschuldigte ausgesagt, er und sein Vorgänger Martin Winterkorn seien frühzeitig informiert worden.

Herbert Diess, seit April 2018 Vorstandschef der Volkswagen AG
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Herbert Diess, seit April 2018 Vorstandschef der Volkswagen AG

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In der VW-Dieselaffäre geraten der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn und der amtierende Vorstandsvorsitzende Herbert Diess immer stärker in den Blick der Justiz. Nach SPIEGEL-Informationen haben vier in der Affäre beschuldigte Techniker und ehemalige Manager bei der Staatsanwaltschaft in Braunschweig Aussagen getätigt, die Winterkorn und Diess belasten könnten. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

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Dabei stimmen sie im Kern in ihren Aussagen überein, dass die VW-Führungsspitze frühzeitig und umfassend über die in den USA eingesetzte Umschaltsoftware in Diesel-Pkw und über drohende Strafzahlungen informiert worden seien. Trotzdem seien die US-Behörden später hingehalten worden. Auch eine Information für die Aktionäre gab es nicht.

Bei ihren Aussagen beziehen sich die Mitarbeiter auf den sogenannten Schadenstisch am 27. Juli 2015, eine Veranstaltung, die Ex-Chef Winterkorn ins Leben gerufen hatte, um Missstände und Fehler zu besprechen, und an der auch der damalige VW-Vorstand Diess teilnahm.

Bei dem Treffen soll im Kreis von etwa einem Dutzend Managern ungefähr eine halbe Stunde lang über wesentliche Aspekte der später als illegal eingestuften Umschaltsoftware, über drohende Schäden, Strafen und Handlungsoptionen in den USA gesprochen worden sein. Es wurden auch Folien präsentiert, aus denen das Ausmaß des US-Betruges sichtbar geworden sein soll. Ausgeteilte Kopien habe man aus Sicherheitsgründen später wieder eingesammelt.

VW: Nicht den Eindruck eines unlösbaren Problems vermittelt

Trotz der eindeutigen Präsentation seien die US-Behörden im Anschluss an diese Veranstaltung wochenlang hingehalten worden, und die Aktionäre habe der Konzern gar nicht über den Betrug und die Konsequenzen informiert.

VW verbreitet eine andere Version. Danach hat es im Anschluss an den Schadenstisch lediglich eine Art informelles Treffen im kleinen Kreis gegeben. Diess und Winterkorn sei nicht der Eindruck vermittelt worden, dass es ein nicht lösbares Problem in den USA gebe. Schon gar nicht, dass es sich um Betrug handeln könne.

Diess und Winterkorn äußern sich nicht zu dem laufenden Verfahren. Bei internen Untersuchungen haben sie ausgesagt, sie seien nicht über mögliche Gesetzesverstöße informiert worden. Diess will angeboten haben, persönlich in die USA zu fahren und die Probleme mit den dortigen Behörden zu klären.

Bislang hat Volkswagen immer erklärt, die Dieselaffäre sei nur das Werk einer Gruppe von Ingenieuren unterhalb der Vorstandsebene gewesen. Gegen diese geht der Konzern nun in aller Härte vor. Nach SPIEGEL-Informationen droht mehreren Beschuldigten die Kündigung - darunter auch jene, die Diess und Winterkorn belastet haben.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
marcnu, 17.08.2018
1. Solange die Vorstandsposten immer mit eigenen Mitarbeitern
besetzt werden, wird es keinen richtigen Neuanfang geben.
sam-berlin 17.08.2018
2. Zeit wird's...
Es wird Zeit, dass sich Winterkorn und Diess sowie weitere Herren aus der VW-Führungsetage endlich verantworten müssen. Die Mär, dass sich ein paar einsame Ingenieure diesen groß angelegten Betrug ausgedacht haben, ist doch nur eine Lachnummer - wenn es nicht so traurig wäre und andere nicht den Schaden davon getragen hätten. Allen voran die deutschen Käufer von Fahrzeugen aus dem VW-Konzern. Ich hoffe sehr, dass VW dafür noch richtig zur Kasse gebeten wird. Wer jetzt noch Autos aus diesem Laden kauft, dem ist wirklich nicht zu helfen.
sailor60 17.08.2018
3. Immer neue Umschreibungen für die Betrugssoftware
Erst war es ein Schummelsoftware, jetzt eine Umschaltsoftware. In den USA ist lange gerichtlich festgestellt, dass es eine Betrugssoftware ist die eingesetzt wurde. Damit darf man das auch so schreiben!
indianrose 17.08.2018
4. Schadenstisch
Schadenstisch, das klingt nach Winterkorn und Diess. Nur waren bei den 30 Minuten wahrscheinlich einige Personen anwesnd, die einen gewaltigen Dachschaden haben. Und da meine ich die zwei Herren und nicht die Referenten, die dann die Unterlagen vernichten mussten. Warum Winterkorn noch frei herumläuft, ist mir ein Rätsel. BTW, was macht denn der Müller jetzt so den ganzen Tag? Lässt sich vielleicht irgendwo die Sonne auf den Bauch scheinen, da er nicht mehr per Privatjet auf Firmenkosten durch D oder Europa jetten kann. In die USA fährt der bestimmt auch nicht mehr.
acitapple 17.08.2018
5.
Was sagt eigentlich das Land Niedersachsen dazu, das ja größter Anteilseigner von VW ist und unter logischen Gesichtspunkten schon ein Interesse am Funktionieren des Unternehmens haben sollte. Heißt es nicht ständig staatliche Beteiligung würde Umtriebe und Fehlverhalten des bösen Kapitalismus unterbinden ? Komischerweise sind es nur die Heuschrecken, die nach Aufklärung verlangen. Das Land Niedersachsen hält schön die Hand drüber. So viel zur Beteiligung des Staates... und es wird weiterhin gelogen und betrogen ohne Konsequenzen.
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